Märchen und Kindergeschichten

Schlittschuh fahren in der Wüste


Piet putzte die Kufen der Schlittschuhe, die in der Wüstensonnne silbern funkelten. Die Schlittschuhe hatte ein arabischer Scheich als Bezahlung in der kleinen Oase zurückgelassen. Denn die Goldtaler waren ihm ausgegangen. Seither hatte Piet nur einen einzigen Wunsch: Er wünschte sich, dass der Teich der kleinen Oase in diesem Winter zufror. „Was willst du bloß mit den Schlittschuhen?“, fragte Onkel Jermies zum dreihundertsten Mal. „Seit ich denken kann, ist in der Wüste noch nie ein See zugefroren. Noch nie!“ Damit ging er die Kamele füttern. Es war der zwanzigste Dezember. „Dieses Jahr ist es anders!“, sagte Piet. Er schaute zum stahlblauen Himmel auf. „Lieber Weihnachtswichtel“, murmelte er. „Bitte lass mich nicht im Stich. Nur einmal im Leben will ich Schlittschuh laufen.“ Mit ernstem Gesicht stand Willem Weihnachtswichtel vor Petrus. Der heilige Mann schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Eis und Schnee in der Wüste?“, stieß er entsetzt aus. „Mein lieber Weihnachtswichtel, wie stellst du dir das vor?“

Wichtel Willem nickte. „Du hast ja Recht. Aber immerhin ist Weihnachten. Noch nie hat der kleine Piet sich etwas so sehr gewünscht. Und außerdem: Er ist doch fast dein Patenkind.“ Der alte Petrus raufte sich die grauen Haare. Er wusste schon , was Wichtel Willem meinte: Der kleine afrikanische Junge hieß Piet. Das kam von Petrus. Und wenn jemand Peter oder Piet hieß, fühlte der heilige Petrus sich ganz besonders für ihn verantwortlich. Doch diesmal schüttelte Petrus den Kopf. „Es geht nicht“, sagte er. „Da könnte ja jeder kommen. Nein heißt Nein. Und damit basta!“ Grummelnd verschwand er in seiner Wetterwerkstatt. Die Wetterwerkstatt des heiligen Petrus war eine ganz besondere Werkstatt. Riesige Zahnräder drehten sich hier schnurrend ineinander. Aus gigantischen Töpfen brodelte dichter Nebel hervor. Weiter hinten stand die Blitzmaschine. Das Schönwettermodul konnte man nur mit Sonnenbrille betrachten, denn es strahlte wie sieben Sonnen.

Und da hinten, gleich neben der Schneemaschine, schaute das wichtigste Teil der Wetterwerkstatt hervor: die riesige Wetterschraube. An der durfte niemand drehen – nicht einmal Petrus selbst. Nie und auf keinen Fall! Petrus nahm den riesigen Schraubenschlüssel in die Hand. Er passte genau auf die Wetterschraube. Petrus dachte lange nach. Doch endlich legte er den Schraubenschlüssel wieder an seinen alten Platz zurück. „Was nicht geht, das geht nicht“, brummte er mit gerunzelter Stirn. Die Nacht zum einundzwanzigsten Dezember war eisig kalt. Bei minus drei Grad kuschelte Piet sich tief unter seine Kamelhaardecke. Und als er die Augen schloss, träumte er von Schnee und glitzerndem Eis. Doch kaum ging die Sonne auf, lag die kleine Oase wieder in brütender Hitze. An Eis war überhaupt nicht zu denken. Sogar die Kamele schwitzten. Onkel Jeremies grinste Piet entgegen, als er mit seinen Schlittschuhen vors Zelt trat. „Wünsch dir doch etwas anderes“, schlug er vor. „Eine Sandrose zum Beispiel. Oder eine Wüstenspringmaus. Die bekommst du hier eher als ausgerechnet Schnee.“

Doch Piet sagte zuversichtlich: „Ich muss es mir nur fest genug wünschen.“ Die Nacht zum zweiundzwanzigsten Dezember war so kalt, dass Piet kleine Schwester Marita zu ihm unter die Kamelhaardecke schlüpfte. Aber als Piet morgens aus dem Zelt kroch, strahlte die Wüstensonne grell und heiß. Und der kleine Teich war kein bisschen zugefroren. „Wenn du willst, schenke ich dir meine Kokoshaarpuppe zu Weihnachten“  tröstete Marita ihn. Da musste Piet sehr schlucken. Nicht einmal seine kleine Schwester glaubte mehr daran, dass er in diesem Winter Schlittschuh laufen würde. Am dreiundzwanzigsten Dezember war Piet schon vor Sonnenaufgang wach. Tief in seine Kamelhaardecke eingemummelt lag er unter dem Sternenhimmel und beobachtete, wie das Morgenrot den Himmel rot färbte. Noch lag eine eisige Kälte über den Sandhügeln. Piet war voller Hoffnung. Heute musste es einfach klappen! Doch kaum stieg die Sonne höher, flirrte die Luft vor Hitze und der Sand wurde so heiß wie Feuer.

