Märchen und Kindergeschichten

Moritz und der Osterhase


Kommt der Osterhase oder nicht? Diesmal will ich ganz genau aufpassen, nimmt sich der Moritz am Ostersamstag Abend vor. Er packt Mäxchen, seinen Stoffhasen, zieht seine Kuscheldecke hinter sich her und geht ins Bett.

"Gute Nacht", sagt Mama und macht das Licht aus.
"Gute Nacht", sagt Moritz und macht die Augen zu.

Ganz still ist es jetzt. Vorsichtig macht Moritz die Augen wieder auf. Der Vollmond scheint zum Fenster herein. Deshalb ist es im Zimmer nicht ganz dunkel. Es ist so, als ob draußen eine ganz helle Lampe brennt. 
Gut so, dann wird sich der Osterhase nicht verlaufen, denkt Moritz zufrieden. Ein Luftzug bewegt die Gardinen. Sie sehen im Mondlicht ein bisschen wie Nachtgespenster aus.

Ob der Osterhase durch das Fenster kommt?, überlegt Moritz. Das Fenster ist nur gekippt. Da passt er nicht durch! Durch die Gartentür vielleicht?
Moritz kriecht ein bisschen weiter unter die Decke. Er macht die Augen zu, dann kann er besser nachdenken. Aber einschlafen? Nein, einschlafen will er nicht! Er drückt Mäxchen fest an sich. 

Draußen hört er Schritte. Aber das sind keine Hasenpfoten. Das sind Papas und Mamas Füße. Und die Trampelschritte von seiner Schwester Jessica. 
“Bestimmt erwische ich den Osterhasen diesmal!”, denkt Moritz. „Er versteckt immer etwas in meinem Zimmer!”
Und dann schläft er doch ein. Irgendwann. Irgendwann fällt ihm auch Mäxchen zusammen mit der Kuscheldecke aus seinem Arm und rutscht aus dem Bett. 

Moritz schläft unruhig in dieser Nacht. Er träumt von einer Osterhasenwerkstatt, in der hundert fleißige Hasen Osterkuchen backen, Ostereier anmalen und Schokoladenhasen in Goldpapier verpacken ... Einige von ihnen beladen Fahrräder, Handwagen, Lieferwagen und Kiepen. Dann machen sie sich auf den Weg in die Stadt. Sie hoppeln über die Felder, sie rennen über die Wiesen, sie schlüpfen durch Hecken und fahren auf Schleichwegen durch die Straßen von Städten und Dörfern. Jetzt kommen sie in seine Straße! Moritz hört, wie sie flüstern und tuscheln und nach Verstecken Ausschau halten. Ein Hase läuft auf sein Haus zu ... 

Doch da ist der schöne Traum plötzlich vorbei. Bloß wegen Jessica. Die ruft nämlich: „Moritz, aufwachen! Ostereier suchen!"
Verschlafen reibt sich Moritz die Augen. Er sieht auf das Osternest, das ihm die große Schwester vor die Nase hält. Plötzlich ist er hellwach.
“Warte! Ich will mitsuchen!”, ruft er und springt aus dem Bett. Als er in seinen Hausschuh schlüpft, zermatscht er ein Schokoladenei.  

“Mist!”, murmelt Moritz und sammelt die Krümel auf. Unter seinem Bett ist ein Nest. Moritz ist sauer. Zum Anfassen nah war der Osterhase und er hat es wieder verschlafen! Moritz findet noch ein Nest in der Badewanne und Jessica eines im Flurschrank. Dann laufen die beiden ins Wohnzimmer. Dort deckt Papa gerade den Frühstückstisch. 

"Hast du den Osterhasen gesehen?", ruft Moritz. 
Papa schüttelt den Kopf.
"Aber ich!", sagt Jessica. „Sieh mal unterm Sofa nach."
Moritz legt sich auf den Bauch. Tatsächlich: Da ist ein Körbchen mit einem kleinen, goldenen Hasen drin! Moritz streckt den Arm aus und angelt sich das Nest.
Fünf Osternester finden Moritz und Jessica im Wohnzimmer. 

"Wir sollten auch in der Küche suchen", meint Jessica. Dort macht Mama gerade Kakao und Kaffee fertig. Es duftet nach frisch gebackenen Brötchen.
"Hast du den Osterhasen gesehen?", ruft Moritz.
Mama schüttelt den Kopf.
“Ich hab auch nicht aufgepasst”, sagt sie.
"Aber ich!", ruft Jessica und läuft zum Brotschrank. Grünes Ostergras hängt aus der Türritze. Im Schrank ist noch ein Nest. 

