Märchen und Kindergeschichten

Wo ist Toms Geburtstag? (ab 4 Jahre)


Tom öffnet die Augen und sitzt sofort hellwach in seinem Bett. Heute ist sein sechster Geburtstag. Ganz oft hat er sich vorgestellt, wie Mama, Papa und sein großer Bruder Henri bei ihm im Zimmer stehen und singen. Mit einer dreistöckigen Spiderman-Schoko-Torte! Und am Kleiderschrank lehnt der coole goldene Rennroller, den er sich schon so lange wünscht!

Aber es passiert nichts. Tom hört kein Mama-Geklapper, kein Papa-Gepolter, nichts … Merkwürdig. Nicht mal Kater Meierhoflässt sich blicken.

Vielleicht muss er sich nur ein wenig gedulden. Tom wackelt an seinem lockeren Schneidezahn herum und popelt einen schwarzen Fussel zwischen dem linken großen Zeh und dem Zeigezeh hervor. Er schnipst den Fussel auf den Boden. Doch der landet nicht auf dem Teppich, sondern auf einem roten Blatt Papier. Tom guckt genauer hin. Quer über dem Blatt sind Reifenspuren zu sehen. Unten rechts leuchtet ein grüner Pfeil, der direkt auf Henris Zimmertür zeigt. Was das wohl zu bedeuten hat?

Leise schleicht Tom rüber und öffnet Henris Tür. Das hat Henri bei fürchterlichster Kitzelstrafe verboten. Aber Tom ist das gerade egal. Auf Henris Teppich liegt noch ein rotes Papier. Diesmal zeigen die Reifenspuren und der Pfeil auf Henris Musikanlage. Tom drückt den Startknopf und hört Mamas Stimme: „Guten Morgen, Inspektor Tom! Leider mussten wir heute schon ganz früh los. Wenn du Frühstück haben willst, geh doch bitte zu Nachbar Liebling. Der macht dir ein Schinkenbrot. Es grüßen und küssen, Mama, Papa und Henri.“

Tom muss schlucken. Mama und Papa haben seinen Geburtstag vergessen. Und statt Spiderman-Torte gibt es nun Schinkenbrot bei Nachbar Liebling … Tom mag Herrn Liebling gerne, aber einen goldenen Rennroller hat der sicher auch nicht in der Küche stehen. Obwohl … Tom überlegt. Herr Liebling war doch früher mal Detektiv. Vielleicht kann er herauszufinden, wo, verflixt noch mal, eigentlich sein Geburtstag abgeblieben ist.

Immer noch in Schlafanzug und Hausschuhen, geht Tom über die Straße und klingelt. Herr Liebling öffnet sofort die Tür. „Hallo, Inspektor Tom. Hast du Hunger, oder machen wir gleich das Rückspiel?“ Er deutet auf das riesige Kickerspiel, das mitten im Wohnzimmer steht. „Ich finde, ich müsste dringend mal gegen dich gewinnen“, sagt er. „Sonst werde ich noch trübsinnig!“


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Herr Liebling lacht und beginnt, die Stangen der blauen Mannschaft zu ölen.
Tom dreht lustlos an den Stangen der roten Mannschaft. „Nö, erst mal was zu futtern, bitte! Ich hab Riesenhunger“, murmelt er. Dass er lieber ein Stück Schokotorte verdrückt hätte, sagt Tom aber nicht.

Herr Liebling nickt. „In Ordnung. Magst du Schinken oder Schinken? Oh, warte mal, im Kühlschrank hab ich auch noch … Schinken!“ Nachbar Liebling schaut Tom mit einem strahlenden Lächeln an. Tom findet den Witz heute noch weniger lustig als sonst. Ich nehme Schinken“, sagt er und seufzt. Gerade als er sich auf den Esszimmerstuhl setzen will, sieht er, dass dort wieder so ein roter Zettel liegt. Es ist doch wirklich verrückt! Hört das denn heute gar nicht mehr auf?

„Herr Liebling, du musst mir helfen … Überall liegen diese komischen Zettel herum. Aber was soll das? Und warum haben alle vergessen, dass ich heute Geburtstag habe …?“, fragt Tom. Herr Liebling schmunzelt. „Was sagst du? Du hast heute Geburtstag? Na, dann gratuliere ich dir ganz herzlich. Alles Liebe, Inspektor Tom! Und was den Zettel betrifft: Da hab ich keine Ahnung, ehrlich. Den muss deine Mutter heute Morgen fallen gelassen haben, als sie mir gesagt hat, dass du zum Frühstück rüberkommst.“

