Märchen und Kindergeschichten

Die Wünsch-dir-was-Wurst


von Tanja Kirchberger

Diese Geschichte ist allen Kindern gewidmet, die gerne Würstchen essen, sowie allen Eltern, die ihren Kindern Würstchen kochen!

Heute ist einer dieser gewöhnlichen Tage, wie ihr alle sie kennt - auch für den kleinen Tobi. Er kommt gerade aus der Schule nach Hause, wo seine Oma bereits mit dem Mittagessen wartet. Tobi setzt sich an den gedeckten Tisch und die Großmutter bringt einen dampfenden Topf mit warmen Würstchen. Aber als sie Tobi eines der warmen Würstchen auf den Teller legt, schreit dieser plötzlich auf: „Pfui! Das Würstchen will ich nicht essen! Das ist ja geplatzt!“

Seine Oma sieht sich die Wurst genauer an und jauchzt: „Hurra, das stimmt! Eine geplatzte Wurst!“ Dabei klatscht sie vor Begeisterung in die Hände.

Tobi wundert sich: „Oma, wie kannst du dich darüber nur freuen? Die sieht doch eklig aus!“

Die Großmutter sieht ihren Enkel verwundert an: „Aber mein Kind! Weißt du denn nicht, dass das eine ganz besondere Wurst ist?“ „Eine besondere Wurst?“, fragte der kleine Tobi.

„Ja!“, antwortet die Großmutter und beginnt zu erzählen: „Es lebte einmal vor langer Zeit ein kleiner Junge, ungefähr in deinem Alter, der ging eines Tages spazieren. Auf seinem Weg traf er einen traurigen alten Mann, der die Schultern tief hängen ließ und laut seufzte.

Der kleine Junge sprach ihn an. ,Lieber Mann, was ist mit Ihnen? Haben Sie etwas verloren?´ ,Ich nicht´, antwortete der Mann, ,aber mein kleiner Hund! Er hat seinen Appetit verloren!´ ,Seinen Appetit?´, fragte der Junge. ,Ja, seine Lust am Essen eben!´, meinte der Alte. ,Ich habe schon alles versucht: leckeres Gemüse, feinste Pasteten, Cremetorten, sogar Kaviar. Du musst wissen, er ist nämlich ein ganz besonderer Hund. Und ein besonderer Hund braucht ein besonderes Essen. Aber nichts hilft! Nicht einmal seine Lieblingsspeise - Spinat auf Käsebrötchen - rührt er mehr an! Ich bin schon ganz verzweifelt, denn ich brauche so dringend seine Hilfe!´

Dabei tat der Mann noch einmal einen tiefen Seufzer und schluchzte.

Der kleine Junge hatte Mitleid mit dem Mann und fragte ihn, ob er den Hund einmal sehen könne. Der Mann nickte und machte eine Handbewegung, ihm zu folgen.

Nach kurzem Weg kamen sie zu einem kleinen windschiefen Häuschen unter einem riesigen alten Baum. Als der Mann die Tür öffnete, riss der kleine Junge erstaunt die Augen auf. Im Inneren befand sich ein richtiges Labor! Überall brodelten und dampften in Fläschchen verschiedene bunte Flüssigkeiten. Die Wände waren voll von großen dicken Büchern und überall verstreut lagen kleine Notizzettel mit seltsamen Zeichen darauf, die der Junge noch nie gesehen hatte.

,Da ist er!´, sagte der alte Mann und zeigte in eine Ecke des großen Raumes. 
Der Junge folgte dem ausgestreckten Finger und da sah er ihn: Auf ein großes Kissen gebettet, lag ein kleiner brauner Hund mit lustigen weißen Flecken und langen Schlappohren. Diese wirkten jetzt noch länger, da sein Kopf so schwer auf dem Kissen lag, dass sie auf dem Boden schleiften. Mit traurigen Augen sah er erst den Mann an, dann den kleinen Jungen und schließlich auf den Teller mit Creme-Törtchen, der vor ihm stand. Dabei winselte er leise.

