Märchen und Kindergeschichten

Der Kapitän und der Maat


Der Kapitän und der Maat befahren die Nordwestpassage und machen sich auf die Suche nach einem Schatz. Dieser Schatz birgt jedoch ein ganz besonderes Geheimnis...

Der Kapitän und der Maat saßen faul in einer Hamburger Hafenkneipe. Sie träumten von ihren vielen Erlebnissen. Als es ihnen zu langweilig wurde, lasen sie das Hamburger Abendblatt. Beide faszinierte ein Bericht über die Nordwestpassage. Sie führt an Grönland vorbei, in Richtung Kanada und Alaska, dann durch die Beringstraße in den Pazifik. Hawaii, Japan und die Länder des fernen Osten waren so über einen erheblich kürzeren Seeweg zu erreichen.

Der Grund für diese neue Möglichkeit lag in der Erderwärmung, die die Ränder des Nordpols zum Schmelzen gebracht hatte. „Die Strecke müssen wir befahren“, sagte der Kapitän und der Maat stimmte ihm zu.

Gesagt, getan. Als erstes ging es mit ihrem Schiff  - es war schon ein recht alter Kahn - in eine Werft. Dort ließen sie den Bug mit dickeren Stahlplatten verstärken, um im Falle einer Kollision mit einer Eisscholle das Schiff stabiler zu machen. Absaufen wollten Beide nicht, denn das Wasser am Nordpol ist sehr kalt. 

Nachdem die Arbeiten auf der Werft erledigt waren, besuchten sie den Schiffsausrüster Meister Schnackeltuk. Sie erzählten von ihrer geplanten Tour und kauften bei ihm warme Jacken, dicke Hosen, lange Unterhosen, Schlafsäcke mit Daunenfüllung und eine große Menge Proviant. Dosenwurst, Dosenbrot, Gemüse, Ananas, Kartoffeln, Artischocken, Kaffee, Tee, Seife, Klopapier, Haarwaschmittel, Haribo (der Maat mochte sie so gerne) und für den Kapitän noch 30 Tafeln dunkle Schokolade. Alles wurde in den Vorrats-und Kühlkammern verstaut. Jetzt noch schnell zur Schiffstankstelle und 20000 Liter Diesel getankt. Nun konnte es losgehen.

In der Hafenkneipe verabschiedeten sie sich von ihrem Freund, dem Wirt Hein Mürrisch. Er hieß nicht nur Mürrisch, sondern er war auch immer mürrisch und schlecht gelaunt. Ein Miesepeter wie er im Buche stand. „Haut bloß ab und bringt mir bloß nichts mit“, waren seine brummigen Abschiedsworte.

Es war August. Die Fahrt über die Nordsee, an England vorbei und dann Richtung Grönland verlief bei ruhigem Wasser sehr entspannt. Abends saßen die Beiden an Deck und würfelten. Dem Maat fiel ein, dass sie vor Jahren bei stürmischer See das gleiche Spiel gespielt hatten. Damals hatte er immer gewonnen, weil die Wellen seine Würfel jedesmal zu drei Sechsen zurechtschaukelten. (Aber das ist eine andere Geschichte.)

Als das erste Eis zu sehen war, übernahm der Maat die Nachtwache. Bei eisiger Luft fror er am Bug des Schiffes. Plötzlich, es wurde schon hell, sah er in seinem Fernrohr einen Eisbären. „Hilfe Kapitän! Hiiilllffee“, schrie er. Noch nie hatte er einen Eisbären auf einer Eisscholle gesehen. „Der kommt nicht auf unser Schiff“, beruhigte ihn der Kapitän „Das ist für ihn viel zu hoch.“ Trotzdem hatte der Maat weiter Angst. Er wusste nicht, ob er vor Angst oder vor Kälte zitterte.

