Schau, was ich schon kann!

Immer selbstständiger zu werden, ist für die kindliche Entwicklung von überragender Bedeutung. Wie Eltern sie auf dem Weg zu mehr Autonomie begleiten können.


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Kinder streben nach Selbstständigkeit, sie machen sich auf den Weg, wollen weg vom Erreichten – können diese Reise aber nur antreten, wenn sie um den Hafen wissen, den sie nlaufen können, wenn die Stürme des Lebens toben. Dieser Gedanke ist nirgends anschaulicher dargestellt als im Lied vom kleinen Hänschen. Es ist die Hymne vom Auszug in die Welt, das Lied über die Selbstständigkeit. Dort heißt es: „Hänschen klein, ging allein …“ Hänschen macht sich zu Fuß auf den Weg (wird also nicht mit dem Auto von Termin zu Termin chauffiert). Und weiter: „… in die weite Welt hinein, Stock und Hut steh’n ihm gut, ist gar wohlgemut.“ Hänschen braucht den Stock, der Halt gibt und Geborgenheit vermittelt, wenn man sich auf den Weg in die Eigenständigkeit macht.

Kind zur Selbstständigkeit erziehen

Ein Kind zur Selbstständigkeit erziehen heißt, es eigene Erfahrungen machen zu lassen.


© iStock
Der Auszug in die Welt erfordert Mut, aber eben auch Ermutigung. Jedes Kind, egal welchen Alters, braucht den Hut, benötigt Behütung und eine sichere Bindung. Behütende Sprüche hören sich so an: „Mach’s gut! Du schaffst es!“ Nicht aber: „Sei bloß vorsichtig!“ Oder: „Soll ich nicht doch mitkommen?“ Kinder sind Helden, die sich auf die Reise machen, die spüren: Nur in der Fremde reift man zu einer selbstbewussten, autonomen Persönlichkeit. Um diese Reise erfolgreich zu bestehen, braucht es die aufmunternden Wünsche von Eltern oder auch Großeltern, die diese Reise (hoffentlich) schon erfolgreich hinter sich gebracht haben.

Manche Eltern schießen vor lauter Sorge um ihr Kind weit übers Ziel hinaus


Die fünfjährige Anna hat Eltern, die bei ihrer Erziehung ununterbrochen im Einsatz sind. Anna war als Dreijährige ein quirlig-aufgewecktes Kind, sehr fordernd, zupackend. Kein Wunder, wenn ihr manches im ersten Zugriff misslang – ob beim Basteln, beim Bauen, beim Aufräumen oder beim Spielen. Wer Anna jetzt erlebt, hat ein weinerliches Kind vor sich, das sich nichts zutraut. Ständig umgeben von besorgten Helfern, die Annas Missgeschicke in wehleidiger Tonlage kommentieren: „Ach, Anna, Schätzchen, das tut mir leid!“ – „Ach, Annaschätzchen – dafür bist du noch zu klein!“

Anna hat Eltern, die Nähe und Bindung geben möchten, ihre Tochter damit aber unterdrücken, besser: bedrücken. Anna braucht eigenständige Erfahrungen; nur durch eigenes Tun, das immer wieder auch Frustrationen und Misserfolge mit sich bringt, kann sie wachsen.

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Mit Misserfolg umgehen zu lernen, gehört zwingend zur Selbstständigkeitserziehung

Simon, sechs Jahre, will mit dem Messer ein Muster in die Rinde seines Stocks schnitzen. Er rutscht ab, verletzt sich, aus einer kleinen Wunde rinnt Blut. Aufgeregt rennt er zu seiner Mutter. Die sieht sich das Dilemma an und holt ein Pflaster: „Siehst du, ist doch gar nicht so schlimm!“ Simon kriegt einen freundlichen Klapps auf die Schultern und werkelt weiter. Als sein Vater nach Hause kommt und sieht, was passiert ist, greift er selbst zum Schnitzmesser, um die noch fehlenden Muster in die Rinde des Stocks zu ritzen. „Fertig“, sagt er zufrieden und tröstet seinen Sohn: „Mach dir nichts draus, sowas passiert auch erfahrenen Handwerkern.“

Was Kindern in solchen Situationen nicht hilft, ist das Herunterspielen bzw. die Nicht-Annahme ihrer Gefühle. Für Simon ist es eine schmerzhafte Erfahrung, sich geschnitten zu haben – körperlich und seelisch. Schließlich ist es frustrierend, sich wegen einer Unachtsamkeit so zu verletzen. Und Simon hilft man nicht, indem man, wie es der Vater tut, das Werkstück selbst fertigstellt und dann darauf hinweist, dass so etwas auch anderen passiert. Mit Reaktionen wie dieser fördert man nicht die Selbstständigkeit und den Mut, sich neuen Aufgaben zu stellen. Stattdessen wären aufmunternde Worte und ein Gespräch darüber, wie man das Messer geschickter führen kann, hilfreicher gewesen. Dann würde sich Simon mit neuem Selbstvertrauen an einen weiteren Versuch wagen.
Kritik und Entmutigungen hinterlassen in der Psyche des Kindes tiefe Spuren
Maria, knapp sechs Jahre, will beim Abräumen des Tisches helfen. Ihre Mutter ist zwiegespalten: „Lass mal, Maria. Das ist noch zu schwer für dich.“ – „Aber ich will“, insistiert Maria. „Meike hilft doch auch!“ – „Aber die ist viel größer. Irgendwann kannst du auch helfen.“ Als die Mutter in der Küche ist, greift Maria zwei Tassen, will sie wegbringen. In diesem Moment kommt die Mutter zurück, sieht die Tochter, unsicheren Schrittes, beide Tassen in der Hand. „Pass auf!“, entfährt es ihr unwillkürlich. Maria schaut auf, kommt ins Stolpern, die Tassen schwanken, eine fällt zu Boden und zerbricht. „Siehst du, was hab ich dir gesagt?“ Die Stimme der Mutter klingt ärgerlich. Maria fängt an zu weinen. „Nun, komm! Ist ja nicht so schlimm.“ Als Maria kurze Zeit später die Scherben zusammenkehrt, tritt ihre Mutter ins Zimmer: „Was machst du denn da?“ – „Ich räum auf!“, sagt Maria energisch. Darauf die Mutter: „Aber dann bitte richtig!“

Marias Mutter verlässt den Raum. Als sie nach einiger Zeit zurückkommt, meint sie: „Ich würde den Besen anders anfassen“ – und greift danach. „So, nun lass mal, den Rest mach ich!“

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