Gerechtigkeitsgefühl: Interview mit Kinderpsychologe Ingo Würtl

Kinderpsychologe Ingo Würtl rät zum Gespräch mit anderen Eltern - und zur Einigkeit zwischen Vater und Mutte.


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Familie&Co: Grenzen setzen, Kompromisse machen, nachgeben: Welche Linie sollten Eltern fahren, wenn der Nachwuchs mit einem „Alle dürfen, nur ich nicht“ seinen Wünschen Nachdruck verleiht?

Ingo Würtl: Auf jeden Fall sollten die Eltern den Wahrheitsgehalt der Behauptung überprüfen. Dazu sollten sie mit anderen Eltern darüber sprechen. Häufig kommt dabei heraus, dass andere Eltern ebenfalls Grenzen ziehen, aber auch unsicher sind und deshalb dankbar die Möglichkeit wahrnehmen, darüber mit anderen Eltern zu reden. Eine günstige Gelegenheit, „Alle dürfen, nur ich nicht“-Probleme anzusprechen, sind auch die Elternabende in den Schulen. Wenn solche Gespräche nicht allzu ernsthaft, sondern gewürzt mit Humor geführt werden, fällt es leichter, Grenzen zu setzen und doch kompromissbereit zu sein.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Kauf materieller Dinge und dem Erlauben bestimmter Verhaltensweisen? Ist z.B. „länger fernsehen“ eher okay als die Anschaffung eines Gameboys?

Die meisten Familien müssen achtsam mit ihrem Geld umgehen und sollten bei ihren Kindern nicht den Eindruck wecken, Geld spiele keine Rolle. Wer als Kind in einer harmonischen Familie lebt, hat großes Glück, gleichwohl muss jedes Kind auch lernen, zu verzichten und auf die Erfüllung von Wünschen zu warten. Einem lang gehegten Wunsch folgt nach der Erfüllung nur selten langes Glück. Seelisch gesunden Kindern aber sind Gameboy und langes Fernsehen nicht so wichtig wie ein anregendes Familienleben mit Spiel, Unternehmungen und fröhlichem Lachen.

Welche Rolle spielt das Alter des Kindes?

Mit zunehmendem Alter übernimmt das Kind für sich selbst mehr Verantwortung. Aber Kinder können sehr verschieden sein, und immer müssen die Eltern Entscheidungen treffen, die auch die Besonderheiten ihres Kindes berücksichtigen. Einigkeit unter den Eltern ist allemal wichtiger, als wenn Vater oder Mutter stur behaupten, sie allein wüssten, was richtig ist.

Wann laufen Eltern Gefahr, manipulierbar zu werden?

Gern versuchen Kinder ihre Wünsche durchzusetzen, indem sie zunächst zur nachgiebigeren Mutter (oder Vater) gehen, um sich dort die Erlaubnis für irgendetwas zu erjammern. Dagegen helfen am besten Einigkeit der Eltern und die Antwort: Ich werde mit Papa (oder Mama) darüber sprechen, du bekommst Bescheid. Das erspart Ärger, und die Festlegung von Grenzen fällt leichter.