Märchen und Kindergeschichten

Wie ein vergessener Regenschirm


von Heike M. Kirschner

Ich weiß, wie es ist, einfach vergessen zu werden. Und ich habe einen Freund, der es auch ganz genau weiß!

Ich hatte vorher noch nie darüber nachgedacht, ob Hunde die Schultern hängen lassen können oder nicht. Dieser jedenfalls ließ ganz eindeutig die Schultern hängen. Jämmerlich sah er aus, wie er dort unter der Laterne saß, auf einer Hundepobacke, die Hinterbeine leicht seitwärts geschoben, den Blick müde auf die vorbeifahrenden Autos gerichtet.

Sein Anblick brach mir das Herz. Wenig später saß ich neben ihm - und ließ ebenso die Schultern hängen.

Es war an der Autobahnraststätte auf dem Rückweg aus dem Ferienlager. Wir hatten dort eine Tank- und Pipi-Pause machen wollen. Übermütig und laut kichernd hatten sich 39 Mädels aus dem Bus gedrängelt und mit einem Schlag die Toilettenräume verstopft. Geduldig teilten wir uns drei Kabinen.

Als ich endlich an der Reihe war, rauschte neben mir schon die letzte Klospülung. Eine Tür klappte. Dann war es mucksmäuschenstill im Toilettenraum. Ich war allein. 
Leise Panik stieg in mir auf. Die würden doch wohl auf mich warten?

Ich versuchte mich zu beruhigen. Natürlich würden sie auf mich warten. Man vergaß vielleicht einen Regenschirm, aber doch kein Kind! Trotzdem war die Stille nervtötend. Hektisch zog ich mich an und wusch mir die Hände. Schon glaubte ich, den Busmotor zu hören. Mit wild klopfendem Herzen riss ich die Tür zur Gaststätte auf - und rannte volle Kanne gegen ein riesiges blau-gelbes Holzfällerhemd.

Der dicke Mann darin brummte zu mir herunter: „Immer mit der Ruhe, junge Dame!“ 
Entgeistert starrte ich ihn an. Du meine Güte, wie peinlich! Ich war da wohl in etwas geraten, was man Panik nennt. Fehlte nur noch, dass ich gleich losheulte und mein Schnuffeltuch brauchte.

Ich atmete tief durch und wie um mir selbst zu beweisen, wie cool ich war, kaufte ich mir in aller Ruhe einen Schokoriegel. Dann schlenderte ich betont langsam hinaus auf den Parkplatz.

Und da sah ich ihn sitzen, ganz am Ende der Parkzone, kurz vor der Ausfahrt auf die Autobahn: eine strubbelige kniehohe Mischung aus Bobtail und Pandabär mit süßen Schlappohren, die mit seinen Schultern um die Wette hingen. Auf den ersten Blick war klar, dass dieser arme Hund hier ausgesetzt worden war.

Mit einem groben Hanfseil, wie man es für Pakete verwendet, war er fest an einen Laternenpfahl gebunden. Fehlte nur noch ein ausgebeulter Hut auf dem Gehweg vor ihm und ein Pappschild mit der Aufschrift „Bin arbeitslos und ohne Wohnung“. Er bot einen erbarmungswürdigen Anblick! Mir wurde ganz rosa vor Mitleid. Das elende Tier brauchte dringend Hilfe. Meine Hilfe.

Wie ferngesteuert ging ich auf ihn zu.

Als ich endlich vor ihm stand, sah er mich zwar an, zeigte aber sonst keinerlei Reaktion. So, wie ich, waren wohl schon Dutzende Menschen auf ihn zugekommen, hatten aber schließlich alle sein Schwanzwedeln übersehen und waren achtlos an ihm vorbeigegangen. Für mich hatte er nun kein Schwanzwedeln mehr übrig.

„Hallo, du armer Hund!“, begrüßte ich ihn leise und ging vor ihm in die Hocke. 
Misstrauisch sah er mich an. „Geh doch einfach weiter!“, schien sein Blick zu sagen. 
Ich hielt ihm meine Hand hin und er schnupperte lahm daran. Dann blickte er wieder Richtung Fahrbahn, einem vorbeifahrenden weißen Kombi hinterher. 
Das war ja wirklich zum Steine schmelzen.

