Märchen und Kindergeschichten

Nachts ist alles andersrum (4-5 Jahre)


„Nein, nein, nein“, denkt der kleine Bär, „so kann ich wohl auch nicht einschlafen!“
Er versucht es noch einmal auf dem Rücken – dann auf dem Bauch – mit Kissen oben und Kissen unten. Er lutscht sogar an seiner Pfote – es geht nicht. So kann der kleine Bär nicht einschlafen! Nicht ohne seinen Freund, den Mond. Nicht wenn es so dunkel ist.

Wenn doch bloß der Mond endlich käme, denkt er. Ohne ihn ist es sooo dunkel ...
Der kleine Bär setzt sich vor seine Höhle und versucht die Sterne zu zählen.
„Warum bist du traurig?“, fragt die Eule Mira Mara und setzt sich zu ihm. 
„Ach,“ sagt er, „ich bin nicht traurig, aber ich kann einfach nicht einschlafen und es ist so langweilig, im Bett zu liegen, wenn der Mond mir keine Geschichte erzählt. Er hat gar keine Zeit mehr für mich.“

„Ich hätte schon Zeit für dich“, sagt die Eule. „Wer schläft denn schon mitten in der Nacht? Komm lass uns selber eine Geschichte erleben. Wir besuchen Znarf und seine Freunde, die schlafen ganz bestimmt nicht.“ Dann fliegt sie rüber in den Finsterwald. „Warte doch!“, ruft der kleine Bär und läuft mitten in die Nacht hinein.
„Na, da bist du ja endlich“, kichert die Eule. „Setz dich doch zu uns, Znarf und die anderen haben mit dem Mitternachtsessen extra auf uns gewartet.“ Der kleine Bär schaut sich um. Aber er sieht nur Zweige und Blätter und Nacht um sich herum. Wo sollten der Znarf und seine Freunde denn sein? „Wo seid ihr denn?“, ruft er.
„Hier oben“, ruft einer von unten und die Eule muss wieder kichern, weil so ein kleiner Bär sich nicht auskennt in der Nacht und nicht weiß, dass für Znarf und seine Freunde alles falsch herum ist.

Oben ist unten, die Nacht ist der Tag und der Znarf heißt Franz, nur falsch herum eben. „So ist das“, sagt die Eule, nachdem sie dem kleinen Bären alles erklärt hat. „Du musst dich nur mit den Füßen an den Ast hängen, dann sieht alles ganz anders aus.“

Der kleine Bär hängt sich mit dem Kopf nach unten an den Baum, sieht neben sich den Znarf und unten den Mond und oben die Erde. Weiter hinten sieht er den Baum mit seiner Höhle. Die Höhle ist oben und die Blätter sind unten. 
„He du“, stupst ihn der Znarf von der Seite an. „Träumen gilt nicht!“, sagt er, „träumen kannst du am Tag, wenn alle schlafen.“

Dann bringt der Koch das Mitternachtsessen. Zuerst den Pudding, dann die Kartoffeln und zum Schluss die Suppe. Alles falsch herum natürlich, weil richtig rum ja falsch herum ist oder andersrum. Oder?

Der kleine Bär weiß es auch nicht mehr so genau und er denkt lieber gar nicht darüber nach, weil ihm sonst wahrscheinlich schwindelig wird.
„Sag mal, wie heißt du?“, fragt der Znarf. 
„Bär“, sagt der kleine Bär und Znarf sagt „Räb – das ist ein schöner Name. Dann kannst du bestimmt auch eine schöne Geschichte erzählen. Aber sie muss hinten anfangen, vergiss das nicht.

Da erzählt der kleine Bär die Geschichte von Hans im Glück: wie der einen Stein gegen eine Gans, die Gans gegen ein Pferd und das Pferd gegen eine Kuh und die Kuh gegen einen ganzen Batzen Gold eingetauscht hat. „Einmal war es“, so hört die Geschichte auf. „Uaahh“, gähnt der kleine Bär. Dann sieht er, dass alle um ihn herum längst eingeschlafen sind und am Horizont fällt die Sonne schon langsam in den Himmel und der Mond steigt in die Erde. Ich muss schnell nach Hause zurück, denkt er, dann kann ich dem Mond noch meine Geschichte erzählen.
Er läuft rückwärts zu seinem Baum zurück, aber als er ankam, hat die Sonne längst alles hell gemacht und sein Freund, der Mond, ist schlafen gegangen. „Uaahh“, gähnt der kleine Bär schon wieder, „jetzt kann ich ganz bestimmt schlafen. Heute Abend, da werde ich dem Mond meine Geschichte erzählen.


 ➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten

 ➤ entnommen aus: Träum schön, Kleiner Mondbär,  ISBN-13: 9783815727065,  Coppenrath Verlag


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