Märchen und Kindergeschichten

Der Regenmacher


Einmal regnete es in Sommerberg sieben Wochen hintereinander. Wen wundert es, dass alle Leute schlechte Laune hatten? Wenn etwas schief ging oder wenn einer traurig war, dann sagten die Leute immer: Daran ist nur das Wetter schuld!
Felix, der Erfinder, der in der Turmstube über dem alten Stadttor wohnte, überlegte, wie er seinen Mitbürgern wieder zu guter Laune verhelfen könnte. Er selbst fand den Regen gar nicht so schlecht, denn Regenwetter war gutes Erfinderwetter. Da konnte man gemütlich zu Hause sitzen, Tee trinken, nachdenken und an neuen Erfindungen herumbasteln.

„Ich muss etwas erfinden, womit ich den Regen abstellen kann“, überlegte Felix. Und dann konstruierte er aus einem superstarken Staubsaugermotor und einem Feuerwehrschlauch einen riesigen Regenwolkenabsauger. Mit dem stieg er auf den Kirchturm und saugte die grauen Wolken einfach vom Himmel. 

Es klappte! Das Regenwasser tropfte durch den langen Schlauch in die Gullis. Die Wolken verschwanden und die Sonne kam zum Vorschein. Die Leute von Sommerberg hatten wieder fröhliche Gesichter.

Eine Weile jedenfalls. Denn nach einigen Tagen begannen die Ersten über die Sonne zu schimpfen. Es war ihnen zu heiß! Die Kinder wollten in der Schule hitzefrei haben und im Freibad lief das Becken über, so voll war es, weil sich alle erfrischen wollten. 

Zum Arbeiten war es viel zu heiß, fanden Omnibusschaffner, Postboten, Ladenbesitzer, Zahnärzte und Fischhändler. Die Lehrer schickten die Kinder nach Hause. Die Maurer auf dem Bau schimpften, weil das Bier zu schnell warm wurde. Dem Eismann schmolz das Eis und den Blumen¬händlern vertrockneten die Blumen.

Am Ende der dritten Hitzewoche zogen die Bauern mit Traktoren und Mähdreschern durch die Stadt. Sie beschwerten sich, dass durch die künstliche Abschaffung des Regens die ganze Ernte in Gefahr sei. Als sie unter dem Torturm des Erfinders hindurchfuhren, drohten sie ihm mit ihren Mistgabeln und riefen: „Re-gen, Re-gen, Re-gen!“

Felix bekam außerdem Drohbriefe und wütende Anrufe von Regenschirmmachern, Kinobesitzern, Taxiunternehmern, Gummistiefel- und Regenmäntel-Verkäufern.
Da entwarf er in seiner Not eine Regenkanone. Mit der wollte er vorüberziehende Wolken anschießen und den Regen herunterholen. Die Arbeit ging ihm schlecht von der Hand. Sommerwetter ist bekanntlich kein gutes Erfinderwetter. 

Als Felix seine Regenkanonen ausprobieren wollte, war leider nur eine winzige Wolke über der Stadt. Es tropfte knapp eine Badewanne voll Wasser heraus, die der trockene Boden gierig aufsog. 

„Mehr! Mehr! Mehr!“, riefen die Leute. Nur mit Mühe gelang es Felix, die Menge zu beruhigen. Er versprach einen Regenwolkenmagneten zu erfinden, der Wolken anziehen sollte, denn ohne Wolken kann selbst der beste Regenmacher keinen Regen machen. 

Das leuchtete den Leuten ein. Sie bewilligten ihm großzügig sieben Tage Zeit für die schwierige Aufgabe.

Felix arbeitete Tag und Nacht an dem neuen Gerät. Dann war es geschafft. Die Erfindung sah ein wenig wie ein Wetterballon aus. Sie bestand aus einer federleichten, trockenen, schwammartigen Masse, von der feuchte Wolken wie magnetisch angezogen wurden. 

Felix ließ den Regenwolkenmagneten hochsteigen und schleppte die Regenwolken über die Stadt, bis sie am Kirchturm hängen blieben und aufplatzten. Hurra! Es regnete in Strömen! 

Jetzt waren alle in Stadt und Land zufrieden. Aber schon bald hagelte es wieder Beschwerden. Diesmal kamen sie vor allem aus den benachbarten Ländern, aus denen der Regenwolkenmagnet die Regenwolken abgezogen hatte. Doch auch in Sommerberg selbst murrten schon wieder die Ersten über Regen, Kälte und schlechte Laune.

Der arme Felix war verzweifelt. Er schloss sich in sein Turmzimmer ein und dachte sieben Tage lang nach. Dann wusste er, was er zu tun hatte.
Er schlich sich bei Nacht aus der Stadt und verbrannte auf dem Müllplatz seinen Regenwolkenabsauger, den Regenwolkenmagneten und zum Schluss auch die Regenbogenkanone. Sie zerplatzte mit einem lauten Knall.

Seitdem regnet es in Sommerberg wieder, wann es will. Manche Menschen haben schlechte Laune und andere behaupten, dass Regenwetter besonders gutes Erfinderwetter sei. Tja, da steht eben Meinung gegen Meinung und jeder mag es damit halten, wie er will. 


➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten

➤ aus: Hast du etwas Zeit für mich? Geschichten und Gedichte zum Lachen und Träumen, Coppenrath Verlag


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