Märchen und Kindergeschichten

Die Alte im Wald (8-10 Jahre)


Es fuhr einmal ein armes Dienstmädchen mit seiner Herrschaft durch einen großen Wald, und als sie mitten darin waren, kamen Räuber aus dem Dickicht hervor und ermordeten, wen sie fanden. Da kamen alle miteinander um bis auf das Mädchen, das war in der Angst aus dem Wagen gesprungen und hatte sich hinter einem Baum verborgen. Als die Räuber mit ihrer Beute fort waren, trat es herbei und sah das große Unglück. Da fing es an bitterlich zu weinen und sagte: „Was soll ich armes Mädchen nun anfangen, ich weiß nicht, wie ich aus dem Wald herausfinden soll, keine Menschenseele wohnt darin, so muss ich gewiss verhungern.“ Es lief herum, suchte einen Weg, konnte aber keinen finden.

Als es Abend war, setzte es sich unter einen Baum, betete zu Gott und wollte da sitzen bleiben und nicht weggehen, möge geschehen, was immer wollte. Als es aber eine Weile da gesessen hatte, kam ein weißes Täubchen zu ihm geflogen und hatte ein kleines, goldenes Schlüsselchen im Schnabel. Das Schlüsselchen legte es ihm in die Hand und sprach: „Siehst du dort den großen Baum, daran ist ein kleines Schloss, das schließ mit dem Schlüsselchen auf, so wirst du Speise genug finden und keinen Hunger mehr leiden.“ Da ging es zu dem Baum und schloss ihn auf und fand Milch in einem kleinen Schüsselchen und Weißbrot zum Einbrocken dabei, dass es sich satt essen konnte. 

Als es satt war, sprach es: „Jetzt ist es die Zeit, in der  die Hühner daheim auffliegen, ich bin so müde, könnte ich mich doch auch in mein Bett legen.“ Da kam das Täubchen wieder geflogen und brachte ein anderes goldenes Schlüsselchen im Schnabel und sagte: „Schließ dort den Baum auf, so wirst du ein Bett finden.“ 
Da schloss es auf und fand ein schönes, weiches Bettchen; da betete es zum lieben Gott, er möge es behüten in der Nacht, legte sich hin und schlief ein. Am Morgen kam das Täubchen zum Dritten mal, brachte wieder ein Schlüsselchen und sprach: „Schließ dort den Baum auf, da wirst du Kleider finden.“ 

Und als es aufschloss, fand es Kleider, mit Gold und Edelsteinen besetzt, so herrlich, wie sie wohl keine zweite Königstochter hatte. Also lebte es da eine Zeitlang, und das Täubchen kam alle Tage und sorgte für alles, was es bedurfte. Und es war ein stilles, gutes Leben. Einmal aber kam das Täubchen und sprach: „Willst du mir etwas zuliebe tun?“ – „Von Herzen gerne«, sagte das Mädchen. Da sprach das Täubchen: „Ich will dich zu einem kleinen Häuschen führen, da geh hinein, mitten drin am Herd wird eine alte Frau sitzen und „Guten Tag“ sagen. Aber gib ihr beileibe keine Antwort, sie mag auch anfangen, was sie will, sondern geh zu ihrer rechten Hand weiter, da ist eine Türe. Die mach auf, so wirst du in eine Stube kommen, wo eine Menge von Ringen allerlei Art auf dem Tisch liegt. Darunter sind prächtige mit glitzernden Steinen, die lass aber liegen und suche einen schlichten heraus, der auch darunter sein muss, und bring ihn zu mir her, so geschwind du kannst.“

Das Mädchen ging zu dem Häuschen und trat zu der Türe ein; da saß eine Alte, die machte große Augen, als sie es erblickte, und sprach: „Guten Tag, mein Kind.“ Es gab ihr aber keine Antwort und ging auf die Türe zu. „Wohin?“ rief sie und fasste es beim Rock und wollte es festhalten, „das ist mein Haus, da darf niemand herein, wenn ich's nicht haben will.“ Aber das Mädchen schwieg, machte sich von ihr los und ging geradewegs in die Stube hinein. Da lag nun auf dem Tisch eine übergroße Menge von Ringen, die glitzerten und glimmerten ihm vor den Augen; es warf sie herum und suchte nach dem schlichten Ring, konnte ihn aber nicht finden. Während es so suchte, sah es die Alte, als sie daher schlich und einen Vogelkäfig in der Hand hatte und damit fort wollte. 

Da ging das Mädchen auf sie zu und nahm ihr den Käfig aus der Hand, und als es ihn aufhob und hineinsah, saß ein Vogel darin, der hatte den schlichten Ring im Schnabel. Da nahm es den Ring und lief ganz froh damit zum Haus hinaus und dachte, das weiße Täubchen würde kommen und den Ring holen, aber es kam nicht. Da lehnte es sich an einen Baum und wollte auf das Täubchen warten, und während es so stand, da war es, als wäre der Baum weich und biegsam und senkte seine Zweige herab. Und auf einmal schlangen sich die Zweige um das Mädchen herum und da waren es zwei Arme, und als es sich umsah, war der Baum ein schöner Mann, der es umfasste und herzlich küsste und sagte: „Du hast mich erlöst und aus der Gewalt der Alten befreit, die eine böse Hexe ist. 

Sie hatte mich in einen Baum verwandelt, und alle Tage ein paar Stunden war ich eine weiße Taube, und solang sie den Ring besaß, konnte ich meine menschliche Gestalt nicht wieder erhalten.“ Da waren auch seine Diener und Pferde von dem Zauber frei, die sie auch in Bäume verwandelt hatte, und standen neben ihm. Da fuhren sie fort in sein Reich, denn er war eines Königs Sohn, und sie heirateten und lebten glücklich.


➤ Kategorie: Grimms Märchen

➤ entnommen aus: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm.Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1912.

➤ angepasst an die zeitgemäße deutsche Sprache


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

mehr zum Thema
Unterhaltung lesen