Märchen und Kindergeschichten

Wie der Wechsel der Jahreszeiten entstand (ab 5 Jahre)


Die griechische Göttin der Fruchtbarkeit hieß Demeter. Sie war eine schöne und gütige Frau, die hohes Ansehen bei den Göttern des Olymp genoss. Sogar der mächtige Zeus hatte sich einmal unsterblich in sie verliebt. Aus dieser Verbindung stammte eine Tochter: Persephone. Die Göttin der Fruchtbarkeit liebte ihre Tochter über alles. Wohlbehütet wuchs das Kind auf. Die Mutter passte Tag und Nacht auf das Mädchen auf. Persephone wurde zu einer wunderschönen jungen Frau. Manchmal stieg sie mit ihren Freundinnen vom Olymp herunter und spielte am Meer. Bei einem dieser Ausflüge entdeckte Persephone einen tiefen Brunnen. Sie schaute hinein und sah plötzlich im Wasser ein Gesicht. Aber nicht ihr eigenes Gesicht, sondern das Gesicht eines jungen Mannes, der sie anlächelte. Persephone lächelte zurück und der Mann im Brunnen lächelte sie wieder an. Dann kehrte die junge Göttin heim auf den Olymp. Aber sie ging immer wieder zu dem Brunnen zurück, von Neugier getrieben und auch von dem Verlangen, das Gesicht des jungen Mannes wiederzusehen.

Wer war er? War er ein Sterblicher? War er ein Wassergott, der in dem Brunnen wohnte? Er lächelte sie immer sehr freundlich an. Einmal zwinkerte er sogar mit den Augen, als ob er sagen wollte: »Spring, komm her zu mir!« »Nein«, sagte Persephone, »ich komme nicht. Komm doch du von da unten herauf.« Das hätte sie vielleicht besser nicht sagen sollen. Oder doch? Plötzlich öffnete sich vor ihren Füßen der Erdboden. Ein breiter Spalt bildete sich und heraus kamen Dampf und Wärme. Und auf einmal rollte mit Schwung ein goldener Wagen heraus, gezogen von drei blauen Pferden. Aus den Nüstern der Pferde sprühte Feuer und aus dem Wagen sprang ein junger Mann. Es war derselbe, der sie aus dem Brunnen angelächelt hatte.

» Du hast gesagt, ich soll heraufkommen. Hier bin ich!«, rief er. »Ich bin Hades, der Gott der Unterwelt. Und ich besitze alle Reichtümer, die in der Erde liegen: Gold, glitzernde Edelsteine, Silber und Diamanten und alles, was du dir an Schätzen nur ausdenken kannst. Alles, was unter der Erde ist, gehört mir. Aber ich möchte meine Schätze mit jemandem teilen. Willst du nicht meine Frau werden? Komm, steige in meinen goldenen Wagen. Du wirst sehen, dass die Unterwelt genauso schön ist wie die Oberwelt.« »Ich muss meine Mutter erst fragen …«, antwortete Persephone erschrocken. »Du bist groß genug, um dein Schicksal selbst zu entscheiden!«, rief Hades und gab ihr seine Hand. »Ich glaube, dass es nicht richtig ist, was wir jetzt tun …«, sagte Persephone, aber sie stieg trotzdem in den goldenen Wagen.

Die Pferde machten einen Riesensprung und der goldene Wagen verschwand in dem Spalt. Die Erde schloss sich, als wäre nichts geschehen. Vergebens wartete die Göttin der Fruchtbarkeit an diesem Abend auf ihre Tochter. Persephone kam zum ersten Mal in ihrem Leben nicht auf den Olymp zurück.

Als sie auch in den nächsten Tagen ausblieb, machte sich ihre Mutter Demeter auf die Suche. Sie flog um die ganze Erde, schaute in jeden Winkel. Aber ihre geliebte Tochter Persephone war spurlos verschwunden. Wo konnte sie sein? Die verzweifelte Mutter suchte und suchte. Die geliebte Tochter war nirgendwo zu finden. In ihrem Schmerz versteckte sich die Göttin der Fruchtbarkeit in einer Höhle. Sie wollte niemanden sehen. Auf einmal gab es auf der Erde keine Fruchtbarkeit mehr. Die Obstbäume trugen kein Obst mehr, die Kühe bekamen keine Kälber mehr. Auf den Feldern keimte das ausgesäte Korn nicht mehr. Auch die Frauen bekamen keine Kinder mehr.

»Götter des Olymp, was ist nur geschehen?«, fragten die ratlosen Menschen. »Wenn das so weitergeht, werden wir bald aussterben, weil nichts mehr auf der Erde wächst. Wer hat die Fruchtbarkeit unserer Felder zerstört?«


Wie der Wechsel der Jahreszeiten entstand (Ellermann / Wilfried Gebhard)


© Wilfried Gebhard/ellermann
Zeus sah: Er musste sich einmischen. Er fragte seinen Sohn Apollo, der alles wusste und alles vorhersehen konnte: »Wo ist Persephone? Wir müssen Persephone finden, damit ich Demeter überreden kann, sich wieder ihrer göttlichen Aufgabe zu widmen.« »Demeter macht sich ganz umsonst Sorgen«, antwortete Apollo, »Persephone ist die Königin der Unterwelt geworden. Hades hat sie nämlich zu seiner Frau gemacht. Sie ist glücklich mit ihm. Ich verstehe gar nicht, warum Demeter so traurig ist.« »Weil sie das nicht weiß!«, rief Zeus. »Komm, wir gehen zu ihr. Du musst es ihr erklären. Warum hast du das nicht gleich gesagt?« »Weil Hades mich gebeten hat, niemandem zu verraten, wo Persephone steckt. Aber vor dir, oh großer Zeus und Göttervater, darf ich natürlich keine Geheimnisse haben.«

Sie gingen zusammen zu der Höhle, in der sich Demeter versteckt hatte.
»Wir wissen, wo deine geliebte Tochter ist«, rief Zeus ihr zu. »Du hast keinen Grund, so traurig zu sein. Persephone lebt in der Unterwelt und ist mit meinem Bruder Hades glücklich verheiratet. Also komm heraus und schenke den Menschen wieder die Fruchtbarkeit. Sonst geht die Welt zugrunde.«

Demeter ließ sich überreden, auf den Olymp zurückzukehren. Aber nur unter einer Bedingung. Sie sagte: »Einige Monate im Jahr will ich meine geliebte Tochter auf dem Olymp bei mir haben. Bitte, Zeus, rede mit Hades darüber.«

Hades, der Gott der Unterwelt, wollte sich nie und nimmer von seiner geliebten Frau trennen, auch nicht für einige Monate. »Ich habe hier unten sehr viele Schätze«, sagte er, »aber mein größter Schatz ist Persephone, meine Frau.«

Schließlich musste Hades doch nachgeben. Er erklärte sich bereit, Persephone jedes Jahr für einige Monate zu ihrer Mutter in die Oberwelt zu schicken. Das sind die Monate, in denen auf der Erde alles blüht, wächst und reift. Demeter schenkt in dieser Zeit der Erde ihre ganze Fruchtbarkeit. Und wenn Persephone wieder zu ihrem Gatten in die Unterwelt zieht, versteckt sich die Göttin der Fruchtbarkeit in ihrer Höhle. Dann wächst nichts auf der Erde. Dann ist es Winter.


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➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten 

➤ Text von Dimiter Inkiow /Illustrationen von Wilfried Gebhard aus dem Buch "Die schönsten europäischen Sagen", ellermann im Dressler Verlag

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