Der Regenbogen  

Eines morgens, es war auf der Höhe von Kanada, sahen sie einen prächtigen Regenbogen. „Mein Großvater hat mir einmal erzählt, dass am Ende des Bogens, dort wo er auf die Erde trifft, immer ein Schatz zu finden ist“, sagte der Kapitän. „Alles schon ausprobiert“, war der Kommentar des Maats „Du kommst an die Stelle, an der du meinst, dass der Regenbogen die Erde berührt, und kannst ihn auf einmal nicht mehr sehen. Regenbögen sind nämlich nur aus der Ferne zu sehen.“

„Diesmal machen wir es besser“, konterte der Kapitän „Du ruderst an Land, nimmst dein Funkgerät und einen Spaten mit. Ich dirigiere dich mit meinem Funkgerät an das Ende des Regenbogens, denn vom Schiff aus kann ich ihn ja sehen. Wenn du dann angekommen bist, funke ich es zu dir herüber.“

Der Maat ruderte an Land. Er sah den Regenbogen nicht mehr, und folgte den Anweisungen des Kapitäns, die er aus dem Funkgerät hörte: „Weiter nach vorn, nein nun links, etwas zurück. Jetzt bist du am linken Ende das Regenbogens“, schrie der Kapitän in sein Mikrofon „Hau den Spaten in die Erde!!“

Der Maat tat es. Er kam nicht sehr tief in die Erde. Der Spaten stieß auf einen Widerstand. „Schaufel ein größeres Loch!“ Der Kapitän war aufgeregt. Als sich der Maat, nachdem er das größere Loch gegraben hatte, erschöpft zurücklehnte, schallte es durch das Funkkgerät „Was siehst du?“ „Eine Kiste mit eisernen Beschlägen.“ „Wie groß?“ „So groß wie eine Kiste Bier.“ „Bring sie an Bord!“

Auf dem Schiff angekommen, versuchte der Kapitän das Vorhängeschloss der Kiste mit einem Schraubenzieher aufzubrechen. Es schaffte es nicht. Der Maat hatte die Lösung. Er lief in den Werkstattraum des Schiffes und brachte den Dietrich mit, den sie während einer Rheinfahrt auf einer Burg gekauft hatten. Der Dietrich wurde im Mittelalter vom Ritter Dietrich erfunden. Er bestand aus über zwanzig Schlüsseln und half dem Ritter durch Ausprobieren Schlösser zu öffnen, zu denen er keinen Schlüssel hatte. (Aber das ist eine andere Geschichte.) Jetzt wurden die vielen Schlüssel des Dietrich der Reihe nach eingesetzt. Beim vorletzten Schlüssel machte es „Klick“ und die Schatztruhe war geöffnet.

Vorsichtig hob der Kapitän den Deckel. Der Maat ging lieber zur Seite. Er hatte schon Schatztruhen gesehen, aus denen nach dem Öffnen ein Skelett heraussprang. Da konnte man sich schnell zu Tode erschrecken.

Diesmal passierte nichts. Auf und am Boden der Truhe lag nur eine Augenklappe. Darauf stand: „Linkes Auge ZU“ „Sonst nichts?“, der Maat war enttäuscht. Grübelnd kratzte sich der Kapitän am Kopf. Er hatte schon viele Kisten mit Gold, Silber und wertvollen Büchern gefunden aber noch nie eine mit einer Augenklappe. „Jetzt müssen wir erst einmal nachdenken“, waren seine Worte.

Nach geraumer Zeit erzählte er dem Maat von einer Truhe, die zusätzlich noch ein Geheimfach hatte. Die Suche begann. Sie klopften von außen. „Nichts!“ „Nun von innen“ Als seine Faust auf dem Boden aufschlug, hörte es sich recht hohl an. „Wir haben ein Geheimfach gefunden“, freute sich der Maat.

Unter der Bodenklappe fanden sie einen Brief. Darin stand: „Dieses schreibe ich, der Piratenkapitän „Linkes Auge ZU“. Mein Zwillingsbruder und ich haben bei einem Kampf auf See jeder ein Auge verloren. Ich das linke und mein Bruder das rechte. Die Matrosen nannten uns seitdem „Linkes Auge ZU“ und „Rechtes Auge Zu“ So konnten sie uns gut unterscheiden.

Wenn ihr unseren Schatz finden wollt, müsst ihr erst noch die Truhe des Piratenkapitäns „Rechtes Auge ZU“ finden. Darin findet ihr die Wegbeschreibung. Der Schatz verbirgt ein Geheimnis!! Vielleicht entdeckt ihr es. Fahrt jetzt nach Hawaii. Dort findet ihr die Kiste am rechten Ende eines Regenbogens.