Moritz findet einen Schokoladenhasen in der Spülmaschine.
"So ein leichtsinniger Osterhase! Wenn wir die Maschine angestellt hätten, was dann?", sagt Mama.
“Dann hätten wir jetzt Schokoladensoße”, sagt Jessica.
„Kinder, ich möchte jetzt frühstücken!", drängt Papa ein bisschen ungeduldig.
"Gleich! Wir müssen bloß noch schnell im Garten suchen!", sagt Moritz.

Der Garten ist nicht sehr groß. Zwölf Schritte, dann ist man am Zaun vorne an der Straße. Auch rechts und links ist ein Zaun. Aber trotzdem ist es dem Osterhasen gelungen, in den Garten zu schlüpfen und unter der Tanne ein Nest zu verstecken. Moritz entdeckt es zuerst. Und Jessica findet ein gelbes Ei zwischen den Narzissen.
Rechts am Zaun steht Klaus. Er geht schon in die dritte Klasse. Ein bisschen neidisch sieht er den beiden beim Ostereiersuchen zu.

"War bei dir auch der Osterhase?", erkundigt sich Moritz.
"So ein Quatsch. Es gibt keinen Osterhasen!", brummt Klaus und schiebt die Hände in die Taschen. Ein wenig enttäuscht geht Moritz ins Haus zurück.
"Seht doch, was wir alles gefunden haben!", ruft Jessica und trägt stolz das Tablett vor sich her, auf dem alle Eier und Nester liegen, die sie und Moritz entdeckt haben.

"Mann, war der Osterhase dieses Jahr fleißig", staunt Papa.
"Klaus hat gesagt, dass es gar keinen Osterhasen gibt", murmelt Moritz finster.
"Wenn er etwas versteckt, dann gibt es ihn doch, oder?", sagt Papa. 
"Da läuft er ja!", ruft Mama und zeigt durch das Fenster in den Garten. Moritz rennt hin. Aber da ist der Hase natürlich längst verschwunden.

“Tja, Hasen sind flink”, sagt Papa. „Und Osterhasen besonders.”
“Vielleicht hab ich mich auch getäuscht”, sagt Mama und schenkt den Kaffee ein.
„Wo ist eigentlich mein Mäxchen“, fragt Moritz plötzlich und ist ganz aufgeregt. „Mäxchen ist weg!“
"Dein Mäxchen kannst du später suchen”, sagt Papa. „Jetzt wird gefrühstückt. Mein Magen knurrt schon seit einer Stunde!”
“Vielleicht besucht dein Mäxchen den Osterhasen”, sagt Jessica und beißt in ihr Brötchen. „Schließlich ist er ein Hase, oder nicht?”
“Vielleicht ist Mäxchen ein Osterhase”, antwortet Moritz ein wenig trotzig. „Und jetzt versteckt er sich selber und ich muss ihn finden!”
„Kommst du mit in den Garten?”, sagt Jessica nach dem Frühstück.
“Ich muss erst Mäxchen suchen”, antwortet Moritz. Aber sein Hase ist nirgends zu finden. Ob er vielleicht wirklich beim Osterhasen ist?
“Sieh doch mal in deinem Zimmer nach”, sagt Mama. „Vielleicht hast du ihn ja dort vergessen.”

Moritz läuft in sein Zimmer. Tatsächlich. Da liegt Mäxchen. Auf dem Boden vor seinem Bett. Halb versteckt unter der Kuscheldecke. Man sieht nur seine Ohren und die Hasen-Nasenspitze.

"Sieht aus, als ob er schläft", sagt Mama. „Wovon der bloß so müde ist?”
"Vielleicht ist er ja die ganze Nacht herumgerannt", sagt Moritz.
Jetzt kommt auch Jessica angelaufen. „Stellt euch vor, Klaus hat in seinem Garten auch ein Osternest gefunden. Er ist völlig durcheinander, weil er doch glaubt, dass es keinen Osterhasen gibt."
"Ich weiß, was passiert ist", sagt Moritz und lächelt verschmitzt: „Das Nest hat bestimmt Mäxchen versteckt! Vorhin, als er verschwunden war!”
“Kann schon sein”, sagt Mama. „Ostern steckt voller Geheimnisse.” 
Und dann schleichen sich alle auf den Zehenspitzen aus dem Kinderzimmer, damit Mäxchen, der müde Osterhase, ungestört schlafen kann.


➤Kategorie: Ostergeschichten

➤ entnommen aus: Hast du etwas Zeit für mich? Geschichten und Gedichte zum Lachen und Träumen, Coppenrath Verlag


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