Märchen und Kindergeschichten

Gänsemagd, die (4-10 Jahre)


Es lebte einmal eine alte Königin, der war ihr Gemahl schon lange Jahre gestorben und sie hatte eine schöne Tochter. Wie die erwuchs, wurde sie weit über Feld auch an einen Königssohn versprochen. Als nun die Zeit kam, wo sie vermählt werden sollten, und das Kind in das fremde Reich abreisen mußte, packte ihr die Alte gar viel köstliches Geräth und Geschmeide ein: Gold und Silber, Becher und Kleinode, kurz alles, was ihr zu einem königlichen Brautschatz gehörte, denn sie hatte ihr Kind von Herzen lieb. Auch gab sie ihr eine Kammerjungfer bei, welche mitreiten und die Braut in die Hände des Bräutigams überliefern sollte und jede bekam ein Pferd zur Reise, aber das Pferd der Königstochter hieß Falada und konnte sprechen.

Wie nun die Abschiedsstunde kam, begab sich die alte Mutter in ihre Schlafkammer, nahm ein Messerlein und schnitt damit in ihre Finger, so dass sie bluteten. Dann hielt sie ein weißes Läppchen darunter und ließ drei Tropfen Blut hineinfallen, gab sie der Tochter und sprach: „Liebes Kind, verwahr sie wohl, sie werden dir unterwegs von Nutzen sein.“ Also nahmen beide von einander betrübten Abschied, das Läppchen steckte die Königstochter in ihren Busen vor sich, setzte sich aufs Pferd und zog nun fort zu ihrem Bräutigam.

Als sie eine Stunde geritten war, empfand sie großen Durst und rief ihrer Kammerjungfer: „Steig ab und schöpfe mir mit meinem Becher, den du für mich mitgenommen hast, Wasser aus dem Bach. Ich möchte gern einmal trinken.“ – „Wenn Ihr Durst habt“, sprach die Kammerjungfer, „so steigt selber ab, legt Euch ans Wasser und trinkt, ich mag Eure Magd nicht sein.“ Da stieg die Königstochter vor großem Durst herunter, neigte sich über das Wasser im Bach und trank und durfte nicht aus dem goldenen Becher trinken. Da sprach sie: „Ach Gott!“, und da antworteten die drei Blutstropfen: „Wenn das deine Mutter wüsste, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen.“ Aber die Königsbraut war demütig, sagte nichts und stieg wieder zu Pferd.

So ritten sie etliche Meilen weiter fort und der Tag war warm, die Sonne stach, und es dürstete bald von neuem. Als sie nun an einen Wasserfluss kamen, rief sie noch einmal ihrer Kammerjungfer: „Steig ab und gib mir aus meinem Goldbecher zu trinken“, denn sie hatte alle bösen Worte längst vergessen. Die Kammerjungfer sprach aber noch hochmütiger: „Wollt Ihr trinken, so trinkt allein, ich mag nicht Eure Magd sein.“ Da stieg die Königstochter hernieder vor großem Durst und legte sich über das fließende Wasser, weinte und sprach: „Ach Gott!“ Und die Blutstropfen antworteten wiederum: „Wenn das deine Mutter wüsste, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen.“ Und wie sie so trank und sich recht überlehnte, fiel ihr das Läppchen, worin die drei Tropfen waren, aus dem Busen, und floss mit dem Wasser fort, ohne dass sie es in ihrer großen Angst merkte. Die Kammerfrau hatte aber zugesehen und freute sich, dass sie Macht über die Braut bekam. Denn weil die Königstochter Blutstropfen verloren hatte, war sie schwach geworden. Als sie nun wieder auf ihr Pferd steigen wollte, das Falada hieß, sagte die Kammerfrau: „Auf Falada gehör' ich, und auf meinen Gaul gehörst du.“ Und das musste sich die Braut gefallen lassen.

Dann befahl ihr die Kammerfrau mit harten Worten, die königlichen Kleider auszuziehen und ihre schlechten anzulegen, und endlich musste sie unter freiem Himmel schwören, dass sie am königlichen Hof keinem Menschen etwas davon erzähle. Und wenn sie diesen Eid nicht abgelegt hätte, wäre sie auf der Stelle umgebracht worden. Aber Falada sah das alles mit an merkte es sich genau.

