
Halbherzige Botschaften überfordern Kinder. Ein eindeutiges „Nein“ dagegen gibt ihnen Sicherheit, ein ebenso klares „Ja“ stärkt ihr Selbstvertrauen.
„Na, soll Mama jetzt mal zur Arbeit gehen?“ Was für eine Frage beim Abschied im Kindergarten. Natürlich nicht! Kinder möchten lieber mit der Mama in der Bauecke Klötzchen stapeln. Ein eindeutiges „Tschüss, ich gehe jetzt“ wäre einfacher und konfliktfreier gewesen. Denn kleine Menschen, die gerade erst lernen, wie die Welt, die Sprache und das Miteinander funktionieren, brauchen Klarheit und keine kommunikativen Verwirrspiele, sonst verstehen sie nämlich nur eines: Bahnhof.
Aber ohne es wirklich zu wollen, senden wir oft „Doppelbotschaften“ aus, wie Kommunikationswissenschaftler das nennen. Wir sagen zum Beispiel halbherzig nein und grinsen dabei, für Kinder ein klares Startsignal für noch mehr Schabernack. Unsere Mimik und Gestik werden von unseren Kleinen nämlich sehr genau beobachtet.
Fakten dazu, wie Kinder Worte verstehen:
„Kinder kommunizieren ganzheitlich. Sie hören nur auf Worte, wenn sie stimmig zu Tonfall, Gestik und Mimik passen“, sagt der Familienberater Dr. Jan-Uwe Rogge.
Oft reden wir auch einfach zu viel auf unsere Kinder ein. Aber die sind ganz schön schlau: Schnell lernen sie, dass sie der elterlichen Geräuschtapete nicht allzu viel Beachtung schenken müssen. Sollte mal etwas wirklich Wichtiges dabei sein, wird es garantiert noch mal gesagt. Das beobachtet auch die Hamburger Erzieherin Nadine Burow: „Die Eltern meinen es gut, aber manchmal erklären sie zu viel und diskutieren zu lange – sogar mit den ganz Kleinen.“ Und merken dabei nicht, dass ihre Kinder längst abgeschaltet haben oder die ausführlichen Begründungen überhaupt noch nicht verstehen kann. Oder sie reden weiter, obwohl das Kind längst verstanden hat. Der Kommunikationsprofi Jan-Uwe Rogge bestätigt diese Beobachtungen und rät: „Je jünger ein Kind ist, desto klarer müssen die Worte sein. Kurz und knapp ist viel besser als lang und ausführlich.“
Kurz und klar, das bedeutet auch: nein zu sagen, wenn man nein meint. Und dabei zu bleiben. Das macht den Alltag leichter, für Eltern genauso wie für Kinder. Denn mit ausweichenden Formulierungen oder halbherzigen Verboten kommen Kinder am Ende schlechter zurecht, als mit einer eindeutigen Ansage. „Ein Nein bedeutet immer Frustration und Enttäuschung. Aber es ist etwas, das Kindern, wenn sie erwachsen geworden sind, täglich im Leben begegnen wird“, sagt der Wiesbadener Pädagoge Dr. Holger Schlageter. „Und wenn Erziehung einen Sinn hat, dann doch den, die Kleinen auf ihr Leben später möglichst optimal vorzubereiten.“
Ein Nein der Eltern gibt dem Kind die Chance, zwei Dinge zu lernen:
Die mächtige Wirkung des kleinen Wortes beeindruckt Kinder natürlich. Und es dauert nicht lange, da trompeten sie es uns auch entgegen: „Nein, das will ich nicht!“ Kinder beschließen zum Beispiel einfach, den Teller nach dem Essen nicht mehr in die Küche zu tragen. Jeden Tag das gleiche Spiel. So etwas kann, je nach Stresslevel und Laune, ganz schön an den Nerven zerren. Die folgenden Strategien können Eltern helfen, in solchen Situationen gelassen zu bleiben.

In den ersten beiden Lebensjahren können Kinder den Sinn eines Neins nicht verstehen, sondern nur reflexhaft darauf reagieren. Sie erkennen am Tonfall oder am harten Klang des Wortes, dass etwas nicht stimmt – und halten vielleicht inne. Doch bei nächster Gelegenheit werden sie wieder schauen wollen, was passiert, wenn man einen Wasserbecher umdreht. Die Überlegung: „Papa hat einmal nein gesagt. Also soll ich grundsätzlich kein Wasser ausschütten“, kann ein Kleinkind überhaupt noch nicht leisten. Wenn es seine „Missetaten“ wiederholt, dann nicht, weil es ungehorsam ist oder um die Eltern zu ärgern, sondern aus Neugier. Es erledigt schlicht seine Entwicklungsaufgabe.
„Strafen sind in solchen Situationen ganz unangemessen. Statt zu einem Lernprozess führen sie nur zu Frustrationen und beschädigen die Beziehung zwischen Eltern und Kindern“, sagt die Rosenheimer Kinderpsychologin Dr. Christiane Kaniak-Urban. Also alles geschehen lassen? Natürlich nicht. Doch weil der Erkundungsdrang eines Babys grundsätzlich etwas sehr Positives ist, sollten Eltern so viel wie möglich mit Lob arbeiten und richtiges Verhalten positiv bestärken, so die Expertin. Und diese Empfehlung gilt über die ganze Kindheit hinweg. Denn ein herzliches, zugewandtes Ja zu all den wunderbaren Lebensäußerungen, den drolligen Ideen und großen und kleinen Heldentaten ist genauso bedeutsam für die Entwicklung eines Kindes wie die Konsequenz beim Nein. Positive Rückmeldungen bestärken und ermutigen Kinder. Das hilft ihnen dann auch, Grenzen leichter zu akzeptieren.
Wer einmal 'Nein' sagt, sollte fünfmal 'Ja' sagen
Der amerikanische Beziehungsexperte John Gottman rät Paaren: Wer einmal kritisiert, sollte seinen Partner danach fünfmal loben. Für Kinder gilt die 1:5 - Regel genauso: Auf ein Nein sollten sie mindestens fünfmal hören, dass sie eine prima Idee hatten, etwas fein hinbekommen haben oder einfach, dass sie ein rundherum wunderbares Kind sind. Zum Glück geben sie uns jeden Tag ganz viele Anlässe, das festzustellen.

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