„Auf nach Hawaii“ rief der Kapitän. Sie fuhren an Alaska vorbei und durch die Beringstraße in die gleichnamige Beringsee. Von dort aus ging es nach Südwesten in Richtung Hawaii.

Das Schiff war noch nicht weit gekommen, da sahen sie eine Gruppe von Walen. „Die lassen wir weiterziehen“, sagte der Maat, denn er erinnerte sich an den vergeblichen Versuch, als er und der Kapitän einen Wal fangen wollten. Da tat ihm heute noch sein Hintern weh, nur wenn er daran dachte. (Aber das ist eine andere Geschichte.)

Für die Reise brauchten sie vier Wochen. Es wurde den Beiden fast zu langweilig, aber plötzlich sahen sie den riesigen qualmenden Vulkan Kilauea auf Hawaii. „Angekommen“, seuftze der Maat. Kurz vor der Insel gingen sie vor Anker und warteten nun auf einen Regenbogen.

Eines Morgens zogen sich dunkle Wolken am Himmel zusammen. Sie hatten die Sonne im Rücken. „Jetzt kommt der Regenbogen. Steig schon einmal in dein Ruderboot“, befahl der Kapitän dem Maat, „und vergiss den Spaten nicht!“ Es war so, wie der Kapitän angenommen hatte. Wunderschöne Spektralfarben schillerten in einem Halbkreis über dem Berg.

Der Maat kam an Land. Er hatte sich beim Rudern schon auf die rechte Seite des Bogens bewegt. Nun gab der Kapitän über das Funkgerät vom Schiff aus wieder die Anweisungen. „Mehr nach rechts, noch mehr, etwas vor, noch einen Meter nach rechts. Angekommen“, schrie er, „nun den Spaten in die Erde!“

Der Maat stach den Spaten in die Erde und fand tatsächlich die zweite Schatztruhe. 
Als er sie an Bord brachte, stand der Kapitän schon mit dem Dietrich bereit, um sie zu öffnen. Diesmal war es der dritte Schlüssel, der das Schloss aufspringen ließ. 
Am Boden der Truhe lag die zweite Augenklappe, auf der stand „Rechtes Auge ZU“. „Wo ist die Wegbeschreibung zum Schatz?“, fragte der Maat aufgeregt. Schon ging das Abklopfen nach einem Versteck wieder los. Diesmal befand sich das Fach im Deckel. Darin lag der vergilbte Brief des Piratenkapitäns.

„Gut, dass ihr die Kiste gefunden habt“, begann der Brief „Am Fuße des Vulkans Kilauea, wenn ihr von Westen kommt, befindet sich eine große Höhle. Krabbelt hinein und löscht alle Lichter. Einer setzt beide Augenklappen auf, damit er überhaupt nichts mehr sehen kann. Seid ganz still. Nur mit verdeckten Augen kann man ein leises Echo hören, nur mit verdeckten Augen! Ruf fragend in das Dunkel der Höhle: ,Wo finde ich den Schatz?' Dann wird dir das Echo antworten!“

„So etwas Spannendes habe ich noch nie erlebt“, stöhnte der Kapitän. Den Eingang zur Höhle mussten sie einen ganzen Tag lang suchen. Nachdem sie ihn gefunden hatten, krochen sie hinein. Ihre beiden Taschenlampen schickten ihr Licht in die Dunkelheit.

Jetzt setzte der Kapitän die Klappe „Linkes Auge ZU“auf das linke und „Rechtes Auge ZU“ auf das rechte Auge. Dem Maat schlotterte vor Angst seine weite Seemannshose. „Sei still“, fauchte ihn der Kapitän an. Es wurde totenstill in der Höhle als der Kapitän rief: „Wo finde ich den Schatz?“ Leise ganz leise, so dass nur der Kapitän es hören konnte, kam das Echo zurück: „Bei der schwarzen Katz.“

„Bei der Schwarzen Katz“, flüsterte er dem Maat zu, riss sich die Klappen vom Kopf, und beide leuchteten mit ihren Taschenlampen die ganze Höhle ab. „Da!“, rief der Maat, „das sieht aus wie ein schwarzer Panther.“ Ängstlich gingen sie auf die Figur zu und je näher sie kamen, um so mehr strahlten die Augen und die Nase grün.

