Geschwisterliebe: Eine Beziehung fürs Leben

Sie lieben sich – und sind oft ein Leben lang Konkurrenten. Was Geschwister voneinander lernen, ob es einen idealen Altersabstand gibt und warum Gleichbehandlung sogar ungerecht sein kann.


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Eine kleine, gar nicht repräsentative Umfrage unter vier- bis zehnjährigen Nachbarskindern in unserem Mietshaus hat Folgendes ergeben: Ältere Schwestern können prima Haare flechten. Vierjährige Brüder sind keine guten Torwarte. Große Geschwister helfen einem, wenn andere Kinder blöd zu einem sind. Und man hat immer jemanden zum Spielen. Die Kinder fanden aber auch: Doof, dass man immer Kekse und die leckere Fleischwurst teilen muss. Und ein siebenjähriges Mädchen meinte: „Ich streite mich jeden Tag mit meinem Bruder. Und Mama sagt bloß: Vertragt euch wieder.“

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© iStock
Mit Geschwistern aufzuwachsen, ist in Deutschland immer noch der Normalfall: Von den 13 Millionen minderjährigen Kindern in Deutschland haben 47 Prozent eine Schwester oder einen Bruder, 26 Prozent haben zwei oder mehr Geschwister – so die Zahlen des Statistischen Bundesamts für 2014.
Ganz vertraut – und doch nicht ähnlich
Sie kennen einander in- und auswendig. Sind oft die engsten Vertrauten. Trinken jahrelang den gleichen Apfelsaft und essen Fischstäbchen aus derselben Packung. Aber erstaunlicherweise heißt das nicht, dass Geschwister einander besonders ähnlich sind.

Obwohl sie das Erbgut derselben Eltern in sich tragen, eine genetische Ähnlichkeit von etwa 50 Prozent haben und in derselben Umgebung aufgewachsen sind, unterscheiden Geschwister sich in ihren Persönlichkeitsmerkmalen und in ihrer Intelligenz zum Teil stärker voneinander als Menschen, die willkürlich ausgewählt und verglichen wurden. Diese Unterschiedlichkeit ist ein Grund mehr, warum Eltern ihre Kinder möglichst wenig aneinander messen sollten. Jedes der Geschwister hat seine ganz eigenen Stärken und Schwächen und braucht daher individuelle Anerkennung oder eben Förderung.

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Gerade Geschwister mit geringem Altersabstand genießen es sehr, wenn sie Papa oder Mama gelegentlich für sich allein haben und sich alles nur um sie dreht. Seine Kinder stets nach dem gleichen Maßstab zu beurteilen, hieße, ihnen nicht gerecht zu werden – auch wenn’s gut gemeint ist. „Geschwister, die viel verglichen werden und miteinander ständig um die elterliche Liebe konkurrieren müssen, entwickeln eine besonders starke Rivalität und streiten meist mehr als andere“, sagt Carola Bindt, Oberärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamburg. Auch Lehrer vergessen zuweilen, dass herausragende Talente eines Kindes nicht zwingend eine Familientugend sind, die auf alle Geschwister gleich verteilt ist. Eine meiner Schulkameradinnen litt jedenfalls darunter, dass unser Mathelehrer vor der ganzen Klasse von ihrer großen Schwester als „mathematisches Naturtalent“ schwärmte – und erwartete von ihr wie selbstverständlich ähnliche Leistungen. Sie selbst kämpfte aber mit den binomischen Formeln genauso wie wir – und war stattdessen in Sport ein Ass. 
Geschwister lernen unentwegt voneinander
Die Kinderzimmer von Bruder oder Schwester sind ein ideales Trainingslager für die Zukunft. Denn nicht mit den Eltern, sondern mit Bruder und Schwester (oder beiden) wird für spätere Freundschaften und Partnerschaften geübt. Streiten und Kompromisse schließen, das andere Geschlecht kennenlernen, sich in Geduld und Verzicht üben – all dies tun Geschwister zwischen Legotürmen und Puppenhäusern miteinander.

Geschwister bewerten, vergleichen und kritisieren einander. Sie lernen, sich anzupassen, und wollen dabei doch ganz anders sein als der andere. „Diese Rivalität wirkt als Entwicklungsmotor. Eifersucht ist sozusagen Mörtel für die eigene Identität“, sagt der Psychologe Hartmut Kasten, der seit vielen Jahren über die Beziehung von Geschwistern forscht. „Sie spornt zu Leistungen an und hilft, sich abzugrenzen“, so der Experte vom Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik. Kinder mit Geschwistern lernen häufig eher, sich zu positionieren und ihr eigenes Ich zu erkennen.

