Märchen und Kindergeschichten

Die weiße und die schwarze Braut (5-10 Jahre)


Eine Frau ging mit ihrer Tochter und Stieftochter übers Feld, Futter zu schneiden. Da kam der liebe Gott als ein armer Mann zu ihnen gegangen und fragte: „Wo führt der Weg ins Dorf?“ – „Wenn Ihr ihn wissen wollt“, sprach die Mutter, „so sucht ihn selber.“ Und die Tochter setzte hinzu: „Habt Ihr Sorge, dass Ihr ihn nicht findet, so nehmt Euch einen Wegweiser mit.“ Die Stieftochter aber sprach: „Armer Mann, ich will dich führen, komm mit mir.“ Da zürnte der liebe Gott über die Mutter und Tochter, wendete ihnen den Rücken zu und verwünschte sie, dass sie schwarz werden sollen wie die Nacht und hässlich wie die Sünde. 

Der armen Stieftochter aber war Gott gnädig und ging mit ihr, und als sie nahe am Dorf waren, sprach er einen Segen über sie und sagte: „Wähle dir drei Sachen aus, die will ich dir gewähren.“ Da sprach das Mädchen: „Ich möchte gern so schön und rein werden wie die Sonne.“  Alsbald war sie weiß und schön wie der Tag. „Dann möchte ich einen Geldbeutel haben, der nie leer wäre.“ Den gab ihr der liebe Gott auch, sprach aber: „Vergiss das Beste nicht.“ Sagte sie: „Ich wünsche mir zum dritten das ewige Himmelreich nach meinem Tode.“ Das ward ihr auch gewährt, und also schied der liebe Gott von ihr.

Als die Stiefmutter mit ihrer Tochter nach Hause kam und sah, dass sie beide kohlschwarz und hässlich waren, die Stieftochter aber weiß und schön, so stieg die Bosheit in ihrem Herzen noch höher, und sie hatte nichts anders im Sinn, als wie sie ihr ein Leid antun könnte. Die Stieftochter aber hatte einen Bruder namens Reginer, den sie sehr liebte, und erzählte ihm alles, was geschehen war. Nun sprach Reginer einmal zu ihr: „Liebe Schwester, ich will dich abmalen, damit ich dich beständig vor Augen sehe, denn meine Liebe zu dir ist so groß, dass ich dich immer anblicken möchte.“ 

Da antwortete sie: „Aber ich bitte dich, lass niemand das Bild sehen.“ Er malte nun seine Schwester ab und hing das Bild in seiner Stube auf; er wohnte aber in des Königs Schloss, weil er bei ihm Kutscher war. Alle Tage blieb er davor stehen und dankte Gott für das Glück seiner lieben Schwester. Nun war aber gerade dem König, bei dem er diente, die Gemahlin verstorben.  Die war so schön gewesen, dass man keine finden konnte, die ihr gliche. Und der König war darüber in tiefer Trauer. Die Hofdiener bemerkten aber, dass der Kutscher täglich vor dem schönen Bilde stand, missgönnten es ihm und meldeten es dem König. Da ließ dieser das Bild vor sich bringen, und als er sah, dass es in allem seiner verstorbenen Frau glich, nur noch schöner war, so verliebte er sich unsterblich in das Bild. 

Er ließ den Kutscher vor sich kommen und fragte, wen das Bild darstelle. Der Kutscher sagte, es sei seine Schwester, so entschloss sich der König, keine andere als diese zur Gemahlin zu nehmen. Er gab ihm Wagen und Pferde und prächtige Goldkleider und schickte ihn fort, seine erwählte Braut abzuholen. Wie Reginer mit der Botschaft ankam, freute sich seine Schwester, allein die Schwarze war eifersüchtig über das Glück, ärgerte sich über alle Maßen und sprach zu ihrer Mutter: „Was helfen nun all Eure Künste, da Ihr mir ein solches Glück doch nicht verschaffen könnt.“ – „Sei still“, sagte die Alte, „ich will es dir schon richten.“ Und durch ihre Hexenkünste trübte sie dem Kutscher die Augen, dass er halb blind war, und der Weißen verstopfte sie die Ohren, dass sie halb taub war. 

Darauf stiegen sie in den Wagen, erst die Braut in den herrlichen königlichen Kleidern, dann die Stiefmutter mit ihrer Tochter, und Reginer saß auf dem Bock, um zu fahren. Wie sie eine Weile unterwegs waren, rief der Kutscher:

„Deck dich zu, mein Schwesterlein,
dass Regen dich nicht nässt,
dass Wind dich nicht bestäubt,
dass du schön fein zum König kommst.“
Die Braut fragte: „Was sagt mein lieber Bruder?“ – „Ach“, sprach die Alte, „er hat gesagt, du solltest dein güldenes Kleid ausziehen und es deiner Schwester geben.“ 