„Das ist alles?“, murrte der Maat. Er hatte Gold und Silber erwartet. „Du Dummkopf, die drei grünen Steine sind wahrscheinlich Smaragde.“ Der Kapitän nahm sie vom Kopf der Figur ab und steckte sie in einen Beutel. „Nun raus aus der Dunkelheit aufs Schiff und schnell wieder nach Hause.“

Das Geheimnis der Steine

Als Beide auf Deck angekommen waren, nahm sich jeder einen Stein und steckte ihn in seine Hosentasche. Den Dritten versteckten sie im Kompass.

Sie waren an Bord, als es fürchterlich anfing zu regnen. Der Maat, der sonst immer auf den Regen geschimpft hatte, bemerkte: „Das ist aber schön, so wird das Schiff vom Wasser geputzt.“

Dann zog ein kräftiger Wind auf. Der Kapitän, der Wind überhaupt nicht mochte, stellte fest: „Super, der Wind trocknet unsere Wäsche jetzt viel schneller.“ 
So ging es weiter. Alle Dinge, die sie vorher als schrecklich und fürchterlich empfunden hatten, sahen sie auf einmal als nützlich und schön an.

„Was hat sich bei uns verändert?“, wollte der Maat wissen. „Wir haben beide immer noch die gleichen Klamotten an wie vorher, haben uns nicht verändert. Dennoch, von allem, was für uns vorher schlecht war, sehen wir jetzt auch die guten Seiten!“ 
„Ja“, brummte der Kapitän, „das ist schon merkwürdig?“

Als Erster kam der Maat auf das Geheimnis: „Wir haben beide einen von diesen grünen Steinen in der Tasche. Legen wir sie doch einmal auf den Tisch und gehen dann wieder an Deck.“ Oben angekommen maulte der Kapitän: „Dieser schreckliche Wind!“ Der Maat war vom Regen schon ganz nass und schimpfte wie ein Rohrspatz: „So ein Mistwetter!“

Sie merkten, dass ihre Veränderung von den grünen Steinen ausging. Mit dem Stein in der Tasche waren sie nicht mehr mürrisch und miesepetrig. „Das sind keine Smaragde, sondern die berühmten Glückssteine des Maharadschas von Jaipur! Vor gut zweihundert Jahren wurde sein Schiff von Piraten überfallen. Seitdem waren die Steine verschwunden.“ (Aber das ist eine andere Geschichte.)

„Die sind mehr Wert als Gold und Silber“ ergänzte der Maat die Feststellung seines Chefs. Dann starteten sie den Motor und fuhren zurück nach Hamburg. Diesmal aber nicht auf der kürzeren Nordwestpassage, sondern durch den Panamakanal, dann Richtung Nordost, an Spanien vorbei, durch die Biskaya, bis sie schließlich in Hamburg angekommen waren.

Von der langen Reise müde und durstig kehrten sofort bei ihrem Freund, dem Wirt Hein Mürrisch ein. „Was wollt ihr denn hier?“ knurrte er sie an. „Haut bloß wieder ab!“ Er hatte sich nicht verändert, und war immer noch schlecht gelaunt und mit sich nicht zufrieden.

Nachdem sie ihm von der langen Reise, den Augenklappen, Schatztruhen und den Glückssteinen erzählt hatten, wollte Hein Mürrisch es auch einmal ausprobieren und steckte sich einen dieser kleinen grünen Dinger in seine Hosentasche. Er fing gleich an zu lächeln, „Schön, dass ihr wieder da seid“, waren sein freundlichen Worte. „Heute lade ich euch ein! Ihr könnt so viel essen und trinken, wie ihr wollt.“ „Dann schenken wir dir den dritten Stein“, antworteten beide zugleich.

Der Kapitän und der Maat freuten sich, denn ihr Freund hatte sich so verändert, dass er gleich am nächsten Tag zum Standesamt ging und seinen Namen ändern ließ. Er nannte sich nun Hein Glücklich. Nie vergaß er, sich den kleinen grünen Stein morgens in die Tasche zu stecken, denn jetzt wo er nicht mehr Mürrisch hieß, wollte er nicht mehr mürrisch sein!

➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten
➤ von Hennning Krüger


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