Kinder zur Selbstständigkeit erziehen

Wie Sie mit den richtigen Worten Ihrem Kind Selbstvertrauen schenken und es auf dem Weg zur Selbstständigkeit untersützen können.


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Zweifellos ist es wichtig, Misserfolge mit dem Kind zu besprechen. Aber Formulierungen wie „Was habe ich dir gesagt!“ bauen – wie in unserem Beispiel – Maria nicht auf, stellen sie vielmehr als Versagerin bzw. als unfertiges kleines Wesen hin. Der Erwachsene ist dagegen der Besserwisser. Statt verdeckter Ratschläge oder heimlicher Befehle hätte sich die Mutter in Marias Enttäuschung einfühlen können. Der Satz „Ist ja nicht so schlimm“ zeigt jedoch: Sie nimmt die Gefühle ihrer Tochter genauso wenig ernst wie deren Bemühungen, die missliche Lage zu bereinigen.

Manchmal kommt es einfach darauf an, die richtige Formulierung zu finden


Die Mutter meint es zwar gut mit ihrem Kind, indem sie versucht, dessen Probleme zu lösen. Aber: Kinder wollen mit schwierigen Situationen und Problemen umgehen lernen. Nur durch eigenes Begreifen können sie sich von einer Sache auch einen Begriff machen, und nur im Tun können sie sich ihrer Fähigkeiten versichern. Nur wenn das Kind selbst handelt, erprobt es seine Möglichkeiten und Kräfte, erfährt es sich als eigenständiges, autonomes und lernfähiges Wesen.

Dazu gehört natürlich, Frustration und Misserfolg auszuhalten. Dies gelingt Kindern umso eher, je mehr sie sich angenommen fühlen – gerade dann, wenn sie enttäuscht sind. Ein Satz wie: „Das schaffst du doch nicht!“ entmutigt ebenso wie übermäßiges Beschützen – „Dazu bist du noch zu klein!“

"Lass es uns zusammen machen, dann kannst du es beim nächsten Mal schon allein."

"Lass es uns zusammen machen, dann kannst du es beim nächsten Mal schon allein."


© iStock
Zweifellos ist es wichtig, Misserfolge mit dem Kind zu besprechen. Aber Formulierungen wie „Was habe ich dir gesagt!“ bauen – wie in unserem Beispiel – Maria nicht auf, stellen sie vielmehr als Versagerin bzw. als unfertiges kleines Wesen hin. Der Erwachsene ist dagegen der Besserwisser. Statt verdeckter Ratschläge oder heimlicher Befehle hätte sich die Mutter in Marias Enttäuschung einfühlen können. Der Satz „Ist ja nicht so schlimm“ zeigt jedoch: Sie nimmt die Gefühle ihrer Tochter genauso wenig ernst wie deren Bemühungen, die missliche Lage zu bereinigen. 
Es geht darum, Potenziale zu entwickeln und Fertigkeiten neu zu definieren
Andererseits: Maria braucht bei der Suche nach einer Problemlösung die elterliche Mithilfe und Unterstützung. So erfährt sie, dass der erlebte Misserfolg kein subjektives Versagen, sondern nur einen augenblicklichen Mangel an Fertigkeiten darstellt, der durch beharrliches Üben beseitigt werden kann. Will Maria mit dem Zusammenkehren ihre Eigenständigkeit und ihr Können beweisen, so erlebt sie stattdessen eine weitere Entmutigung: Die Mutter entreißt ihr den Besen, anstatt mit ihrer Tochter zu überlegen, wie es anders gemacht werden könnte.

Wie eine konstruktive Lösung aussehen kann, zeigt Björns Umgang mit dem Milchreis: Der Junge, acht Jahre, möchte zum ersten Mal Milchreis kochen. Das Rezept hat er von einer Projektwoche in der Schule mitgebracht. Björn hantiert in der Küche, nimmt die entsprechenden Zutaten, gießt Milch in den Topf, lässt sie aufkochen. Während er den Rezeptzettel nochmals genau studiert, klingelt das Telefon. Er vergisst die Milch, die hochquillt und sich über die Herdplatte ergießt. Björn läuft zurück in die Küche, stellt die Platte niedriger, kann aber nicht verhindern, dass es überall nach angebrannter Milch riecht.

Die Mutter kommt in die Küche, sieht ihren Sohn mit hochrotem Kopf, Tränen in den Augen: „In der Schule hat’s geklappt“, meint Björn traurig. Sie nimmt ihn tröstend in den Arm: „Schöner Mist, nicht?“ Björn reißt sich los: „Nur wegen dem blöden Telefon!“ Beide stehen da, schauen auf den Herd. Die Mutter bückt sich, holt aus einem Schrank Lappen und Putzmittel: „Ich zeige dir jetzt mal, wie ich den Herd saubermache. Sowas ist mir auch schon öfter passiert.“ Sie schaut ihren Sohn an: „Und du hilfst mir, okay?“ Beide machen sich, ohne viel zu reden, ans Saubermachen. Schließlich sagt die Mutter: „Ich koche die Milch auf Stufe 2 und rührte sie dabei immer um. Dann nehme ich den Topf von der Platte und schütte das Milchreispulver rein“, sagt sie – und verlässt die Küche.

Björn versucht es nochmals. Und diesmal klappt es. Mit den Worten „Komm runter, es gibt Milchreis!“ ruft er seine Mutter zum Essen. Als beide am Tisch sitzen, sagt er grinsend: „Manchmal hast du wirklich gute Tipps!“

An dieser Alltagssituation lassen sich einige Handlungsmuster aufzeigen, mit denen Björns Mutter ihren Sohn ermutigt, das Experiment zu wiederholen.
Indem sie seine Enttäuschung annimmt und nicht geringschätzt, lässt sie sich auf ihn ein, zeigt ihm, dass sie ihn ernst nimmt.

• Nicht auf Vollkommenheit achtet die Mutter, sie legt ihr Augenmerk darauf, Björns Fähigkeiten allmählich aufzubauen.

• Sein „Unglück“ begreift sie als willkommene Gelegenheit, seine Fertigkeiten neu zu definieren und zu entdecken.

• Sie ermutigt ihn zur Selbstständigkeit – weil sie weiß, dass Kinder aus Fehlern lernen, wenn man sie dabei unterstützt. 
Ganz wichtig: Fehler machen lassen und Mut zusprechen
Björn wirkt nicht hilflos und abhängig, er ist selbstbewusst genug, aus dem Noch-nicht-Können seine persönlichen Konsequenzen zu ziehen. Anders ausgedrückt: Kinder zu ermutigen heißt, ihnen Erfahrungsräume bereitzustellen, um so Kompetenzen und Geschicklichkeit zu fördern. Und Kinder zu achten bedeutet, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen.

Eltern können manchmal nur schwer mit den Unvollkommenheiten ihrer Kinder umgehen. Je verunsicherter und ängstlicher sich ein Kind zeigt, umso mehr fühlen sie sich häufig gedrängt, es zu unterstützen.

Indes: Wer zu Selbstständigkeit und Autonomie anleiten will, sollte die Courage aufbringen, Kinder „zu lassen“ und „loszulassen“, sollte ihnen Mut zusprechen und sie Fehler machen lassen. Dass dies nicht ohne Blessuren und Schrammen geht, versteht sich von selbst.

(von Dr. Jan-Uwe Rogge* / erschienen in der familie&co Frühling 2017)

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* Zum Autor: Dr. Jan-Uwe Rogge ist Familien- und Kommunikationsberater, Autor von Bestsellern wie „Kinder brauchen Grenzen“ und „Ängste machen Kinder stark“


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