Warum sind alle Eltern peinlich? Für Kinder gibt es nichts Schlimmeres als vor anderen blamiert zu werden. Ausgerechnet Eltern können das besonders gut. Hintergründe und Regeln für Mama und Papa.

So hart es auch klingt: Eltern können tun, was sie wollen, Kinder werden es peinlich finden. Im Auto mitsingen? Bei Besuch ins Zimmer kommen und die Freunde nach der Familie oder nur dem Befinden fragen? Zahnstocher benutzen? Jemand anderen zurechtweisen? Sich beim Lehrer beschweren? An der Kleidung rummäkeln oder beim Shoppen in die Umkleidekabine schauen? Oje! Manchen Kindern ist es sogar peinlich, dass Eltern das Handy mit dem Zeigefinger statt mit dem Daumen bedienen.
Und als Kind von den Eltern mit dem Auto vor Zeugen abgesetzt zu werden, kann quasi an Rufmord grenzen. Aber da Kinder nun mal nicht vom Himmel fallen und auch nicht Auto fahren dürfen, lässt es sich nun mal nicht vermeiden, sie ab und zu durch die Gegend zu kutschieren. Und das ist genau das Dilemma, von dem wir hier sprechen: Es ist so gut wie unvermeidbar, dass sich Kinder für die Eltern schämen und Eltern peinlich finden.
Viele Eltern wissen nicht so recht, wie sie sich gegenüber ihren Kindern, die jetzt weder Kleinkind noch jugendlich sind, verhalten sollen, und die meisten sind lieber zu fürsorglich, als dass sie sich zu wenig kümmern. Vielen Kindern ist das lästig, sie sind keine Babys mehr und wollen keinesfalls wie ein kleines Kind behandelt werden. Hinzu kommt: Im Grundschulalter beginnen Kinder einerseits, sich von den Eltern abzugrenzen, haben aber andererseits noch nicht genügend Selbstsicherheit, das elterliche Verhalten aus der Distanz zu betrachten. Und daher sind die Eltern einfach peinlich.
Da hilft Eltern nur eines: Bleiben Sie gelassen. Denn selbstverständlich lieben Ihre Kinder Sie weiterhin. Sie bauen in diesem Alter aber eine Fassade auf, um cool und selbstsicher zu wirken, und da kommen ihnen elterliche „Fehltritte“ wie Sabotage am eigenen Image vor. Eine Mutter, die das Schulbrot hinterher bringt, das Kind vorm Schultor absetzt und auch noch ein Küsschen gibt, wird als Zeichen von Unselbstständigkeit gedeutet – und eben das wollen Kinder um jeden Preis vermeiden.

Küssen verboten: Zumindest vor anderen, wenn die Kinder das nicht möchten. Zwar kuscheln und schmusen Grundschulkinder noch gerne, aber nur, wenn sie das wollen.
Warum? Kinder empfinden es zunehmend als Schwäche, die Nähe der Eltern öffentlich zuzulassen. Körperliche Distanz ist für sie ein wichtiger Schritt zur eigenen Persönlichkeit.
Was tun? Bieten Sie Ihren Kindern Körperkontakt Zärtlichkeitenan, drängen Sie ihn aber nie auf. Viele Kinder stören Zärtlichkeiten ohnehin nur in der Öffentlichkeit – achten Sie diese Grenze. Signalisieren Sie stets, dass Sie zum Kuscheln zur Verfügung stehen, akzeptieren Sie aber, dass das Kind jetzt den Zeitpunkt für bestimmt. Abschiedsszenen zum Beispiel können genauso gut zu Hause stattfinden.
Nicht kritisieren: Mama erzählt am Mittagstisch ihren Freunden, dass sie leider ihre kurzen Beine an ihre Tochter weitervererbt hat, Papa ruft seinem Sohn beim Fußball lauthals vom Zuschauerrang Tipps zu. Kinder könnten in solchen Situationen im Boden versinken.
Warum? Wer wird schon gerne auf seine Makel hingewiesen? Und das auch noch vor aller Ohren und Augen. Wenn ohnehin etwas nicht so klappt, wie man möchte, schwächen Hinweise von außen zusätzlich das Selbstwertgefühl. Es gilt: Der einzige, der über sportliche Leistungen meckern darf, ist der Trainer, und nur der Besitzer von kurzen Beinen, der krummen Nase oder der dicken Arme darf sich darüber beschweren.
Was tun? Ganz einfach: Kritisieren Sie Ihre Kinder niemals in der Öffentlichkeit, selbst wenn Sie es gut meinen. Kinder brauchen Eltern, die stolz auf sie sind.
Verantwortung abgeben: Ihr Kind hat nicht hinterherfahren und es ins Klassenzimmerdas Pausenbrot vergessen? Jetzt bloß bringen.
Warum? Gluckerei der Eltern verstehen Kinder als Zeichen ihrer eigenen Schwäche und Unselbstständigkeit. Zudem ist die Sorge groß, von den Klassenkameraden als „Muttis Liebling“ verspottet zu werden.
Was tun? Entspannen Sie sich, Ihr Kind wird schon nicht verhungern und Sie können sich die Rennerei sparen. Zudem lernt Ihr Kind dabei, dass es jetzt selbst Verantwortung übernehmen muss.
Gastgeber statt Glucke sein: Auch wenn Sie die Freunde Ihres Kindes noch aus ihrer Windelzeit kennen, verzichten Sie darauf, sie zu erziehen oder auszufragen. Die jungen Gäste sollen sich wohlfühlen.
Warum? Kinder wollen genau wie wir gute Gastgeber sein, das Besuchskind soll sich wohlfühlen und nicht bevormundet oder zurechtgewiesen werden. Daher achten sie mit Argusaugen darauf, dass es danach nichts Schlechtes zu berichten hat und gerne wiederkommen möchte.
Was tun? Behandeln Sie kleine Gäste wie Ihre eigenen Freunde, denen sagen Sie schließlich auch nicht, dass sie mal wieder zum Friseur gehen könnten oder wie sie die Serviette drapieren oder das Besteck benutzen sollen.
Normal bleiben: Gehen Sie nicht in die Disco, in der Ihre Kinder tanzen. Kaufen Sie nicht dieselben Klamotten wie Ihre Tochter und imitieren Sie nicht den jugendlichen Slang Ihres 13-Jährigen.
Warum? Anders auszusehen, andere Dinge zu mögen, andere Sachen zu wissen, eine Sprache zu nutzen, die Eltern nicht nachvollziehen können oder wollen – all das ist sehr wichtig, damit sich Kinder von uns lösen und selbst groß werden können. Zudem haben Kinder ein feines Gespür dafür, ob sich ihre Eltern wahrhaftig verhalten oder eine Rolle spielen, die nicht zu ihnen passt.
Was tun? Sie müssen nicht zur grauen Maus mutieren, aber genießen Sie es, erwachsen und nicht mehr jugendlich zu sein. Stehen Sie zu Ihrem Leben und geben Sie damit Ihren Kindern Halt und Orientierung statt falscher Anbiederung an ihren Lebensstil.

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