Herr Liebling geht zum Bücherregal und holt eine kleine quadratische Pappschachtel. „Das hätte ich beinahe vergessen! Das soll ich dir von ihr geben“, sagt er.Tom nimmt die Schachtel und betrachtet sie. Also doch! Ein Geburtstagsgeschenk! Allerdings – ein goldener Rennroller kann das nicht sein. Dafür ist die Schachtel zu klein. Als Tom den Deckel öffnet, sieht er etwas Silbernes darin liegen. Neugierig nimmt er es in die Hand – es ist eine Fahrradklingel! Gleichzeitig flattert wieder ein roter Zettel zu Boden. Tom faltet ihn auseinander, aber diesmal fehlt die Reifenspur. Stattdessen klebt ein Foto in der Mitte: Mama, Papa und Henri sind darauf zu sehen. Sie stehen in einem  Glaskasten und winken … Für Tom wird dieser Tag immer rätselhafter. Kann es sein, dass Mama, Henri und Papa entführt wurden? Hält man sie in einem Glaskasten gefangen? Und was hat die Fahrradklingel damit zu tun? Soll Tom etwa Alarm klingeln?

In diesem Moment stellt Herr Liebling einen großen gestreiften Koffer auf den Tisch und sagt: „Ich schätze, jetzt brauchen wir den hier. In diesem Koffer steckt alles, was ein Detektiv sich nur wünschen kann.“

Wo ist Toms Geburtstag? (ab 4 Jahre)


© Dorota Wünsch/ellerman

Herr Liebling wühlt in dem Koffer. Stolz legt er eine Sache nach der anderen auf den Tisch. Tom ist ganz gespannt. „Fingerabdruckpulver, rostige Nägel, Schnurrbärte, Ketchup-Blut, eine Stoppuhr, schmutzige Socken zur Fliegenabwehr und … ach, da ist sie ja! Meine über alles geliebte Lupe Lulu! Dieses geheimnisvolle Bild, mein lieber Tom, ist ein Fall für Lulu.“

Tom legt das Foto auf den Tisch und schaut durch die schwere Lupe. Auf der Scheibe des Glaskastens erkennt Tom Werbung für eine Fahrradklingel. Seine Fahrradklingel! Die, die in der Schachtel war. Und plötzlich weiß Tom, wo Mama, Papa und Henri stecken! Das ist das Schaufenster vom Radhaus Kalupke! Vor diesem Schaufenster hat Tom schon ganz oft gestanden. Denn das Radhaus Kalupke verkauft goldene Rennroller – genau so einen, wie Tom ihn sich wünscht!

„Herr Liebling, ich hab die Lösung! Ich muss sofort zu Kalupkes! Gehst du mit?“, fragt Tom aufgeregt. „Na, klar. Sehr gute Detektivarbeit, Tom“, antwortet Herr Liebling. „Ich muss mir nur schnell meine Schuhe anziehen.“

Zwei Minuten später sind die beiden auf dem Weg. Die Straße runter, einmal links, einmal rechts, und schon sehen sie das Radhaus Kalupke.

Tom rennt los. Mama, Papa und Henri stehen am Schaufenster und winken – wie auf dem Foto. Zwischen ihnen entdeckt Tom eine riesige dreistöckige Spiderman-Torte. Und – Tom traut seinen Augen kaum – einen goldenen Rennroller mit roter Schleife um den Lenker. Sein Herz macht einen kleinen Hüpfer vor Freude. Tom reißt die Ladentür auf.

„Überraschung. Alles Gute zu deinem Geburtstag“, rufen Mama, Papa, Henri und Herr und Frau Kalupke.

Tom ist glücklich. Mit Sonne im Bauch glücklich. Alle haben an seinen Geburtstag gedacht! Der goldene Rennroller steht da! Und die Torte sieht superlecker aus.

„Wie hat dir eigentlich das Geschenk von Herrn Liebling gefallen, Tom?“, fragt Mama, als alle ein Stück Torte auf dem Teller haben. Dabei zwinkert sie Herrn Liebling zu. Tom weiß gar nicht, was Mama meint. Welches Geschenk? Ratlos sieht er seine Mutter an. „Na, dein erster Fall als Detektiv, Inspektor Tom“, sagt sie und streicht Tom über die Haare.

Tom überlegt. Detektiv? Fall? Konnte es möglich sein, dass …? „Hast du etwa meinen Geburtstag versteckt, Herr Liebling?“, fragt Tom. „Warst du das mit den Zetteln und den Hinweisen?“

Herr Liebling lächelt. „Mhhm, ja, das war mein erster Fall für dich. Und du hast ihn prima gelöst. Wenn du magst, können wir in Zukunft noch öfter gemeinsam spannende Fälle lösen!“

Tom merkt, wie seine Wangen vor Freude ganz rot werden. Sagen kann er gerade nichts mehr. Aber ganz kräftig nicken, das kann er schon noch.



➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten

➤ Text von Ann-Katrin Heger/Illustrationen von Dorota Wünsch aus dem Buch "Lustige Vorlesegeschichten. Flausen, Faxen, Firlefanz", ellermann im Dressler Verlag

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