Die Kammerfrau stieg nun auf Falada und die wahre Braut auf das schlechte Ross, und so zogen sie weiter, bis sie endlich in dem königlichen Schloss eintrafen. Da war große Freude über ihre Ankunft, und der Königssohn sprang ihnen entgegen, hob die Kammerfrau vom Pferde und meinte, sie sei seine Gemahlin. Sie ward die Treppe hinaufgeführt, die wahre Königstochter aber musste unten stehen bleiben. Da schaute der alte König am Fenster und sah sie im Hof halten und sah, wie sie fein war, zart und gar schön. Er ging alsbald hinein ins königliche Gemach und fragte die Braut nach der, die sie bei sich habe  und da unten im Hof stehe und wer sie sei? „Die hab ich mir unterwegs mitgenommen zur Gesellschaft. Gebt der Magd was zu arbeiten, dass sie nicht faul herum steht.” Aber der alte König hatte keine Arbeit für sie und wusste nichts anderes, aber er sagte: „Da hab ich so einen kleinen Jungen, der hütet die Gänse, dem mag sie helfen.” Der Junge hieß Kürdchen (Konrädchen, die Redaktion), dem musste die wahre Braut helfen, Gänse zu hüten.

Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jungen König: „Liebster Gemahl, ich bitte Euch, tut mir einen Gefallen!” Er antwortete: „Das will ich gerne tun.” – „Nun, so lasst den Schinder rufen und dem Pferde, worauf ich hergeritten bin, den Hals abhauen, weil es mich unterwegs geärgert hat.” Eigentlich aber fürchtete sie, dass das Pferd erzählen könnte, wie sie mit der Königstochter umgegangen war. Nun war es beinahe so weit geraten, dass es geschehen und der treue Falada sterben sollte, da kam es auch der rechten Königstochter zu Ohren. Und sie versprach dem Schinder heimlich ein Stück Geld, das sie ihm bezahlen wolle, wenn er ihr einen kleinen Dienst erweise. In der Stadt war ein großes finsteres Tor, wo sie abends und morgens mit den Gänsen durch musste. Unter das finstere Tor sollte er dem Falada seinen Kopf hinnageln, dass sie ihn doch noch mehr als einmal sehen könne. Also versprach das der Schinderknecht zu tun, hieb den Kopf ab und nagelte ihn unter das finstere Tor fest.

Des Morgens früh, da sie und Kürdchen unterm Tor hinaustrieben, sprach sie im Vorbeigehen:
„O du Falada, da du hangest,”
da antwortete der Kopf:
„O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
ihr Herz tät ihr zerspringen.”
Da zog sie still weiter zur Stadt hinaus, und sie trieben die Gänse aufs Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekommen war, saß sie nieder und machte ihre Haare auf, die waren eitel Gold, und Kürdchen sah sie und freute sich, wie sie glänzten, und wollte ihr ein paar ausraufen. Da sprach sie:
„Weh, weh, Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen,
und lass ihn hinterher jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt.”
Und da kam ein so starker Wind, dass er dem Kürdchen sein Hütchen weg wehte über alle Land, und es musste ihm nachlaufen. Als er wiederkam, war sie mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig, und er konnte keine Haare kriegen. Da ward Kürdchen bös und sprach nicht mit ihr; und so hüteten sie die Gänse, bis es Abend ward, dann gingen sie nach Haus.

Den andern Morgen, wie sie unter dem finstern Tor hinaustrieben, sprach die Jungfrau:
„O du Falada, da du hangest,”
Falada antwortete:
„O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
ihr Herz tät ihr zerspringen.”
Und in dem Feld setzte sie sich wieder auf die Wiese und fing an, ihr Haar auszukämmen, und Kürdchen lief und wollte danach greifen, da sprach sie schnell:
„Weh, weh, Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen,
und lass ihn hinterher jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt.”
Da wehte der Wind und wehte ihm das Hütchen vom Kopf weit weg, dass Kürdchen nachlaufen musste, und als es wiederkam, hatte sie längst ihr Haar zurecht, und Kürdchen konnte keins davon erwischen, und so hüteten sie die Gänse, bis es Abend ward.

