Kinder "begreifen" ihren Körper

Meine Nase, meine Ohren, mein Körper: Wie entwickeln Kinder eigentlich ein Selbstbild? Und was haben Doktorspiele damit zu tun? Die verschiedenen Phasen und wie Sie Ihr Kind unterstützen.


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Das bin ich - und ich finde mich gut!

Kinder sind von Kopf bis Fuß mit sich zufrieden.


© iStock
Am Anfang des Lebens erleben Kinder vor allem über ihren Körper, wer sie sind und was sie können. Sie greifen den Ball, sie befühlen ihr Kuscheltier. Kinder rollen, robben und rasseln wie die Weltmeister. Sie spüren Mamas oder Papas Haut, das Fließen des Wassers über ihren Körper. Sie frieren und genießen das Kitzeln von Grashalmen auf der Nase. Und Kinder untersuchen ihre Hände und Füße genauso selbstverständlich wie ihre Geschlechtsorgane.

Hier bin ich, da sind die anderen


Aus diesen Erfahrungen entwickelt sich nach und nach das sogenannte „Körper-Selbst“. Die Kinder nehmen ihren eigenen Körper als abgetrennte Einheit wahr: Hier bin ich. Da sind die Anderen. Wie positiv sich ihr Körpergefühl entwickelt, hängt natürlich auch von der Reaktion der Eltern ab, ob sie ihre Kinder bestärken oder eher bremsen, ob sie vielfältige Erkundungen zulassen oder eher „Pfui“ rufen.

Und alles hängt miteinander zusammen: motorische Kompetenzen, seelische Balance und geistige Leistungsfähigkeit. Vereinfacht gesagt: Wer sich viel bewegen kann, dem fällt das Denken leichter. Wer seinen eigenen Körper gut wahrnimmt, dem gelingt auch die Kontaktaufnahme mit anderen besser. Im Turnverein muss man seine Kinder deshalb nicht gleich anmelden. In den ersten Lebensjahren geht es vielmehr darum, das Körperbewusstsein der Kinder durch alltägliche Sinneserfahrungen zu fördern.

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Berührung, Fingerspiele und Co.

Wenn die Eltern etwa beim Wickeln und Anziehen die verschiedenen Körperteile liebevoll berühren und benennen, nimmt das Baby seine Körperlichkeit positiv wahr: „Alles gehört zu mir. Ich bin so in Ordnung.“ Auch Babymassagen sind in den ersten Lebensmonaten etwas sehr Schönes. Durch die Berührungen werden die Nervenzellen angeregt und komplexer vernetzt. 

Kinder lieben schon früh Fingerspiele, bei denen die Körperteile benannt und berührt werden. Durch diese Verknüpfung von Sprache, Bewegung und körperlichem Empfinden entwickelt das Kind im Kopf Bilder und Assoziationen von sich selbst – und das fördert natürlich die Vorstellung und das Verständnis vom eigenen Ich.
Eltern hemmen manchmal

Doch ohne es zu wollen, hemmen wir manchmal das angeborene Bedürfnis unserer Kinder nach aktiven Körpererfahrungen: In der Eile nimmt man das Ärmchen und stopft es kurzerhand wortlos in die Jacke, oder klemmt sich sein Kind unter den Arm, weil einem gerade die Geduld fehlt, abzuwarten, bis es sich selbst aufgerichtet hat. Oder wir rollen entnervt mit den Augen, wenn sich unser Nachwuchs von oben bis unten mit Matsch beschmiert. Und wir schnallen die Kleinen in der Karre fest, damit es nun endlich mal losgehen kann.

So entwickelt sich die Selbstwahrnehmung
  • 1 / 4
    Saugen und Körperkontakt

    Im ersten Lebensjahr wird alles mit dem Mund erforscht: Das Baby saugt, lutscht und nuckelt. Das ist ebenso bedeutsam wie der ausgiebige Körperkontakt mit den Eltern. Dabei entspannt es sich und entwickelt das Gefühl von Geborgenheit.

