Märchen und Kindergeschichten

Die drei Glückskinder (4-10 Jahre)


Ein Vater ließ einmal seine drei Söhne vor sich kommen und schenkte dem ersten einen Hahn, dem zweiten eine Sense, dem dritten eine Katze. „Ich bin schon alt“, sagte er, „und mein Tod ist nah, da wollte ich euch vor meinem Ende noch versorgen. Geld hab ich nicht, und was ich euch jetzt gebe, scheint wenig wert, es kommt aber bloß darauf an, dass ihr es verständig anwendet. Sucht euch nur ein Land, wo dergleichen Dinge noch unbekannt sind, so ist euer Glück gemacht.“ Nach dem Tode des Vaters ging der ÄIteste mit seinem Hahn aus, wo er aber hinkam, war der Hahn schon bekannt. 

In den Städten sah er ihn schon von weitem auf den Türmen sitzen und sich mit dem Wind umdrehen, in den Dörfern hörte er mehr als einen krähen, und niemand wollte sich über das Tier wundern, so dass es nicht den Anschein hatte, als würde er sein Glück damit machen. Endlich aber geschah es doch, dass er auf eine Insel kam, wo die Leute nichts von einem Hahn wussten, sogar ihre Zeit nicht einzuteilen verstanden. Sie wussten wohl, wann es Morgen oder Abend war, aber nachts, wenn sie es nicht verschliefen, wusste sich keiner aus der Zeit herauszufinden. „Seht“, sprach er, „was für ein stolzes Tier, es hat eine rubinrote Krone auf dem Kopf und trägt Sporn wie ein Ritter. 

Es ruft euch des Nachts dreimal zu bestimmter Zeit an, und wenn es das letzte Mal ruft, so geht die Sonne bald auf. Wenn es aber bei hellem Tag ruft, so richtet euch darauf ein, dann gibt es gewiss anderes Wetter.“ Den Leuten gefiel das wohl, sie schliefen eine ganze Nacht nicht und hörten mit großer Freude, wie der Hahn um zwei, vier und sechs Uhr laut und vernehmlich die Zeit abrief. Sie fragten ihn, ob das Tier nicht feil wäre, und wie viel er dafür verlangte. „Etwa so viel, wie ein Esel Gold trägt“, antwortete er. „Ein Spottgeld für ein so kostbares Tier“, riefen sie insgesamt und gaben ihm gerne, was er gefordert hatte.

Als er mit dem Reichtum heim kam, wunderten sich seine Brüder, und der zweite sprach: „so will ich mich doch aufmachen und sehen, ob ich meine Sense auch so gut losschlagen kann.“ Es hatte aber nicht den Anschein danach, denn überall begegneten ihm Bauern und hatten so gut eine Sense auf der Schulter wie er. Doch zuletzt glückte es ihm auch auf einer Insel, wo die Leute nichts von einer Sense wussten. Wenn dort das Korn reif war, so fuhren sie Kanonen vor den Feldern auf, und schossen es herunter. Das war nun ein ungewisses Ding, mancher schoss darüber hinaus, ein anderer traf statt des Halms die Ähren und schoss sie fort, dabei ging viel zugrund, und obendrein gab es einen lästigen Lärm. 

Da stellte sich der Mann hin und mähte es so still und so geschwind nieder, dass die Leute Maul und Nase vor Verwunderung aufsperrten. Sie waren willig, ihm dafür zu geben, was er verlangte, und er bekam ein Pferd, dem war Gold aufgeladen, soviel es tragen konnte. Nun wollte der dritte Bruder seine Katze auch an den rechten Mann bringen. Es ging ihm wie den andern, solange er auf dem festen Lande blieb, war nichts auszurichten, es gab allerorten Katzen, und waren ihrer so viel, dass die neugebornen Jungen meist im Wasser ersäuft wurden. Endlich ließ er sich auf eine Insel überschiffen, und es traf sich glücklicherweise, dass dort noch niemals eine gesehen war und doch die Mäuse so überhand genommen hatten, dass sie auf den Tischen und Bänken tanzten, der Hausherr mochte daheim sein oder nicht. 

Die Leute jammerten gewaltig über die Plage, der König selbst wusste sich in seinem Schlosse nicht dagegen zu retten. In allen Ecken pfiffen Mäuse und zernagten, was sie mit ihren Zähnen nur packen konnten. Da fing nun die Katze ihre Jagd an und hatte bald ein paar Säle gereinigt, und die Leute baten den König, das Wundertier für sein Reich zu kaufen. Der König gab gerne, was gefordert wurde, das war ein mit Gold beladener Maulesel, und der dritte Bruder kam mit den allergrößten Schätzen heim. Die Katze machte sich in dem königlichen Schlosse mit den Mäusen eine rechte Lust und biss so viele tot, dass sie nicht mehr zu zählen waren. Endlich ward ihr von der Arbeit heiß und sie bekam Durst. Da blieb sie stehen, drehte den Kopf in die Höhe und schrie: „Miau, miau.“ 

Der König samt allen seinen Leuten, als sie das seltsame Geschrei vernahmen, erschrak und alle liefen in ihrer Angst zum Schloss hinaus. Unten hielt der König Rat, was zu tun das beste wäre; zuletzt ward beschlossen, einen Herold an die Katze abzuschicken und sie aufzufordern, das Schloss zu verlassen, oder zu gewärtigen, dass Gewalt gegen sie gebraucht würde. Die Räte sagten: „Lieber wollen wir uns von den Mäusen plagen lassen, an das Übel sind wir gewöhnt, als unser Leben einem solchen Untier preisgeben.“ Ein Edelknabe musste hinaufgehen und die Katze fragen, ob sie das Schloss gutwillig räumen wollte. Die Katze aber, deren Durst nur noch größer geworden war, antwortete bloß: „Miau, miau.“ Der Edelknabe verstand: „Durchaus, durchaus nicht“ und überbrachte dem König die Antwort. „Nun“, sprachen die Räte, „soll sie der Gewalt weichen.“ Es wurden Kanonen aufgeführt und das Haus in Brand geschossen. Als das Feuer in den Saal kam, wo die Katze saß, sprang sie glücklich zum Fenster hinaus; die Belagerer hörten aber nicht eher auf, bis das ganze Schloss in Grund und Boden geschossen war.


➤ Kategorie: Grimms Märchen

➤ entnommen aus: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm.Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1912.

➤ angepasst an die zeitgemäße deutsche Sprache


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