Interview mit Dr. Joachim Bensel und Tipps

Interview mit dem Verhaltensbiologen Dr. Joachim Bensel, Mitinhaber der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie der Menschen (FVM).


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Sind kleine Kinder habgierig?


baby&co: Ist es falsch, Babys Habgier zu unterstellen?


Kinder wollen haben

Wem's gehört, der darf auch bestimmen.


© Thinkstock
Dr. Joachim Bensel: Ja. Denn der Hauptgrund, warum ein Kleinstkind einem anderen sein Spielzeug wegnimmt, ist sein Wunsch, dasselbe zu erleben, was das andere Kind gerade mit diesem Gegenstand erlebt. Ein Beispiel: Ein 18 Monate altes Kind beobachtet, wie ein anderes Kind mit einem Becher und Wäscheklammern spielt und dabei auf interessante Spiel-Ideen kommt, die dem Beobachter noch gar nicht eingefallen sind. Genau diese Varianten möchte das beobachtende Kind nun auch ausprobieren. Darum holt es sich den Klammer-Becher. Es möchte selbst Neues lernen. Es geht ihm nicht darum, den Becher zu besitzen.

Trotzdem entsteht ein Konflikt. Wie können Erwachsene das vermeiden?

Indem sie zum Beispiel zwei oder mehrere identische Spielzeuge anbieten, mit denen sich die Babys gleichzeitig beschäftigen können. In Kleinstkindgruppen haben Erzieher damit gute Erfahrungen gesammelt. Auch zu Hause können Eltern Konflikte so oft vermeiden.

Wann ändert sich diese spielerische Einstellung zu Dingen?

Gegen Ende des zweiten Lebensjahres bekommt der Besitz von Gegenständen eine völlig neue Dimension. Von nun an hat Besitz auch eine wichtige Funktion bei der Auslotung der Rangordnung in der Gruppe. Die Kinder erkennen, dass sie durch den Besitz von Spielzeugen andere Kinder dominieren können. Darum kommt es jetzt auch zu Situationen, in denen ein Kind etwa einem anderen Kind den Bagger wegnimmt, obwohl es gar kein Interesse hat, selbst damit zu spielen. Mit Bösartigkeit hat dieses Verhalten aber immer noch nichts zu tun. Kinder müssen in diesem Alter herausfinden, wie weit sie gehen können und wie viel Einfluss sie haben. Und das regeln sie eben nicht mit Worten, sondern mit Handlungen.
Tipps bei Konflikten zwischen Kindern

Bei Konflikten zwischen kleinen Kindern müssen Eltern oft Schlichter und Vermittler sein. So verhindern Sie, dass allzu viele Tränchen fließen:

➤ Beobachten Sie Besitz-Konflikte so neutral wie möglich und greifen Sie nicht zu früh ein. Denn: Kleinkinder finden häufig selbst Lösungen und können vieles, was Erwachsene 'gerecht' finden, noch nicht nachvollziehen.

➤ Handeln Sie bei Kleinkindern vorausschauend: Wenn Sie sehen, dass sich Kind A für das Spielzeug von Kind B interessiert, bieten Sie Kind A ein ähnliches attraktives Spielzeug an, bevor es Kind B 'beklauen' muss.

➤ Schützen Sie Ihr Kind und andere vor Aggressionen: Trennen Sie Zankhähne, die schlagen, schubsen, zerren, und gönnen Sie ihnen eine Auszeit. Akzeptieren Sie aber, dass körperliche Auseinandersetzungen völlig normal sind.

➤ Üben Sie mit Ihrem Kind Schritt für Schritt das Teilen: Man kann viele Dinge zum Beispiel aufteilen oder abwechselnd benutzen. Wichtige Lern- Aufgabe: Vor dem Nehmen den aktuellen 'Besitzer' eines Spielzeuges um Erlaubnis fragen.

Die gerechte Aufteilung von Besitz ist eine hohe Kunst, die sich erst im Alter von sieben, acht Jahren entfaltet. Zu diesem Ergebnis kamen Schweizer Forscher:

Das Experiment:
An der Universität Zürich beobachteten Wissenschaftler um Studienleiter Ernst Fehr dazu 229 nicht miteinander verwandte Drei- bis Achtjährige. 127 Mädchen und 102 Jungen mussten in verschiedenen spielerischen Situationen entscheiden, ob sie Süßigkeiten mit anderen teilen oder lieber für sich behalten wollten. Das Besondere dabei: Jedes Kind wurde allein (andere Kinder wurden ihm nur per Foto gezeigt) und nur ein Mal getestet. Den Kleinen war also bewusst, dass sie durch großzügiges Verhalten nicht auf eine „Gegenleistung“ hoffen konnten.

Die Ergebnisse:
Die Drei- bis Vierjährigen verhielten sich durchgängig egoistisch. Weniger als zehn Prozent waren zum Abgeben bereit – selbst an enge Kindergartenfreunde nicht. Bei den Fünf- bis Sechsjährigen waren bereits knapp zwanzig Prozent willig, etwas abzugeben. Bei den sieben- bis achtjährigen Schulkindern teilten fast die Hälfte die Leckereien absolut gerecht auf. Wenn es sich bei dem potenziellen Partner um einen Freund handelte, waren sogar annähernd achtzig Prozent der Kinder zum Teilen bereit. Einzelkinder zeigten übrigens generell mehr Freigiebigkeit als Geschwisterkinder.


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