  • 2 / 4
    Betasten

    Bald darauf beginnen Kinder, zunächst zufällig, ihre Genitalien zu berühren, und entdecken, wie angenehm das sein kann. Die Lustgefühle von Kindern unterscheiden sich von denen Erwachsener. Sie kennen keine sexuelle Begierde, aber schon im Babyalter kann der Penis steif werden, die Klitoris gereizt und die Vagina feucht sein.

  • 3 / 4
    Ausscheidungen

    Im dritten Lebensjahr lernen Kinder immer besser, ihre Ausscheidungen zu kontrollieren, ein durchaus lustvoller Prozess. Der Familienberater und Autor Jan-Uwe Rogge spricht von „Anal-Erotikern“: „Mal lässt das Kind den Stuhl im Darm los, mal hält es fest.“ Diese Lust leben Kinder oft auch verbal aus und erfreuen sich an Worten wie „Pippikacka“ oder „Furz“.

  • 4 / 4
    Doktorspiele

    Im vierten Lebensjahr wächst das Interesse an der Erkundung des Körpers in kleinen Gruppen. Die Zeit der Doktorspiele hält manchmal bis in die Grundschulzeit an


Es ist aber erwiesen, dass beispielsweise Kinder, die viel gefahren werden, ihre Umwelt weniger wahrnehmen und einen schlechteren Orientierungssinn entwickeln. Warum? Das Gehirn „verbucht“ nur Dinge, die der Körper selber macht. Nur wenn ein Kind selbst geht, spürt es die Kraft seiner Beine – und wie die Energie langsam nachlässt. Wie sich getrockneter Matsch auf der Wange anfühlt, kann man nur an eigener Haut erfahren. Und das befriedigende Gefühl „Ich kann etwas“, setzt erst ein, wenn der Zweijährige den Arm allein in die Jacke bekommt oder selbst den Kissenberg erklimmt.

Kinder mögen ihren Körper
Die Körpererfahrungen der Kindheit begleiten uns durch das ganze Leben. Wie wohl wir uns später in unserem Körper fühlen, wie gern wir ihn mögen, hängt auch davon ab, wie wir Körperlichkeit in der Kindheit erlebt haben. Eine gelungene Sexualerziehung beginnt entsprechend nicht mit dem berüchtigten „Aufklärungsgespräch“, das viele als etwas verkrampfte Angelegenheit in Erinnerung haben dürften. Kluge Sexualerziehung vermittelt Kindern vielmehr von Geburt an eine positive Einstellung zum eigenen Körper. Kuscheln, Kitzeln, Schmusen, Geborgenheit, Vertrauen und schöne sinnliche Erlebnisse - wenn Kinder all das erleben, haben sie gute Chancen, sich zu einem beziehungs- und liebesfähigen Menschen zu entwickeln.

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Kleinkinder & Sexualität

"Lust ist beim Menschen von Anfang an da. Babys saugen an der Mutterbrust, sie genießen Berührungen und spüren, wie angenehm das ist. Wenn sie etwas größer sind, haben sie auch durchaus erotische Fantasien. Das drücken sie mitunter auch klar aus und wir sehen es in ihren Spielen.", weiß Diplom-Pädagogin Ingrid Löbner. Wie Eltern damit am besten umgehen? Der Rat der pro familia-Sexualberaterin: Es bedarf keiner besonderen Aktivitäten und Gespräche - nur, wenn das Kind es wünscht. Eine liebevolle Begleitung reicht völlig aus.

Aufklärung ist also nicht nötig? Nicht ganz - eine gelungene Sexualerziehung bedeutet bis ins Vorschulalter vor allem, ihnen Wärme und Nähe zu geben. "Wenn Kinder ungeniert und geborgen sein können und ihre Körperlichkeit genießen dürfen, ist das die beste Basis, damit sie als Erwachsene ein sinnliches Leben mit einer erfüllten Sexualität führen.", erklärt Löbner.

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