Schnell warf Piet die Kamelhaardecke von sich und rettete sich in den kühlenden Schatten einer Palme. Dort saß Onkel Jeremias mit dem kleinsten Kamel. „Afrika liegt eben nicht am Pol“ , sagte er. Und das Kamel sah aus, als ob es lachte. „Ihr werdet euch alle noch wundern“ , sagte Piet. Aber die Wahrheit war, dass er selbst nicht mehr daran glaubte. Vielleicht konnte ein See in der Wüste eben nicht zufrieren! Dann würde er nie im Leben Schlittschuh laufen. Am nächsten Morgen wurde Piet davon wach, dass jemand aufgeregt seinen Namen rief. „Piet! Komm schnell!“ Es war Marita. Verschlafen steckte Piet seine Nasenspitze aus dem Zelt. Und dann bekam er riesengroße Augen. Denn da rutschten Onkel Jeremies, Marita und das kleine freche Kamel auf dem Teich herum, der vollständig mit Eis bedeckt war. Der Vater und die Mutter hatten sich warme Schals umgebunden und sahen staunend zu. Über ihnen hing eine kleine Wolke, die die heiße Wüstensonne verdeckte. Eilig griff Piet sich seine Schlittschuhe und lief so schnell zum Teich hinunter, dass er mehrmals in den Sand purzelte.  Am Teich schnallte er sich die Schlittschuhe an. Und dann glitt er übers blanke Eis. Piet lief so sicher auf dem Eis, als wäre er mit Schlittschuhen an den Füßen geboren worden. Und Marita sagt stolz: „Das wusste ich gleich. Schließlich ist Piet mein großer Bruder!“ Piet drehte einen Kreisel nach dem anderen. „Danke, lieber Weihnachtswichtel!“, jubelte er dazu. Da fing es aus der kleinen Wolke an zuschneien. Es war wirklich das weißeste Weihnachten, das die Bewohner der kleinen Oase je erlebt hatten. Das sagt sogar Onkel Jeremies.  Für jemand anderen aber wurde es das arbeitsreichste Weihnachten, das er je erlebt hatte: nämlich für den heiligen Petrus. Denn ihm hatte es der kleine Piet zu verdanken, dass er am Heiligen Abend Schlittschuh laufen konnte. Petrus konnte einfach nicht mit ansehen, wie enttäuscht Piet war. Und so hatte er zuletzt doch noch an der großen Wetterwerkstatt wieder Ordnung zu schaffen. Überall herrschte ein schauderhaftes Durcheinander. Der Eisbär am Nordpol trieb im warmen Wasser auf einer schmelzenden Eisscholle. Die Rentiere in Lappland stemmten sich in ihrem dicken Winterpelz gegen einen Sandsturm an. Und in Köln schwappte der Rhein über die Ufer – am Heiligen Abend, kurz vor der Bescherung! Es war wirklich zumDavonlaufen. Der heilige Petrus drehte die Wetterschraube mit allen Kräften. Vergeblich. Aber plötzlich, mit einem Mal, ertönte ein rostiges Schnarren, dass die Weltkugel erbebte, und Petrus setze sich auf den Hosenboden. Ein erleichtertes Lächeln lief über Petrus` Gesicht. „Geschafft!“, brummte er.

Und tatsächlich: Die Scholle, auf der der Eisbär durchs Polarmeer trieb, wurde wieder größer. Der Sandsturm in Lappland verwandelte sich in ein Schneetreiben und das Rheinwasser begann langsam zu sinken. Zur selben Zeit löste sich in der heißen Sonne Afrikas eine kleine Schneewolke in Nichts auf. Und Piet schnallte, müde, aber überglücklich, seine Schlittschuhe ab. Petrus wischte sich die letzten Schweißperlen von der Stirn und legte endlich den großen Schraubenschlüssel zur Seite. Im selben Moment schaute Weihnachtswichtel Willem zu Tür herein. „Frohe Weihnachten, Petrus! Kommst du jetzt auch? Die Arbeit ist getan, wir warten alle schon auf dich. Lass uns Weihnachten feiern.“ Petrus betrachtete die Blasen an seinen Fingern und nickte erschöpft. „Nichts lieber als das.“ Und als er die große Werkstatttür hinter sich abschloss, hörte er schon die Engel singen.

➤ Kategorie: Weihnachtsgeschichten

➤ entnommen aus "Leuchte, kleiner Weihnachtsstern" - Geschichten und Gedichte zum Vor- und Selberlesen. (Erschienen bei Coppenrath).


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

mehr zum Thema
lesen Unterhaltung Advent