„Du wartest wohl schon lange, was?“, fragte ich ihn und wuschelte aufmunternd seine Stirnlocken. „Nun guck doch nicht so traurig! Ich werde dir helfen. Wie heißt du denn?“

Mit traurigen Augen sah er mich an. Sein Blick sagte: „Wen interessiert das schon?“ Doch dann hob er ein wenig das Kinn und ich sah an seinem Strick einen roten Plastik-Flaschenöffner mit dem Aufdruck „Lindener Hofbräu“ baumeln.

Mit schwarzem Edding hatte eine Erwachsenenhand Bob darauf gekrakelt. 
Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Diese Hundemarke war ja wohl das Allerletzte! 
„Du armer Kerl!“, sagte ich. „Du heißt also Bob.“ Als er seinen Namen hörte, zuckte Bob tatsächlich ein wenig mit den Ohren.

„Na, also!“, ermunterte ich ihn und kraulte ihn am Hals. „Alles wird wieder gut, Bobby.“ Dann entdeckte ich an seinem Hals eine lange schartige Wunde. Das Hanfseil hatte sich tief in seine Haut geschnitten, wahrscheinlich als er an der Leine gezerrt hatte bei dem Versuch, sich zu befreien. Eine dicke Blutkruste klebte Fell und Strick aneinander.

Mein Gott, dachte ich, was mussten das für Menschen sein, die so etwas taten? Stiegen ohne jedes Gewissen in ihr Auto und fuhren einfach weg. Und Tschüss!
In genau diesem Moment fuhr mein Ferienbus an mir vorbei in Richtung Autobahnauffahrt. Ungläubig starrte ich ihm hinterher. Er beschleunigte, wechselte die Spur - und verschwand.

Wie gestochen, fuhr ich in die Höhe. „He! He!“, brüllte ich und hopste wie ein Äffchen auf und ab. „Ihr könnt doch nicht ohne mich … He! Oh, heilige Milchkuh, verdammter Mist! Verdammter Doppelmist! Heee!“

Ich zeterte noch eine Weile, doch der Bus war weg. Und Tschüss! Bedröppelt stand ich auf dem Parkplatz. „Die können doch nicht einfach ohne mich …“, flüsterte ich und sah Bob verzweifelt an. „Oh doch, sie können“, sagte sein Blick.

Mein Herz klopfte wie wild und ich fühlte heiße Tränen aufsteigen. „Was mache ich denn jetzt?“ Der Hund sah mich an und legte den Kopf schief. „Willkommen im Club“, schien er zu sagen. „Oh nein!“, jammerte ich und sank kraftlos neben ihm ins Gras.

Jetzt saßen wir also beide da und ließen unsere Schultern hängen. Man hatte uns sitzen lassen. Eine Weile ließ ich meinen Tränendrüsen ihren Willen. Bobby legte seinen Kopf auf mein Bein und schnaufte nach Hundeart. Es hörte sich an wie: „So ist es halt eben …“

Aber da kannte er mich schlecht! „He“, knuffte ich ihn an, „nur weil ich mal eben ein bisschen heule, heißt das noch lange nicht, dass ich aufgebe!“ Energisch wischte ich mir die Tränen mit seinem linken Schlappohr weg. Dann stand ich auf. „Sie werden zurückkommen!“, sagte ich bestimmt. „Kann gar nicht lange dauern. Sie müssen nur erst wenden.“ Ich sah Bob fest an und fuchtelte mit dem Zeigefinger. „Wirst schon sehen, gleich werden sie zurückkommen!“

Schokolade für Bobby

Doch Bobbys Augen erzählten eine traurige Geschichte. „Das habe ich auch gedacht“, sagten sie und meine Schultern rutschten wieder herunter. Ratlos steckte ich meine Hände in die Jackentasche. Ach ja, der Schokoriegel war noch darin. Im schlimmsten Fall hilft ja immer noch Schokolade, dachte ich. Ich setzte mich also wieder neben Bobby ins Gras und riss die Folie auf.

Und mit einem Schlag kam richtig Leben in den kleinen Hund! Er sprang auf die Beine, wedelte mit allem, was er hatte, und starrte den Schokoriegel wie hypnotisiert an. Für dieses Stück Schokolade hätte Bobby für den Rest seines Lebens Rollschuhe getragen.

Ich brach das klebrige Stück also auseinander und hielt ihm die eine Hälfte hin. „Hier, bevor du ohnmächtig wirst!“  Gierig schnappte er danach. Dann ließ er sich auf den Bauch fallen und kaute genüsslich die Karamell-Nuss-Füllung durch. Brauner Sabber troff ihm aus den Mundwinkeln. Er war selig wie ein Frosch im Quark.

