Kinder & Umgang mit Behinderung oder "Warum kann der Mann nicht laufen?"

Inklusion fängt damit an, dass wir Vielfalt als normal ansehen. Dass wir Menschen mit Behinderung nicht mit dem Etikett "hilflos und mitleiderregend" versehen. Dass wir Kinder in ihrer offenen Art bestärken.


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Warum läuft der so komisch?


Kinder haben keine Schranken im Kopf, sie wollen die Welt verstehen. Und alles wissen. Gerade wenn Menschen anders aussehen und eine sichtbare Behinderung haben, müssen die Kleinen der Sache auf den Grund gehen. Dann kommen Fragen auf wie „Warum ist der Mann so klein?“, „Warum sitzt die Frau im Kinderwagen?“ oder „Warum läuft der Mann so komisch?“.


© Thinkstock
Viele Eltern haben in dieser Situation den ersten Impuls, Fragen im Keim zu ersticken - einfach weil sie unsicher sind. Die Folge: Kinder werden aus der Situation herausgerissen, Bus und Bahn eilig verlassen und es fallen Sätze wie „Psst, schau da nicht so hin“. Das sind definitiv die falschen Signale, denn sie bringen Kindern die Scheu vor dem Anders-Sein erst bei. Damit wird der Grundstein dafür gelegt, dass aus einem offenen Kind ein Erwachsener wird, der eben wieder diese berühmten Schranken im Kopf hat. Der unsicher ist und Behinderung nicht als eine Seite der menschlichen Vielfalt empfindet.

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Warum sehen wir eigentlich nie Eltern im Rollstuhl auf der Straße? Und wie bewältigt eine gehbehinderte Frau die körperlich anspruchsvolle Aufgabe einer Mutter?


Sie fragen sich jetzt wahrscheinlich, wie man es besser machen kann. Wir haben ein paar Tipps, die Ihnen hoffentlich ein bisschen von der Unsicherheit nehmen. Die Grundlagen dieser Tipps stammen von Raul Krauthausen, einem Menschen, der es sozusagen wissen muss. Durch die Glasknochenkrankheit ist der Rollstuhl für ihn ein unersetzliches Hilfsmittel.
Fragen erlaubt!


„Angst, Scham oder Verlegenheit ist nicht das, was Kinder im Zusammenhang mit Behinderungen empfinden sollten. Kinder fragen ihre Eltern oft nach mir. Das stört mich nicht....”

von Raul Krauthausen

Das Wichtigste ist: Offenheit! Denn je offener wir mit Menschen mit Behinderung umgehen, desto selbstverständlicher wird das Zusammenleben. Gerade Kindern fällt das leicht - wenn Eltern ihnen nicht von Anfang an vorleben, dass man am allerbesten wegschaut.

Bei sehr kleinen Kindern reicht in vielen Fällen schon die Antwort „Er hat nur ein Aua“, weiß Raul Krauthausen. Bei älteren Kindern ist es jedoch wichtig, nicht einfach etwas zu erfinden, sondern ehrlich zuzugeben, dass man nicht weiß, was der Mensch hat und warum er zum Beispiel nicht laufen kann. Und anzubieten, gemeinsam zu fragen. Für Raul ist das zum Beispiel völlig okay: "Angst, Scham oder Verlegenheit ist nicht das, was Kinder im Zusammenhang mit Behinderungen empfinden sollten. Kinder fragen ihre Eltern oft nach mir. Das stört mich nicht."
Das Anschauen nicht verbieten

Verbieten Sie Ihren Kindern nicht das Schauen. Denn es normal, dass sie sich für neue Dinge interessieren. So ein Rollstuhl ist ja eine spannende Sache, oder ein blinder Mensch mit einem Stock. "Für mich sind 10 bis 60 Sekunden starren in Ordnung. Das verspreche ich!", versichert Krauthausen. Längeres Starren oder gar auslachen sind hingegen nicht in Ordnung. Erklären Sie Ihrem Kind, dass dies für den anderen nicht schön ist und ihn traurig macht. Denn keiner will ausgelacht werden.
Von schlechtem Mitleid und Hilfsmitteln
Ob Rollstuhl oder Blindenstock - Hilfsmittel allein machen einen Menschen nicht aus. Sie werden gebraucht, um das tägliche Leben zu meistern. Das bedeutet aber nicht, dass der Mensch leidet, Schmerzen hat, es ihm automatisch schlecht geht oder er gar hilflos ist. Mitleid wünscht sich kaum ein Mensch mit Behinderung. Je früher Kinder lernen, dass jeder Mensch auf seine Weise fantastisch ist, desto besser. "Kinder sollten sehen, wie Menschen mit Behinderung beteiligt sind, Spaß haben, und - ich wage es zu sagen - cool dargestellt werden.", bringt es Raul Krauthausen auf den Punkt.
Erst fragen, dann helfen!
Meine Kinder sollen hilfsbereit und einfühlsam sein. Diesen Satz unterschreiben bestimmt alle Eltern. Und das ist auch gut so. Aber mindestens genauso wichtig: nicht einfach zu helfen, wo diese Hilfe vielleicht nicht erwünscht oder notwendig ist. „Einem Kind beizubringen, automatisch mir zu Hilfe zu eilen, macht es ihnen schwer, mich als Person, abgesehen vom Rollstuhl, zu sehen. Sie wissen zu lassen, dass ich vieles allein kann, ist eine wichtige Lektion für Kinder.“, erklärt Raul Krauthausen.

Wie unbefangen Kinder mit Behinderung umgehen - im Gegensatz zu vielen Erwachsenen, zeigt dieses spannende Experiment. Das mehr sagt als tausend Worte.



Über Raul Krauthausen



© Sozialhelden e.V.
Raul Krauthausen ist Autor, Aktivist, Gründer des Vereins Sozialhelden. e.V. und Initiator von Wheelmap.org. Als ausgebildeter Telefonseelsorger, studierter Kommunikationswirt und Design Thinker arbeitet Raul seit über zehn Jahren in der Internet- und Medienwelt. Und der Vollständigkeit halber: Raul Krauthausen benötigt aufgrund der Glasknochenkrankheit einen elektrischen Rollstuhl.

Sein Buch können Sie hier über amazon.de bestellen:
➤ Dachdecker wollte ich eh nicht werden.


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