„Aufschieben hat auch sein Gutes“
Zeitdruck kann kopflos machen - oder effektiv und kreativ. Die Psychologin Angelika Faas über positive Aspekte des Aufschiebens
Familie&Co: Manche Menschen erledigen Wichtiges immer erst zum spätmöglichsten Termin, oft unter Zeitdruck. Was ist daran gut?
Diplompsychologin Angelika Faas: Als Kind wurden wir immer mit Weisheiten à la „Was du heute kannst besorgen
“ belehrt. Als sei es besonders edel, alles immer sofort wegzuschaffen. Wer sagt, dass es verwerflich ist, Dinge erst am letztmöglichen Termin zu erledigen? Ich glaube, dass ein solcher moralischer Zeigefinger gerade für Kinder gar nicht hilfreich ist. Sie sollten ohne unnötige Schuldgefühle lernen, ein eigenes Zeitmanagement zu entwickeln.
Außerdem: Eine „innere Bremse“, die uns dazu bringt, Dinge warten zu lassen, hat oft ihre Berechtigung. Sie bewahrt uns davor, kopflos in Hektik zu verfallen. Während die Arbeit scheinbar unbeachtet herumliegt, können wir uns innerlich damit beschäftigen. Vermutlich wird das Ergebnis dadurch besser.
Hilft Zeitdruck uns tatsächlich dabei, uns besser zu konzentrieren?
Auf jeden Fall hilft er Groß und Klein dabei, Prioritäten zu setzen. Unter Zeitdruck sind wir automatisch weniger anfällig für Ablenkungen. Angesichts wirklich knapper Zeit ist man nämlich nicht versucht, sich erst mal einen Kakao zu machen oder mit der besten Freundin zu telefonieren.
Es kann aber auch passieren, dass wir den Kampf gegen die Zeit verlieren und Dinge unerledigt bleiben
Richtig, aber sogar das hat oft seine guten Seiten! Wer auch mal was vermasselt, schützt sich damit vor übertriebenen Erwartungen. Wer hingegen immer alles irgendwie hinkriegt, stellt fest, dass seine Umwelt das bald für selbstverständlich hält - und einfach die Anforderungen immer weiter hochschraubt.
Für manche Menschen scheint Zeitdruck ja wie ein positiver Kick zu wirken. Womit hängt das zusammen?
Eigentlich ist es doch das Schlimmste, wenn unsere Umwelt uns gleichgültig gegenübersteht, wenn niemand sich dafür interessiert, ob wir etwas erledigen und wann. Kinder, die von ihren Eltern maßvoll gefordert werden, empfinden das vordergründig vielleicht mal als unangenehm. Vor allem gibt es ihnen aber das Gefühl, geliebt zu werden und wichtig zu sein.
Sie merken: Jetzt kommt es auf mich an! Außerdem kennt doch jeder die Euphorie, die sich einstellt, wenn wir etwas im letzten Moment doch noch geschafft haben. Auf eine solche Leistung sind wir meist besonders stolz und fühlen uns dadurch unangreifbar und so richtig lebendig.

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