Die Märchenmacher - Es war einmal bei Walt Disney

Peter Pan, Mogli oder Aschenputtel: Es sind Kindheitserinnerungen an Helden, Zauberwelten und das Gefühl, dass alles möglich scheint. Walt Disney steht seit jeher für dieses magische Irgendwas, das jeden Film so besonders macht. Zum Filmstart von "Tinkerbell und die Piratenfee" (12. Juni) haben wir einen exklusiven Blick hinter die Kulissen gewagt, um dem Geist von Walt Disney nachzuspüren.


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Es ist ruhig hier. Nicht totenstill, nicht unbehaglich. Nein. Es ist eher diese Ruhe, wie man sie aus Museen kennt. Irgendwie andachtsvoll, respektvoll. Irgendwas liegt in der Luft, das dich automatisch dazu bringt, zu flüstern. Und obwohl die Worte nur gehaucht werden, sind sie deutlich zu verstehen: „Wir bewahren hier etwa 6,5 Millionen einzelne Zeichnungen auf. Die ältesten davon sind schon über 90 Jahre alt“. Fox Carney lächelt stolz, als er auf ein paar ausgewählte Bleistiftzeichnungen zeigt. Seine ganze Person strahlt dabei die gleiche Ruhe aus, wie das gesamte Gebäude, in dem er arbeitet: die Animation Research Library (ARL) von Walt Disney.

Die Bibliothek ist das Herz der Walt Disney Company und Fox Carney sein Hüter. Hier werden alle Zeichnungen aufbewahrt, die seit Beginn in den Disney Studios gezeichnet wurden. Von Alice im Wunderland, über Dornröschen, dem Dschungelbuch und Peter Pan: Alle sind sie hier, alphabetisch geordnet und Blatt für Blatt sorgfältig in kleine Kisten gebettet. Die Aktenschränke sind wohl zwei Meter hoch und von Sockel bis zur Spitze gefüllt mit Kreativität, aus der letztlich die Zeichentrick-Klassiker von Disney entstanden sind. Filme, die auch Helden geschaffen haben. Einer dieser Helden liegt auf der Ablage, auf die Carney deutet.

Blick auf original Skiztzen in der Animation Research Library

In der Animation Research Library werden alle original Zeichnungen der Disney Company aufbewahrt. Die ältesten Skizzen sind über 90 Jahre alt.


© Disney
Es ist Peter Pan. Peter Pan auf einem DIN A-4 Blatt. Strich um Strich zusammengesetzt zu einer einfachen Skizze. Daneben Captain Hook und natürlich Tinkerbell. Schaut man genau hin, entdeckt man auch die Jahreszahlen: April 1949, Skizzen von 1950 und 51. Die Hände hinter dem Rücken und für den besseren Blick nach vorne geneigt, setzt der Atem kurz aus. Ebenso automatisch wie er die Stimme drosselt, weigert sich der Körper auszuatmen: zu wertvoll das Stückchen Papier vor der Nase, zu zart die Bleistiftstriche. Eine Zahl könne er nicht nennen, das alles hier sei für die gesamte Walt Disney Company von zu großem, in erster Linie immateriellen Wert. Die Animation Research Library bewahrt die Individualität, die Einzigartigkeit jedes Disney Charakters und damit letztendlich seine Essenz. Und die ist mehr als nur ein bloßes Bild. Es gilt, die Bewegung, Mimik und Gestik jeder einzelnen Figur zu konservieren.

Zeitreise - Zurück zu den Anfängen


„Auch wir haben deshalb unsere Arbeit im ARL gestartet“, erklärt Peggy Holmes. Sie schrieb die Geschichte zum neusten Tinkerbell Abenteuer „Tinkerbell und die Piratenfee“. Dafür wagte das Animations- und Produktionsteam einen ganz besonderen Schritt. Zum aller ersten Mal wollten sie in der Zeit vor die ersten Disney Filme reisen. Um genau zu sein, in eine Zeit, in der es Peter Pan noch nicht gab, wohl aber Captain Hook und Tinkerbell – nur eben in einer jüngeren Version. Einen jungen James Hook schaffen; eine große Verantwortung, auf die das gesamte Team auch etwas ehrfurchtsvoll blickte. „Wir alle wissen, welche großartigen Künstler es vor uns gab und was sie erschaffen haben. Dem gerecht zu werden, war eine große Herausforderung“, erklärt Raymond Shenusay vom Animationsteam.


