Märchen und Kindergeschichten

Wohin geht die Sonne, wenn wir schlafen? (ab 5 Jahre)


Nach den Ferien kommt Hannah in die Schule. Doch daran denkt sie im Moment nicht eine Sekunde. Fröhlich rennt sie im kniehohen Meer dem großen gelben Wasserball hinterher, der zwischen ihr, Mama und Papa hin und her fliegt. Urlaub am Meer ist einfach das Schönste, was Hannah sich vorstellen kann! Sie kann gar nicht genug davon bekommen. Und auch Jakob, Hannahs kleiner Bruder, hat großen Spaß. Er sitzt mit nacktem Po und Sonnenhütchen auf dem Kopf im seichten Wasser und schlägt mit den Händen auf die Wasseroberfläche, dass das Wasser nur so spritzt.

»Patsch!«, jauchzt Jakob dann jedes Mal vor Freude. So vergeht der erste Tag am Meer wie im Flug. »Oje!«, ruft Mama plötzlich. »Der Strand ist ja schon menschenleer!« »Halb so wild«, sagt Papa. »Wir haben doch Urlaub. Und den Weg zum Ferienhaus finde ich auch im Dunkeln. Viel lieber würde ich mir noch den Sonnenuntergang angucken.« »Ja!«, ruft Hannah aufgeregt. »Ich hab noch nie einen Sonnenuntergang gesehen!« »Jakob auch!«, sagt Jakob und macht ein trotziges Gesicht.

»Da bin ich wohl überstimmt«, sagt Mama. »Aber vorher ziehen wir uns an und packen alles zusammen.« Sofort kommt Hannah aus dem Meer und sammelt das Strandspielzeug ein. Und auch Jakob kommt mit seinen kleinen Füßchen wie eine Ente aus dem Wasser gewatschelt und lässt sich freiwillig von Mama anziehen. Papa klappt den Sonnenschirm zusammen und presst die Luft aus dem großen Wasserball. Fünf Minuten später sind alle angezogen und die Strandsachen fix und fertig verstaut. Wirklich alles? Nein, Jakobs blauer Lieblingsball ist nicht eingepackt. Den will Jakob nämlich selbst tragen! Nun sitzen die vier am Strand, umgeben von prall gefüllten Taschen und einem zugeklappten Sonnenschirm, und warten auf den Sonnenuntergang. Lange kann es nicht mehr dauern. Die Sonne steht schon tief am Himmel und sieht aus wie ein riesiger goldener Feuerball, der gleich im Meer versinkt. Und auch Himmel und Meer, die den ganzen Tag über strahlend blau waren, schimmern jetzt golden-orange. »Ist das schön!«, sagt Hannah und legt ihren Kopf an Papas Schulter.



© ellermann


Nur Jakob kann dem Farbenspiel nichts abgewinnen und fängt an zu quengeln. Da zaubert Mama eine Tüte Gummibärchen aus der Provianttasche und gibt Jakob ein paar in die Hand. Sofort ist er still. So eine Gelegenheit kann Hannah sich natürlich nicht entgehen lassen und nascht aus der Tüte. Da können auch Mama und Papa nicht widerstehen und naschen mit. Zwischendurch hält Hannah immer wieder Daumen und Zeigefinger gegeneinander, um zu sehen, wie viel Abstand noch zwischen Sonne und Meer ist.

»Genau eine Gummibärchengröße!«, stellt sie fest und lässt das Gummibärchen im Mund verschwinden. Beim nächsten Mal passt nur noch ein halbes Gummibärchen zwischen Daumen und Zeigefinger. Und als Hannah noch einmal hinschaut, berührt die Sonne schon das Meer. Dann taucht sie tiefer und tiefer. Zuerst ist sie noch halb zu sehen, dann ein Stückchen, dann ein klitzekleines Stückchen und dann ist sie weg! »Patsch, ins Meer geplumpst!«, ruft Jakob und klatscht vor Freude in die Hände.