Zauberer und Gehilfe

,Ach, es ist ein Jammer! Und dabei bräuchte ich ihn so dringend. Nur er weiß die Formel für den Schlaftrunk!´ ,Nur er weiß was?´, fragte der Junge und lachte leise, denn er hielt den Alten für verrückt. ,Lach nicht!´, sagte der alte Mann. ,Ich bin ein Zauberer und das ist mein Gehilfe!´

Dabei zeigte er auf den Hund in der Ecke. Nun musste der Junge laut lachen. ,Du glaubst mir nicht?´, erwiderte der alte Mann. ,Warte, ich werde es dir beweisen! Was wünschst du dir?´,Ich will groß sein!´, prustete der kleine Junge los, denn er lachte immer noch. ,Ja, das geht! Die Formel kenne ich!´, murmelte der Mann und fing an, Zaubersprüche aufzusagen.

Plötzlich begann der Junge zu wachsen. Er wuchs Zentimeter um Zentimeter, so dass seine Hose immer kürzer wurde und er schließlich den Mann überragte. 
,Halt!´, rief der Junge. ,Ich glaube dir, aber mach mich bitte wieder klein!´

Kaum gesagt, schrumpfte er wieder auf seine alte Größe. ,Siehst du!´, sagte der Mann. ,Ich bin ein Zauberer, aber leider schon ein sehr alter, so dass ich mir nicht mehr alles merken kann. Dafür habe ich meinen Hund. Er kennt alle Formeln und er sagt sie mir. Leider redet er nicht mehr mit mir, seit er nichts mehr isst. Aber dabei kannst du mir leider auch nicht helfen!´ Wieder stieß der Zauberer einen tiefen Seufzer aus.

Der Junge nickte zustimmend, strich dem kleinen Hund über den Kopf und verließ traurig das Haus. Auf seinem Weg zurück nach Hause kam er an verschiedenen Geschäften vorbei. Er blieb stehen und sah in eines der Schaufenster, als ihm plötzlich eine Idee kam. Er ging in den Laden, verhandelte mit dem Mann hinter der Theke und ließ sich etwas einpacken.

Schnell lief er zurück zum Haus des Zauberers und war ganz aufgeregt, als dieser ihm die Tür öffnete.

,Ich habe etwas für Ihren Hund!´, rief er und rannte in die Ecke zu dem kranken Tier. Dort wickelte er langsam das Päckchen aus. ,Ich habe mich daran erinnert, dass Sie sagten, er sei ein besonderer Hund und bräuchte etwas Besonderes zu essen!´, wandte er sich an den alten Mann. ,Aber manchmal will man gar nichts Besonderes sein.´

Mit diesen Worten hatte er das Päckchen aufgemacht und darin lag ein warmes aufgeplatztes Würstchen. ,Ich weiß, es ist aufgeplatzt und sieht eklig aus, aber es war das letzte Würstchen, das der Metzger hatte!´

In diesem Moment machte der kleine Hund einen großen Satz von seinem Kissen und Schnapp! fraß er ihm die Wurst direkt aus der Hand. Dabei wedelte er mit seinem Schwanz und bellte vor Freude.

Auch der Zauberer sprang in die Höhe, zog den Jungen an sich und hüpfte mit ihm durch den großen Raum. ,Hurra! Ein Hoch auf geplatzte Würstchen!´, rief er und lachte. Plötzlich hielt er inne. ,Weißt du was? Zum Dank will ich dir und allen Kindern etwas schenken! Wann immer ihr ein aufgeplatztes Würstchen esst und euch dabei etwas wünscht, soll der Wunsch in Erfüllung gehen!´

Sprach´s und besiegelte seinen Entschluss durch einen Schwall von Zaubersprüchen, die ihm sein Hund zubellte.

Der Junge ging an diesem Tag glücklich nach Hause und erfüllte sich in seiner Kindheit noch so manchen Wunsch. Und viele Kinder nach ihm auch. Leider ist dieser Zauber in Vergessenheit geraten und heute isst fast kein Kind mehr aufgeplatzte Würstchen.“

Mit diesen Worten beendet die Großmutter ihre Geschichte und will die Wurst vom Teller des kleinen Tobi nehmen, auf dem sie während der ganzen Erzählung lag. 
„Stopp!“, ruft da Tobi, greift nach der Wurst und beißt kräftig ab. Dabei schließt er die Augen und denkt ganz fest an seinen Wunsch. Als er die Augen wieder öffnet, lächelt ihn seine Großmutter an.

Und was wünschst du dir beim nächsten Mal, wenn du ein aufgeplatztes Würstchen isst?


➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten


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