Märchen und Kindergeschichten

Das junggeglühte Männlein (8-12 Jahre)


In jener Zeit, da unser Herr noch auf Erden ging, kehrte er eines Abends mit dem heiligen Petrus bei einem Schmied ein und bekam willig Herberge. Nun geschah es, dass ein armer Bettelmann, von Alter und Gebrechen hart gedrückt, in dieses Haus kam und vom Schmied Almosen forderte. Dessen erbarmte sich Petrus und sprach: „Herr und Meister, wenn es dir gefällt, heile doch seine Plage, dass er sich selbst sein Brot verdienen kann.“ Sanftmütig sprach der Herr: „Schmied, leih mir deine Esse und lege mir Kohlen an, so will ich den alten kranken Mann zu dieser Zeit verjüngen.“ Der Schmied war ganz bereit, und St. Petrus zog die Bälge, und als das Kohlenfeuer auffunkte, groß und hoch, nahm unser Herr das alte Männlein, schob es in die Esse, mitten ins rote Feuer, dass es darin glühte wie ein Rosenstock, und lobte Gott mit lauter Stimme. 

Danach trat der Herr zum Löschtrog, zog das glühende Männlein hinein, so dass das Wasser über ihn zusammenschlug, und nachdem er es fein sittig abgekühlt hatte, gab er ihm seinen Segen: Siehe, flink sprang das Männlein heraus, zart, gerade, gesund und als wäre es zwanzig Jahre. Der Schmied, der eben und genau zugesehen hatte, lud sie alle zum Nachtmahl. Er hatte aber eine alte halbblinde bucklige Schwiegermutter, die ging zum Jüngling hin und forschte ernstlich, ob ihn das Feuer hart gebrannt hätte. Nie sei ihm besser gewesen, antwortete jener, er habe da in der Glut gesessen wie in einem kühlen Tau.
    
Was der Jüngling gesagt hatte, das klang die ganze Nacht in den Ohren der alten Frau, und als der Herr frühmorgens die Straße weitergezogen war und dem Schmied wohl gedankt hatte, meinte dieser, er könnte seine alte Schwiegermutter auch jung machen, da er fein ordentlich alles mit angesehen habe und es seine Kunst betreffe. Rief sie deshalb an, ob sie auch wie ein Mägdelein von achtzehn Jahren in Sprüngen daher gehen wolle. Sie sprach: „Von ganzem Herzen“, weil es dem Jüngling auch so sanft bekommen war. Machte also der Schmied eine große Glut und stieß die Alte hinein, die sich hin und wieder bog und grausames Mordgeschrei anstimmte. „Sitz still, was schreist und hüpfst du, ich will erst weidlich zu blasen.“ 

Zog damit die Bälge von neuem, bis ihr alle Haderlumpen brannten. Das alte Weib schrie ohne Ruhe und der Schmied dachte: „Die Kunst geht nicht recht zu,“ nahm sie heraus und warf sie in den Löschtrog. Da schrie sie ganz überlaut, dass es droben im Haus die Schmiedin und ihre Schwiegertochter hörten: die liefen beide die Stiegen herab und sahen die Alte heulend und maulend ganz zusammengeschnurrt im Trog liegen, das Angesicht gerunzelt, gefaltet und ungeschaffen. Daraufhin entsetzten sich die zwei Frauen, die beide schwanger waren, so, dass sie noch dieselbe Nacht zwei Junge gebaren, die waren nicht wie Menschen geschaffen, sondern wie Affen. Sie liefen zum Wald hinein; und von ihnen stammt das Geschlecht der Affen her.

➤ Kategorie: Grimms Märchen

➤ entnommen aus: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm.Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1912.

➤ angepasst an die zeitgemäße deutsche Sprache


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

mehr zum Thema
lesen Unterhaltung