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Eine Beziehung fürs Leben

Schulkameraden und manche Freunde verlieren wir aus den Augen, von Partnern kann man sich trennen – die Beziehung zu unseren Geschwistern aber ist etwas Unauflösliches. Selbst nach dem ärgsten Streit hören sie nicht auf, Bruder oder Schwester zu sein. „Die Geschwisterbeziehung ist eine der wenigen Horizontalbeziehungen, auf die Menschen heute dauerhaft aufbauen können“, sagt Hartmut Kasten. Geschwister sind einander beständige Begleiter und können unter Umständen stabiler Halt in den Stürmen des Lebens sein. Ob die Beziehung tatsächlich gut ist und auch bleibt, haben die Eltern nicht allein in der Hand. Doch sie können einiges tun, um sie zu fördern. Was dabei unter anderem hilft:

Familienrituale: Gemeinsames Wandern, Feiern oder Vorlesen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Vorbild sein: Wenn die Eltern ein liebevolles Verhältnis zueinander und zu ihren Geschwistern pflegen, färbt das oft – zumindest langfristig – auf die Kinder ab.

Gemeinsame Projekte und Ziele: Wenn Geschwister zusammen Erfolgserlebnisse haben, erzeugt das eine enorme „Tiefenbindung“.

Fairness: Gerechtigkeit walten lassen ohne gleichzumachen – das mindert übermäßige Rivalität. Nischen schaffen: Indem Eltern die Talente aller Kinder erkennen und fördern, ermöglichen sie ihnen, konkurrenzlos zu glänzen.

Offenheit: Ein Kind ist vielleicht extrovertierter als das andere. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, die Geschwister in Schubladen zu stecken, sondern stets offen gegenüber ihrer Entwicklung zu bleiben. 
Neid gehört dazu – und hilft
Weihnachten war bei uns herrlich und schaurig zugleich. Da gab es den geschmückten Baum, das gute Essen und die bunten Päckchen. Aber auch die bange Frage: Was liegt für meinen Bruder auf dem Gabentisch? Haben unsere Eltern seine Wünsche mehr bedacht? Mich überfielen durchaus unschöne Gefühle wie Neid und Eifersucht. Das scheint gerade in unserer Wohlstandsgesellschaft, in der Kinder eher zu viel als zu wenig bekommen, im ersten Moment schwer verständlich, ist aber ein ganz normaler Vorgang. Fast alle Kinder fühlen sich gegenüber ihren Geschwistern benachteiligt. Und vermutlich hat diese Missgunst ihre Wurzeln in unserer Biologie.

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Rein biologisch ist sich jedes Kind selbst am nächsten und versucht daher, das größte Stück vom Kuchen zu ergattern. Die meisten Eltern behaupten dagegen, dass ihnen ihre Kinder gleich lieb und teuer sind. Schließlich verbindet sie mit allen die gleiche genetische Nähe. Psychologen um Dr. Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin haben herausbekommen, dass beide Parteien recht haben könnten. Denn im Lauf der Jahre summieren sich die Zuwendungen, welche die Kinder erhalten, nach ihrem Platz in der Geschwisterfolge. Das Ergebnis: Der „Kontostand“ der Kinder wächst verschieden hoch an. Erstgeborene müssen die ersten Jahre nicht teilen. Günstig wird die Bilanz auch für die Allerjüngsten, aber erst am Ende ihrer Jugendzeit: Wenn die älteren Geschwister aus dem Haus sind, profitieren sie von den ungeteilten Ressourcen im Elternhaus. Rein rechnerisch ergibt sich also ein Nachteil für mittlere Kinder. 
Ausgleichende Gerechtigkeit
Aber können Eltern etwas tun, um die absolute Gerechtigkeit herzustellen? Nein, denn die kann es nicht geben. Nur ein Kind kann das Älteste sein, nur eines das Jüngste. Aber zum Glück gibt es ja so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. So müssen die Erstgeborenen das sogenannte Entthronungstrauma durchstehen, nicht mehr die Einzigen in Mamas und Papas Herzen zu sein, und von Stund an Zuwendung, Zeit und Zärtlichkeit mit einem schrumpeligen Wesen teilen, mit dem sich noch nicht mal viel anfangen lässt. Und der „Kleine“ zu sein, hat durchaus Vorteile: Die Eltern sind entspannter, erfahrener und geduldiger. Untersuchungen haben zwar ergeben, dass Eltern mit ihren zweitgeborenen Babys nicht mehr so viel sprechen wie mit dem ersten. Aber dafür quasseln die großen Brüder und Schwestern wie ein Wasserfall auf die Kleinen ein. Die Jüngeren profitieren aber nicht nur sprachlich von ihren älteren Geschwistern. Noch ein Grund, sie von Herzen zu lieben – auch wenn sie einem manchmal auf den Keks gehen. Aber so ist das nun mal unter Geschwistern!

(von Almut Siegert / erschienen in der familie&co 13/2016)

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