Hannah sieht Papa fragend an: »Ist die Sonne wirklich ins Meer geplumpst?« »Nein«, antwortet Papa und lacht. »Das sieht nur so aus. In Wirklichkeit wandert die Sonne langsam auf die andere Seite der Erde.« »Auf welche andere Seite?«, fragt Hannah. »Die Erde ist doch rund, ungefähr so wie ein Ball.« Papa nimmt Jakobs blauen Ball in die Hand. »Meiner!«, protestiert Jakob auf der Stelle. »Ja, du bekommst ihn gleich zurück«, sagt Papa. Jakob beobachtet ganz genau, was Papa mit seinem Ball macht. Er hält ihn hoch in die Luft und sagt: »Das ist jetzt unsere Erde. Sie dreht sich in vierundzwanzig Stunden ein Mal um sich selbst. Von Westen nach Osten.« Langsam dreht Papa den Ball um sich selbst. Da der Ball aber rundum blau ist, kann man die Bewegung kaum erkennen.

Da hat Papa eine Idee. Er greift in die Gummibärchentüte und nimmt die letzten Gummibärchen heraus. »Glück gehabt! Es sind noch genau vier da!«, sagt Papa. Er feuchtet die glatte Seite mit der Zunge an und klebt die vier Gummibärchen auf den blauen Ball. Jetzt ist Hannah gespannt. »Das sind wir«, erklärt Papa stolz und zeigt mit dem Finger auf die Gummibärchen. Wieder dreht er den Ball um sich selbst. Zuerst sind die Gummibärchen vorne. Dann verschwinden sie immer mehr und sind schließlich gar nicht mehr zu sehen.

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»Ach so!«, ruft Hannah. »Das ist wie bei meinem Kreisel!« »Richtig«, sagt Papa. »Und jetzt holen wir noch die Sonne dazu.« Papa zieht den platten, zerknitterten Wasserball aus der Tasche und pustet ihn noch einmal auf. Mit hochrotem Kopf sagt er: »So, und das ist jetzt unsere Sonne! Die ist nämlich viel größer als die Erde.« Papa hält Hannah den großen gelben Wasserball entgegen. »Du bist jetzt die Sonne und bleibst einfach da stehen.« Hannah hat keine Ahnung, was Papa vorhat. Doch kaum hält sie die große Sonne in Händen, wandert Papa mit Jakobs blauem Ball auch schon los. Immer um die Sonne und Hannah herum. Dabei lässt er die Erde sich auch noch um sich selbst drehen.

»Die Erde dreht sich nämlich nicht nur um sich selbst, sondern sie kreist auch um die Sonne.« »Eine Hälfte der Erde ist immer der Sonne zugewandt und bekommt ihr Licht. Dann haben wir Tag und die andere, von der Sonne abgewandte Seite Nacht.« Und gerade als die Gummibärchen der Sonne zugewandt sind, ruft Hannah: »Jetzt haben wir Tag!« »Stimmt«, sagt Papa und lässt die Erde sich langsam weiterdrehen. »Und jetzt haben wir Nacht!«, ruft Hannah. »Genau«, sagt Mama. »Jetzt haben wir Nacht. Und deshalb gehen wir nun ganz schnell schlafen. Und solange wir schlafen, scheint die Sonne für all die Kinder auf der anderen Seite der Erde.« »Und morgen früh ist die Sonne wieder für uns da!«, ruft Hannah glücklich.

Jakob interessiert das nicht die Bohne. Er hat die ganze Zeit nur die Gummibärchen im Auge. Plötzlich springt er auf, nimmt Papa den blauen Ball aus der Hand, rennt mit ihm davon und ruft: »Mein Ball!« Mama, Papa und Hannah sehen sich verdutzt an. Doch bevor irgendeiner etwas unternehmen kann, hat Jakob alle Gummibärchen vom Ball gepflückt und sich in den Mund gestopft. Nun ist auch Jakob glücklich.

➤ Kategorie: Gute-Nacht-Geschichten

➤ Text: Petra Maria Schmitt, Illustrationen: Heike Vogel. Aus: "Warum ist die Banane krumm? Vorlesegeschichten für neugierige Kinder, erchienen bei ellermann im Dressler Verlag, www.ellermann.de

➤ Hier können Sie die Geschichte kostenlos downloaden: Wohin geht die Sonne, wenn wir schlafen?

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