Da zog sie es aus und zog es der Schwarzen an, die gab ihr dafür einen schlechten grauen Kittel. So fuhren sie weiter. Nach einem Weilchen rief der Bruder abermals:

„Deck dich zu, mein Schwesterlein,
dass Regen dich nicht nässt,
dass Wind dich nicht bestäubt,
dass du schön fein zum König kommst.“
Die Braut fragte: „Was sagt mein lieber Bruder?“ – „Ach“, sprach die Alte, „er hat gesagt, du solltest deine güldene Haube abnehmen und deiner Schwester geben.“ 

Da nahm sie die Haube ab und setzte sie der Schwarzen auf und saß im bloßen Haar. So fuhren sie weiter. Wiederum nach einer Weile rief der Bruder:

„Deck dich zu, mein Schwesterlein,
dass Regen dich nicht nässt,
dass Wind dich nicht bestäubt,
dass du schön fein zum König kommst.“
Die Braut fragte: „Was sagt mein lieber Bruder?“ – „Ach“, sprach die Alte, „er hat gesagt, du mögest einmal aus dem Wagen sehen.“ Sie fuhren aber gerade auf einer Brücke über ein tiefes Wasser. 

Als nun die Braut aufstand und sich aus dem Wagen heraus bückte, da stießen sie die beiden hinaus, dass sie mitten ins Wasser stürzte. Als sie versunken war, stieg im selben Augenblick eine schneeweiße Ente aus dem Wasserspiegel hervor und schwamm den Fluss hinab. Der Bruder hatte gar nichts davon gemerkt und fuhr den Wagen weiter, bis sie an den Hof kamen. Da brachte er dem König die Schwarze als seine Schwester und meinte, sie wäre es wirklich, weil es ihm trübe vor den Augen war und doch die Goldkleider schimmern sah. Der König, als er die große Hässlichkeit an seiner vermeinten Braut erblickte, ward sehr bös und befahl, den Kutscher in eine Grube zu werfen, die voll Ottern und Schlangengezücht war. Die alte Hexe aber konnte den König doch so zu täuschen und durch ihre Künste seine Augen zu verblenden, dass er sie und ihre Tochter behielt, ja dass sie ihm ganz angenehm vorkam und er sich wirklich mit ihr verheiratete.

Einmal abends, während die schwarze Braut auf dem Schoße des Königs saß, kam eine weiße Ente zum Gossenstein in die Küche geschwommen und sagte zum Küchenjungen:

„Jüngelchen, mach Feuer an,
dass ich meine Federn wärmen kann.“

Das tat der Küchenjunge und machte ihr ein Feuer auf dem Herd, da kam die Ente und setzte sich daneben, schüttelte sich und strich sich die Federn mit dem Schnabel zurecht. Während sie so saß und sich wohl fühlte, fragte sie:
„Was macht mein Bruder Reginer?“

Der Küchenjunge antwortete:

„Liegt in der Grube gefangen
bei Ottern und bei Schlangen.“

Fragte sie weiter:

„Was macht die schwarze Hexe im Haus?“

Der Küchenjunge antwortete:

„Die sitzt warm
in des Königs Arm.“

Sagte die Ente:

„Dass Gott erbarm!“
und schwamm den Gossenstein hinaus.

Am folgenden Abend kam sie wieder und stellte dieselben Fragen und den dritten Abend noch einmal. Da konnte es der Küchenjunge nicht länger übers Herz bringen, ging zu dem König und erzählte ihm alles. Der König aber wollte es selbst sehen, ging den andern Abend hin. Und als die Ente den Kopf durch den Gossenstein hereinstreckte, nahm er sein Schwert und hieb ihr den Hals durch, da ward sie auf einmal zum schönsten Mädchen, und glich genau dem Bild, das der Bruder von ihr gemacht hatte. Der König war voll Freuden; und weil sie ganz nass dastand, ließ er köstliche Kleider bringen und ließ sie damit bekleiden. 

Dann erzählte sie ihm, wie sie durch List und Falschheit betrogen und zuletzt in den Fluss hinab geworfen worden sei. Und ihre erste Bitte war, dass ihr Bruder aus der Schlangenhöhle herausgeholt würde. Und als der König diese Bitte erfüllt hatte, ging er in die Kammer, wo die alte Hexe saß, und fragte: „Was verdient die, welche das und das tut?“ Und erzählte, was geschehen war. Da war sie so verblendet, dass sie nichts merkte und sprach: „Die verdient, dass man sie nackt auszieht und in ein Fass mit Nägeln legt, und dass man vor das Fass ein Pferd spannt und das Pferd in alle Welt schickt.“ Das geschah alles an ihr und ihrer schwarzen Tochter. Der König aber heiratete die weiße und schöne Braut und belohnte den treuen Bruder, indem er ihn zu einem reichen und angesehenen Mann machte.


➤ Kategorie: Grimms Märchen

➤ entnommen aus: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm.Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1912.

➤ angepasst an die zeitgemäße deutsche Sprache


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