
Streit ist unter Kindern keine Seltenheit. Wie Kinder lernen Konflikte zu lösen und was Sie als Eltern bei einem Streit tun können.
Wenn Kinder streiten, liegen bei uns Eltern die Nerven blank. Deshalb sprechen Eltern dann ein Machtwort, trennen die Streithähne, drohen, brüllen, flehen, meckern, tricksen, lenken ab und verlieren den Überblick. Eltern lassen sich im Handumdrehen in den Streit verwickeln, machen voreilig einen Schuldigen aus, entscheiden blind, wer Recht hat und präsentieren ungefragt eine Lösung für den Konflikt.
Kann man machen, aber es hilft nicht viel. Denn: Im nächsten Augenblick geht der Streit von vorne los. Grund für Streit gibt es genug:
Harmonie gedeiht auf dem Boden überstandener Auseinandersetzungen - und nicht dank ihres Ausbleibens. So richtig schön streiten, doch, doch, das geht! Aber dafür brauchen Kinder eine kleine Anleitung und Eltern, die sich auf die Position wohlwollender Neutralität beschränken: unparteiisch, vermittelnd und auf Regeln bestehend.
(Siehe dazu: Streit-Regeln für Erwachsene, Streit-Regeln für Kinder)
Allerdings tun Erwachsene sich sehr schwer mit der gelassenen Sicht auf das Geschehen. Wenn Geschwister streiten, wird dadurch nämlich das Wunschbild von der harmonischen Familie ins Wanken gebracht, in der unentwegt eitel Sonnenschein herrschen soll. Die Kinder selbst sehen das anders: „Streiten ist auch Spaß“, versichern schon Vierjährige. Viel von dem schlechten Beigeschmack, der den Streit unter Geschwistern, aber auch den Streit unter Freunden begleitet, zeugt mehr von der Konfliktscheu der Erwachsenen als von echter Bosheit, Niedertracht und Gemeinheit.
Kinder treten im Streit offen gegeneinander an - vorausgesetzt natürlich, ihre Eltern halten das aus und erlauben ihnen, Gefühle auszuleben. Auch die Ermunterung, Aggressionen in unschädliche symbolische oder kreative Bahnen zu lenken, kann viel Gutes bewirken.
Mit ihrem Hickhack führen Kinder den Eltern auch vor Augen, dass Erwachsene viel weniger friedfertig und freundlich zueinander sind, als sie wahrhaben wollen. Verlangen Eltern friedfertiges Verhalten von den Kindern, weil sie selbst so viel Mühe damit haben, Konflikte und Streit konstruktiv und einfallsreich zu lösen? Erstarren, tagelanges Angiften und böses Schweigen - das kennen Erwachsene eher von sich selbst. Es gibt Krach, aber keinen Kalten Krieg im Kinderzimmer. Kinder sind erfindungsreich und verfügen über ein breites Repertoire, sich zusammen zu streiten.
Wenn Kinder sich mal ausdauernd streiten, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht in der Lage sind, ihren Streit selbst beizulegen. „Gerade die sozial sehr aktiven Kinder sind es, die häufiger als andere in Streitereien verwickelt sind“, sagt die Diplompädagogin Mechthild Dörfler, die zusammen mit Gisela Dittrich und Kornelia Schneider eine Beobachtungsstudie für das Deutsche Jugendinstitut in München durchgeführt hat: Jahrelang erforschten sie das Konfliktverhalten von Kindern in Kindertagesstätten. „Bedenklicher ist eher, wenn Kinder nie in einen Streit verwickelt sind.“
Auf das Wie des Streitens komme es an, nicht darauf, wie oft oder wie laut Kinder streiten. Dabei gelingen schon kleinen Kindern beachtliche Lösungen, die genauer verraten, worum es im Streit eigentlich geht - vorausgesetzt, die Kinder haben die Lösung selbst gefunden (siehe dazu: Streit-Regeln für Kinder).
So berichtet Mechthild Dörfler von zwei Mädchen im Kindergarten. Franziska sitzt am Tisch, Iris steht dahinter. Kaum hat Franziska ihren Platz kurz verlassen, setzt sich Iris auf ihren Stuhl. Franziska kommt zurück und ist sauer: „Du sitzt auf meinem Platz!“ Iris macht ihr darauf den Platz frei und erwidert: „Ja, ich hab ihn dir doch nur freigehalten.“ Mechthild Dörfler erkennt in Iris' Antwort das verdeckte Beziehungsangebot. „Indem Iris Franziska signalisiert, dass sie sich um ihren Platz sorgte, übermittelt sie ihr eine fürsorgliche Geste der Wertschätzung. Franziska verstand das Angebot, und später entwickelte sich ein enger Kontakt zwischen den beiden.“
Häufig geht es bei genauerem Hinsehen beim Streit um etwas anderes als um das, was auf den ersten Blick sichtbar wird. Hinter fliegenden Bausteinen, Gerangel um den Stuhl, gemeinen Ausdrücken und Ähnlichem stecken oft Motive, die für ein bestimmtes Alter typisch sind:
Das sind Streitfragen, die Spielfreunde umtreiben, ganz ähnlich wie die, über die Geschwister aneinandergeraten.

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