Abends aber, nachdem sie heimgekommen waren, ging Kürdchen vor den alten König und sagte: „Mit dem Mädchen will ich nicht länger Gänse hüten!” – „Warum denn?” fragte der alte König. „Ei, das ärgert mich den ganzen Tag.” Da befahl ihm der alte König zu erzählen, wie’s ihm denn mit ihr ginge. Da sagte Kürdchen: „Morgens, wenn wir unter dem finstern Tor mit der Herde durchkommen, so ist da ein Gaulskopf an der Wand, zu dem redet sie:
„Falada, da du hangest,“
da antwortet der Kopf:
„O, du Königsjungfer, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
ihr Herz tät’ ihr zerspringen!’”
Und so erzählte Kürdchen weiter, was auf der Gänsewiese geschehe und wie es da dem Hut im Winde nachlaufen musste.

Der alte König befahl ihm, den nächsten Tag wieder hinauszutreiben, als es Morgen war, setzte er sich selbst hinter das finstere Tor und hörte, wie sie mit dem Haupt des Falada sprach. Und dann ging er ihr auch nach in das Feld und verbarg sich in einem Busch auf der Wiese. Da sah er nun bald mit seinen eigenen Augen, wie die Gänsemagd die Herde getrieben brachte und wie sie sich nach einer Weile setzte und ihre Haare losflocht, die strahlten von Glanz. Gleich sprach sie wieder:
„Weh, weh, Windchen,
fass Kürdchen sein Hütchen,
und lass ihn hinterher jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt
und wieder aufgesatzt.”
Da kam ein Windstoß und fuhr mit Kürdchens Hut weg, dass es weit zu laufen hatte, und die Magd kämmte und flocht ihre Locken still fort. Und der alte König beobachtete alles. Und er ging unbemerkt zurück, und als abends die Gänsemagd heimkam, rief er sie beiseite und fragte, warum sie das alles tue. „Das darf ich Euch nicht sagen und darf auch keinem Menschen mein Leid klagen. So hab’ ich unter freiem Himmel geschworen, weil ich sonst um mein Leben gekommen wäre.” Er drang in sie und ließ ihr keinen Frieden, aber er konnte nichts aus ihr herausbringen. Da sprach er: „Wenn du mir nichts sagen willst, so klage dem Eisenofen da dein Leid,” und ging fort. Da kroch sie in den Eisenofen, fing an zu jammern und zu weinen, schüttete ihr Herz aus und sprach: „Da sitze ich nun von aller Welt verlassen und bin doch eine Königstochter, und eine falsche Kammerjungfer hat mich mit Gewalt dahin gebracht, dass ich meine königlichen Kleider habe ablegen müssen, und hat meinen Platz bei meinem Bräutigam eingenommen, und ich muss als Gänsemagd gemeine Dienste tun. Wenn das meine Mutter wüsste, das Herz im Leib tät ihr zerspringen.” Der alte König stand aber außen am Ofenrohr und hörte, was sie sprach. Da kam er wieder herein und ließ sie aus dem Ofen gehen. Da wurden ihr königliche Kleider angelegt, und es war wie ein Wunder, wie schön sie war. Der alte König rief seinen Sohn und offenbarte ihm, dass er die falsche Braut habe: die sei bloß ein Kammermädchen, die wahre aber stehe hier als ehemalige Gänsemagd. Der junge König war herzensfroh, als er ihre Schönheit und Tugend erblickte, und ein großes Mahl wurde angestellt, zu dem alle Leute und guten Freunde gebeten wurden. Obenan saß der Bräutigam, die Königstochter zur einen Seite und die Kammerjungfer zur andern, aber die Kammerjungfer war verblendet und erkannte jene nicht mehr in dem glänzenden Schmuck.

Als sie nun gegessen und getrunken hatten und guten Mutes waren, gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf, was eine solche Frau wert sei, die den Herrn so und so betrogen habe. Er erzählte auf diese Weise den ganzen Verlauf und fragte: „Welchen Urteils ist eine solche Frau würdig?” Da sprach die falsche Braut: „Die ist nichts Besseres wert, als dass sie splitternackt ausgezogen und in ein Fass gesteckt wird, das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist; und zwei weiße Pferde müssen vorgespannt werden, die sie von Gasse zu Gasse zu Tode schleifen.” – „Das bist du,” sprach der alte König, „und hast dein eigenes Urteil gefunden, und genauso soll dir widerfahren.” Und als das Urteil vollzogen war, vermählte sich der junge König mit seiner rechten Gemahlin, und beide beherrschten ihr Reich in Frieden und Seligkeit.


➤ Kategorie: Grimms Märchen

➤ entnommen aus: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm.Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1912.

➤ angepasst an die zeitgemäße deutsche Sprache


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