Ich streichelte ihm über den Rücken und war ebenso selig. So blöde es auch war, ausgerechnet zu den wenigen Kinder zu gehören, die auf einer Raststätte vergessen wurden, so schön war es doch, dabei nicht ganz allein zu sein.

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In einem großherzigen Anfall gab ich Bobby die andere Hälfte des Schokoriegels auch noch. „Siehst du?“, sagte ich. „Alles nicht so schlimm. So, und jetzt mache ich deine Leine los. Dann können wir … ähm …“ Mir fiel nichts ein, was wir dann konnten. „Auf jeden Fall ist es ohne Strick besser.“

Bobby war ganz meiner Meinung. Als ich mich an dem Knoten zu schaffen machte, sprang er auf und tänzelte freudig hin und her. Wie sich jedoch schnell herausstellte, bekam ich den fiesen Knoten nicht auf, denn Bobby hatte ihn in seiner Verzweiflung ordentlich festgezogen. Ich zerrte mit den Fingernägeln, versuchte es sogar mit den Zähnen und war so vertieft, dass ich erschrocken zusammenfuhr, als plötzlich ein Mann vor uns stand. Es war das dicke Holzfällerhemd.

„Bist du Anna Kubik?“, fragte er mich. Verdattert fühlte ich meinen Kopf auf und ab nicken. „Da kam eben ein Anruf von deiner Ferientruppe. Du sollst dir keine Sorgen machen. Sie sind auf dem Weg hierher und kommen in ein paar Minuten.“

Oh ja! Oh Jubel! La Ola! Mir war, als würden aus allen Fenstern Fahnen gehängt! 
„Hast du das gehört, Bobby? Sie kommen! Gleich! Ich hab’s doch gewusst!“ Euphorisch warf ich mich dem verblüfften Hund um den Hals. Der Mann schmunzelte. „Wenn du magst, kannst du so lange mit reinkommen und etwas trinken.“ Jetzt erst bemerkte ich das Tankstellen-Logo auf seinem Hemd. Er musste wohl der Tankwart hier sein.

Ich wollte schon aufstehen, doch dann hielt ich inne. „Darf Bobby auch mit rein?“, fragte ich. Der Mann zog die Oberlippe schief. „Tut mir leid, aber Hunde müssen draußen bleiben.“ „Dann warte ich lieber hier“, sagte ich entschieden und legte demonstrativ einen Arm um Bobbys Hals.

Der Tankwart lächelte und nickte mir zu. „Wie du meinst“, sagte er und ging zurück in sein Büro.

Die Zeit bis zum Eintreffen des Busses verging wie im Flug. Bobby und ich lehnten aneinander; er leckte meine Hand, ich kraulte sein Fell. Wir fühlten uns wie Freunde auf der Wiese hinterm Haus.

Und dann kam auch schon der Bus. Er hielt direkt vor uns, die Tür ging auf und Luise, meine Freundin, sprang heraus. Sie hatte hektische rote Flecken im Gesicht und gerötete Augen. Erleichtert fiel sie mir um den Hals: „Mensch, Anna, Gott sei Dank! Bin ich froh, dass du wieder da bist!“ (Gerade so, als wäre ich weg gewesen und nicht der Bus!)

Wie in einem Hühnerstall plapperte sie auf mich ein, irgendetwas von „Kopfhörern“ und „im Rucksack gewühlt“ und „gar nicht mitgekriegt“ und „gagagack“.

Dann stieg auch Anke, unsere Betreuerin, aus dem Bus. Im Gegensatz zu Luise war sie kreidebleich im Gesicht. „Mein Gott, Anna! Bist du in Ordnung? Ist alles okay?“ 
Ich nickte bedächtig. „Mir geht´s gut“, sagte ich sorgfältig. „Ich fühle mich nur ein wenig wie ein Regenschirm.“

Natürlich haben wir Bobby mitgenommen in unserem Bus. Den Rest der Rückreise kraulte ich sein Fell und überlegte, wo ich ein neues Zuhause für ihn finden könnte. Bei mir konnte er leider nicht bleiben. Er wäre jeden Vormittag allein und das konnte ich ihm nicht zumuten.

Vielleicht, so überlegte ich, könnte ihn Frau Jeschke nehmen? Sie war Rentnerin und kümmerte sich jeden Donnerstag um unseren Garten. Sie könnte Bobby dann immer mitbringen, träumte ich mir zusammen. Wir würden uns wie Freunde auf die Wiese hinterm Haus setzen und Schokoriegel kauen - mit Karamell-Nuss-Füllung!


➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten


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