Imaginärer Freund: Wenn das Kind einen Fantasiefreund hat

Freunde, die gar nicht existieren: Ist es ein Grund zur Sorge, wenn ein Kind einen imaginären Freund hat? Das sagen Experten.


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Musst du dir Sorgen machen, wenn dein Kind einen imaginären Freund hat?

Viele Kleinkinder haben einen imaginären Freund. Ist das ein Grund zur Besorgnis?


© iStock
"Und plötzlich gab es Timmy. Timmy war ein Freund meines Sohnes Michael und anfangs dachte ich, die beiden kennen sich aus dem Kindergarten. Doch als ich mich eines Abends auf das Sofa setzen wollte, es aber nicht durfte, weil angeblich Timmy schon dort sitzen würde, hatte ich begriffen: Michi kennt Timmy nicht aus dem Kindergarten, sondern aus seiner eigenen Fantasie. Er hatte sich einen imaginären Freund zugelegt. Und plötzlich war mir die Situation nicht ganz geheuer. Denn Michi sprach ständig von Timmy und den Abenteuern, die sie erlebten. Ich machte mir wirklich Sorgen um meinen Sohn. Mangelte es ihm an Aufmerksamkeit, nun da seine kleine Schwester auf der Welt war? Konnte er mit seinen vier Jahren Fantasie und Realität noch nicht unterscheiden? Fand er zu den anderen Kindern im Kindergarten keinen Anschluss und suchte deshalb Zuflucht in seiner Fantasie? Ich beschloss, den Kinderarzt bei unserem nächsten Besuch darauf anzusprechen …"

Ein imaginärer Freund: Grund zur Sorge?


So wie es Tina mit ihrem Sohn Michael geht, geht es vermutlich vielen Eltern, wenn sie entdecken, dass ihr Kind einen ausgedachten Begleiter hat. Experten schätzen, dass etwa ein Drittel aller Kinder einen Fantasiefreund hat – manchmal für längere Zeit, manchmal nur kurz. Manchmal haben sie mehrere Begleiter, manchmal nur einen. Mal sind es Menschen, mal Tiere oder Fabelwesen. Meist haben die unsichtbaren Begleiter aber das gleiche Geschlecht und das gleiche Alter wie das Kind selbst.

Natürlich stellen sich die Eltern allerhand Fragen: Ist der imaginäre Spielgefährte ein Hinweis auf ein Problem ihres Kindes, das ihnen bis jetzt entgangen ist? In der Tat wurde das Auftreten eines Fantasiefreundes bei Kindern früher oft als ungesundes Zeichen angesehen, das auf Missstände hinweisen könnte. Mittlerweile sind die meisten Psychologen und Kinderärzte aber genau der gegenteiligen Meinung. So kam der Psychologe Jerome Singer von der Yale University zu dem Ergebnis, dass Kinder mit imaginären Freunden insgesamt bessere soziale Kompetenzen haben und kreativer und weniger schüchtern sind als andere Kinder. Auch sei ihr Sprachgefühl besser entwickelt als das von Gleichaltrigen. Dipl.-Psych. Ralph Schliewenz, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Vorstandsmitglied der Sektion Klinische Psychologie des BDP, fasst das Thema so zusammen: "Fantasie setzt Intelligenz voraus." Ein imaginärer Freund sei also nichts Schlechtes, sondern sogar etwas Wünschenswertes und ein Ausdruck von Kreativität und Verstand.

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Warum erscheint der Fantasiefreund?

Welche Bedeutung hat der ausgedachte Gefährte also, wenn er nicht unbedingt für Vernachlässigung und Einsamkeit stehen muss?

Im Alter von drei bis fünf Jahren denken sich Kinder am häufigsten einen Fantasiefreund aus. Das macht auch Sinn, denn zu dieser Zeit entwickelt sich das Sozialverhalten von Kindern besonders stark. Sie lernen neue Umgebungen, wie den Kindergarten, kennen und knüpfen erste richtige Freundschaften. Kinder nutzen ihren imaginären Freund also dazu, neue Eindrücke und Erfahrungen zu verarbeiten. Ihr Fantasiefreund hilft ihnen dabei, die eigenen Gefühle zu verstehen und zu regulieren. So kann der imaginäre Freund ein Begleiter für Situationen sein, die dem Kind Angst machen. Er kann es an lästige Pflichten erinnern. Oder er kann einfach ein Spielgefährte sein, der dem Kind als gleichberechtigter Partner gegenübersteht – und nicht, wie Kuscheltiere, eher untergeordnet ist und vom Kind bemuttert werden muss.

