Wie sich Eltern auf diese und andere Fragen zum Thema Sexualität vorbereiten können und was Kinder in puncto Aufklärung wissen sollten.

Die Fragen nach den wirklich wichtigen Dingen werden gefühlt immer in unpassenden Situationen gestellt. "Wie kommt das Baby in den Bauch?", diese Frage bringt Eltern erst mal ins Grübeln. Beate Martin leitet seit 25 Jahren als sozialpädagogische Psychologin Elternkurse bei Pro Familia und berät Kindergärten in Sachen Sexualerziehung. Ihre Erfahrung: "In den ersten Lebensjahren des Kindes denken Eltern, es sei noch zu früh, das Thema anzuschneiden. Sie wissen oft auch nicht genau, wie sie es anfangen sollen, weil es ja immer auch um eigene Gefühle geht." Sind die Kinder dann neun oder zehn Jahre alt, haben sie möglicherweise schon alles zum Thema Aufklärung über Freunde oder aus dem Internet erfahren.
Christa Kursch-Anbuhl, seit 30 Jahren Familienberaterin, sieht mit Sorge, dass über permanent verfügbare Internetzugänge viel zu früh einschlägige Bilder in die Köpfe der Kinder gelangen können, bevor ihnen die Grundzüge der Sexualität erläutert werden. Die Expertin rät Eltern deshalb, ihren Kindern so früh wie möglich zu signalisieren, dass sie mit allen Fragen rund um Schwangerschaft, Geschlechtsverkehr, Sex und Geburt zu ihnen kommen können.
Sinnvoll sei es auch, sich auf das Thema Aufklärung vorzubereiten, um sofort reagieren zu können, wenn eine Frage kommt (siehe Gesprächsleitfaden auf der nächsten Seite). Christa Kursch-Anbuhl: "Ein Aufklärungs-Bilderbuch können Sie so im Bücherregal platzieren, dass es zur Hand ist, wenn Ihr Kind Fragen stellt oder selbst darin blättern will. Ältere Kinder können dieses Angebot nutzen, ohne die Eltern einbeziehen zu müssen."

Sexualität löst starke Gefühle aus. "DAS hast du mit Papa gemacht?" fragen Kinder oft entgeistert, wenn man ihnen erklärt, wie das Baby konkret in den Bauch gekommen ist. Eltern sollten auf Ablehnung oder sogar leichten Ekel gefasst sein und feinfühlig reagieren, sagt Beate Martin. Sie rät dazu, dem Kind zu sagen, dass man seine Reaktion versteht. Aber auch, "dass Sex etwas ist, das Erwachsene eben gern machen und dass das Kind später, wenn es selbst erwachsen ist, anders darüber denken wird als heute."
Hilfreich ist der Schwenk auf die Gefühlsebene. Formulierungen wie "Damals bist du entstanden und das war für Papa und mich ein wundervolles Gefühl" verknüpfen die Erklärung des Zeugungsvorganges mit positiven Empfindungen. Auch Christa Kursch-Anbuhl hält es für wichtiger, Kindern zu vermitteln, dass Sex etwas Schönes ist, als sie mit Sachinformationen zu bombardieren. "Wenn Kinder sehen, dass ihre Eltern im Alltag nett und feinfühlig miteinander umgehen, werden sie Sex viel eher richtig einordnen können und als etwas Schönes erfassen."
Kleinkinder und die meisten Vorschulkinder wollen in der Regel nur eine kurze Auskunft zur Frage "Wie kommt das Baby in den Bauch?". Der Rat der Expertinnen: Kleine Informationseinheiten anbieten und dann auf weitere Fragen warten. Auf keinen Fall sollten Eltern Antworten auf Fragen geben, die gar nicht gestellt wurden.
Anders sieht es bei Schulkindern aus. Sie nutzen das Thema Sexualität gern, um die Reaktion der Eltern zu testen, indem sie provozieren. Hier ist in puncto Aufklärung Feingefühl nötig, um zu erspüren, was genau das Kind mit seiner Frage bezweckt. Es ist nicht selten, dass Neunjährige mit Bildern von sexuellen Handlungen konfrontiert werden, die sie komplett überfordern. Sie können dann nicht einmal eine konkrete Frage stellen, sondern nur merkwürdig formulierte Fragmente herausstottern. In solchen Situationen sollten Eltern nachfragen: "Warum beschäftigt dich das?" oder "Was genau möchtest du wissen?" Spürt man, dass es dem Kind gar nicht so recht klar ist, worum es gehen soll, hilft oft die Ideen-Formulierung weiter: "Meine Idee ist, dass du xy wissen möchtest. Wollen wir uns zusammen auf die Suche nach der Antwort machen?"
Beim Sprechen über Sexualität sind selbst Eltern, die sonst vor keinem Thema zurückscheuen, oft merkwürdig blockiert. Christa Kursch-Anbuhl bestärkt Eltern darin, in ihrer eigenen Sprache, auch mit möglicherweise sehr originellen Bezeichnungen für die Geschlechtsorgane, zu bleiben. Wichtig sei nur, gegenüber den Kindern zu erwähnen, dass es noch andere Bezeichnungen gibt, um sie vor Spott zu schützen. "Es kommt nicht auf die medizinisch korrekten Begriffe an, sondern darauf, ohne Scheu und Verstellung über Sexualität zu sprechen. Da ist die eigene Sprache sehr hilfreich." Das kann eine blumenreiche, eine sehr sachliche, eine witzige oder für manche Ohren raue Sprache sein – Hauptsache, vertraut.

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