Märchen und Kindergeschichten

Totenhemdchen, das (6-12 Jahre)


Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, dass es niemand ansehen konnte ohne mit ihm gut zu sein, und sie hatte es auch lieber als alles auf der Welt. Nun geschah es, dass es plötzlich krank ward, und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht.

Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es sonst im Leben gesessen und gespielt hatte. Weinte die Mutter, so weinte es auch, und wenn der Morgen kam, war das Kind verschwunden. Als aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weißen Totenhemdchen, in dem es in den Sarg gelegt worden war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu ihren Füßen auf das Bett und sprach: „Ach Mutter, hör’ doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarg nicht einschlafen, denn mein Totenhemdchen wird nicht trocken von deinen Tränen, die alle darauf fallen.“ Da erschrak die Mutter, als sie das hörte und weinte nicht mehr.

Und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte: „Siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab.“ Da klagte die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.

➤ Kategorie: Grimms Märchen

➤ entnommen aus: Kinder und Hausmärchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm.Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1912.

➤ angepasst an die zeitgemäße deutsche Sprache


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