Original Skizze von Captain Hoock

Original Skizze von Captain Hook


© Disney
Und dennoch, die Grenzen ausreizen zwischen dem, was man an Hook ändern kann und nicht ändern darf, das sei für ihn vor allem eins gewesen: großer Spaß. Er grinst frech. Bei diesem Grinsen kann man sich nur zu gut vorstellen, welche Freude es ihm tatsächlich bereitet hat, eine Ikone wie Hook verändern zu dürfen. Die Sorgfalt blieb dabei aber nicht auf der Strecke. Bewegung, Gestik und Mimik des alten Hook wurden in der ARL genau studiert und auf sein jüngeres Ich übertragen. Aber irgendwie ist es vor allem die Nase. Die Nase und das Kinn. Sie machen Hooks Gesichtszüge einzigartig und geben dem Zuschauer eine Ahnung, wer sich hinter dem jungen, charmanten James tatsächlich verbirgt.

Es ist diese leise Ahnung, die den ganzen Film durchzieht und dadurch die Neugierde lautstark weckt. Der Schädelfelsen, das Piratenschiff und dieser eine Pirat mit der markanten Nase: Irgendwie kommt einem das bekannt vor. „Es sind die Details. Keiner merkt wirklich, dass sie da sind und doch würdest du sie vermissen, wenn sie fehlen würden“, bringt es Jenni Magee-Cook auf den Punkt. Sie ist die Produzentin von „Tinkerbell und die Piratenfee“ und half Peggy Holmes bei der Umsetzung ihrer Ideen. Von denen gab es viele. Der junge Hook war nur eine davon. Holmes schuf für dem Film einen weiteren neuen Charakter: Zarina. Zarina sollte ganz anders sein. Sie sollte sich von allen anderen Feen unterscheiden. Ja mehr noch, sie sollte sogar die ganze Welt der Feen anzweifeln. „Uns war klar, dass Zarina eine missverstandene, talentierte und neugierige Fee sein sollte, die im Tal der Feen irgendwie nie ihren Platz gefunden hat“, erklärt Holmes. Und so lies sie Zarina eine ganz neue Welt entdecken, die Welt der Piraten. Und sie macht die Fee sogar kurzerhand zum Captain.
"Die ersten Entwürfe waren zu niedlich"

Wo wir wieder bei den Details wären. Denn eine Fee, die nicht zu den anderen Feen passen will, braucht natürlich auch ein anderes Design. Holmes saß lange mit der Designerin Ritsuko Notani zusammen und sie feilten an Zarinas Figur. „Die ersten Entwürfe waren viel zu niedlich. Zarina musste stärker wirken, eher athletisch und weniger zerbrechlich“, sagt Notani. Doch trotzdem darf sie das Liebendwerte nicht verlieren. Der Spagat zwischen Pirat und Fee war dabei wohl das Schwierigste. Notani: „Hätten wir Zarina zu niedlich gemacht, wäre es unglaubwürdig gewesen, dass sie alleine von zu Hause wegläuft. Sie muss aber auch ein Charakter bleiben, dem man nichts Böses will.“ Holmes hat ihr Animationsteam also zweifelslos auf Trab gehalten und die Welt der Feen auf den Kopf gestellt.

Skizzen von Zarina in verschiedenen Posen

Zarina von Kopf bis Fuß: die Arbeit der Figur-Designerin Ritsuko Natoni


© Disney
Steckt also ein bisschen Zarina in Peggy? Oder doch ein bisschen Peggy in Zarina? Wenn man die zierliche, kleine Frau mit dem kessen Blick sieht, die ein ganzes Team davon überzeugen konnte, die Ordnung im Disney Universum durcheinander zu bringen, ist es wohl doch letzteres. „Ich liebe Peter Pan. Alles, was wir für unsere Geschichte verändert haben, basiert auf Liebe und Respekt davor“, betont Holmes. Der Verantwortung, die man für den Film hat, ist sich hier also jeder bewusst. Vielleicht auch, weil Walt Disney mehr ist als eine Firma, in der Filme gemacht werden. Hier arbeiten Märchenmacher.
Die Welt der Märchenmacher

Ein bisschen wie Zauberer lassen sie magische Welten entstehen. Welten, die Kinderherzen begeistern, gefangen nehmen und das meist ein Leben lang. Es ist dieses magische „Irgendwas“, das die Faszination ausmacht. Doch darin liegt für die Märchenmacher eine besondere Pflicht. Zum einen soll die fantastische Welt von Disney mit jedem Film erhalten bleiben, zum anderen – und das ist noch viel wichtiger – transportiert jeder Film auch Werte: wahre Liebe, echte Freundschaft, Mitgefühl, Treue und Mut. Eigenschaften, die an das Gute glauben lassen. „Die Welt nur zu sehen, wie sie ist, kann manchmal ziemlich deprimierend sein. Deshalb müssen Kinder glauben dürfen. Glauben, dass Träume wahr werden können und nichts unmöglich scheint“, sagt Corney mit Nachdruck. Diesen Geist von Disney zu bewahren, das sei ihm einfach wichtig. Und, so scheint es, nur dem, der gleicher Meinung ist, gewährt er Einlass die Heiligtümer, die er hütet.





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