So zeigen Untersuchungen, dass Kinder, die eine negative Erfahrung gemacht haben, im Alltag besser zu Recht kommen, wenn sie einen Fantasiefreund hatten. Das gilt sogar noch bis ins Erwachsenenalter hinein. So sieht das auch Dipl.-Psych. Ralph Schliewenz: "Ein Fantasiefreund kann für Kinder ein Mittel sein, ihre Kreativität zu äußern und sie so als Mittel zur Kommunikation oder Problemlösung zu verwenden." Mithilfe ihres imaginären Freundes können Kinder so Problemlösungsstrategien erlernen. Sie können ihren Begleiter also als Klangbühne benutzen, die es ihnen erleichtert, eine Situation zu analysieren und eine Lösung dafür zu finden. 
Der imaginäre Freund als Sprachrohr und Verbündeter

Kinder nutzen ihren ausgedachten Freund auch als Unterstützung. Ihr Freund kann Wünsche und Bedürfnisse äußern, die das Kind nicht kann. "Timmy mag aber keine Erbsen" oder "Timmy geht immer eine Stunde später ins Bett und findet es doof, dass ich jetzt schon schlafen gehen muss." Dipl.-Psych. Ralph Schliewenz bezeichnet den Fantasiefreund deswegen auch als "Ersatzobjekt, mit dessen Hilfe Wünsche und Bedürfnisse befriedigt werden können." Durch ihren imaginären Freund können Kinder so beispielsweise Dinge äußern, von denen sie befürchten, dass sie den Eltern nicht passen. Denn die Akzeptanz von den Eltern ist für Kinder in diesem Alter besonders wichtig. Sie möchten das Gleichgewicht nicht zerstören und lassen deswegen ihren unsichtbaren Begleiter sprechen.


Wie sollen Eltern mit dem imaginären Freund umgehen?

Eltern wie Tina fragen sich natürlich, wie sie mit dem Fantasiefreund umgehen sollen. "Ich war mir nicht sicher, ob ich so tun sollte, als würde ich Timmy auch sehen oder ob ich das Thema eher ignorieren sollte. Unser Kinderarzt hat mir dann geraten, den unsichtbaren Besucher einfach als Gast zu betrachten, der immer kommt, wenn mein Sohn ihn braucht", beschreibt Tina ihren Umgang mit dem Fantasiefreund. Und das ist auch, was Experten wie Ralph Schliewenz raten: Akzeptieren Sie den neuen Freund Ihres Kindes. Beziehen Sie ihn ruhig in Spiele mit ein oder decken Sie den Tisch für eine Person mehr. Hat der unsichtbare Kerl aber zum Beispiel Extrawünsche beim Essen, dann können Sie Ihrem Kind ruhig sagen, dass auch sein Freund sich an die Hausregeln halten muss. Und: Hören Sie zu. Lassen Sie sich von Ihrem Kind erzählen, wer sein neuer Freund ist, was er mag und nicht mag. Das kann Ihnen viel darüber sagen, was Ihr Kind denkt und fühlt. Denn durch den imaginären Freund kann ein Kind seine Gefühle und Sorgen kommunizieren, über die es sich sonst nicht zu sprechen traut.

Meistens verschwindet der Fantasiefreund von alleine wieder, wenn das Kind gelernt hat, alleine mit seinen Gefühlen und Eindrücken umzugehen.
Wann Eltern aufmerksam werden sollen

Ein imaginärer Freund ist also in den meisten Fällen kein Grund zur Sorge. Aufmerksam sollten Eltern jedoch werden, wenn sich das Verhalten des Kindes plötzlich ändert. Es sich beispielsweise zurückzieht oder auf einmal aggressiv wird. Auch wenn Eltern das Gefühl haben, dass ihr Kind keine Kontrolle über seine Fantasien hat, sollten Eltern genau hinschauen. Schlägt Ihr Kind beispielsweise Einladungen von Gleichaltrigen aus, um mit seinem Fantasiefreund Zeit zu verbringen, bewegt sich die Imagination des Kindes vielleicht in eine nicht so gute Richtung. In solchen Fällen sollten Eltern regulierend – aber nicht wertend – eingreifen. Schlagen Sie Ihrem Kind zum Beispiel vor, den Fantasiefreund bei der nächsten Einladung einfach mit zu nehmen. Haben Sie das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, können Sie sich auch immer von Ihrem Kinderarzt oder einem Kinderpsychologen beraten lassen.

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von Nicole Metz




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