Kinder denken "Richtig ist, was für mich gut ist"


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Kinder denken „Richtig ist, was für mich gut ist“

Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr beginnt eine Phase, die als „egozentrische Empathie“ bezeichnet wird. Kinder zeigen jetzt sehr wohl mitfühlende und helfende Reaktionen. Aber sie tun dann vor allem das, was sie sich selbst in einer solchen Situation wünschen würden. Sie folgen zum Beispiel der Überlegung: „Wenn ich traurig bin, brauche ich mein Kuschelkissen. Wenn meine Freundin traurig ist, gebe ich ihr mein Kuschelkissen, damit sie getröstet wird.“ Das ist zwar ein sehr anrührendes Verhalten. Aber es ist immer noch keine echte Empathie. Das Kind erspürt sehr wohl den Kummer des anderen. Aber Bedürfnisse, die von den eigenen abweichen, kann es sich noch nicht vorstellen oder verstehen. Studien haben immerhin gezeigt, dass bis zum dritten Lebensjahr empathische Reaktionen und prosoziales Verhalten deutlich zunehmen. Bis ein Kind  aber solche Werte wie Rücksichtnahme, Fairness oder Höflichkeit verstanden und verinnerlicht sind, dauert es noch länger. Viele Eltern kennen das Phänomen: Sie haben in der Sandkiste hundertmal das Danke-Bitte-Spiel gespielt und Sandförmchen unermüdlich hin- und hergereicht, in der Hoffnung, ihr Kind würde sich daraufhin zu einem höflichen Gentleman entwickeln.Doch nein: Bei nächster Gelegenheit reißt ihr Zweijähriger einem anderen Kind wie ein kleiner Spielplatz-Rambo die Schaufel aus der Hand. Man möchte in den Boden versinken und fragt sich: Was haben wir falsch gemacht? Silvia Wiedebusch beruhigt: „Einem Zweijährigen kann man solches Verhalten noch nicht verübeln, er wird sich weiterentwickeln und sich in einem Jahr in einer solchen Situation vermutlich schon anders verhalten.“ Der Grund: In den ersten zwei bis drei Jahren leben Kinder noch ganz und gar in der Vorstellung: „Richtig ist, was für mich gut ist.“ Erst langsam gelingt es ihnen, ihre Wünsche mit denen anderer abzustimmen.

Gene spielen bei Empathie keine Rolle Ob in der Kita oder auf dem Kindergeburtstag - immer wieder kann man die Beobachtung machen, dass einige Kinder sich mitfühlender verhalten als andere. Woran liegt das? Ist es angeboren? Oder doch eher eine Frage der Erziehung? „Wie in fast allen Entwicklungsbereichen, in denen diese sogenannte ,Anlage-Umwelt-Diskussion' geführt wird, ist man in wissenschaftlichen Studien zu dem Ergebnis gekommen, dass wohl beides eine Rolle spielt“, sagt die Psychologin Silvia Wiedebusch. Aber anders als bei anderen Persönlichkeitsmerkmalen scheint der genetische Anteil bei der Empathie eher gering zu sein, nur etwa 25 %, wie eine Zwillingsstudie mit Kindern im Alter von 14 Monaten bis drei Jahren ergab. „Eltern und andere enge Bezugspersonen des Kindes, zum Beispiel die Erzieherinnen im Kindergarten, können entsprechend sehr viel dazu beitragen, die Entwicklung von Empathie und prosozialem Verhalten anzuregen und zu fördern!“, so die Expertin von der Uni Münster.