Mehr Männer für mehr Vielfalt in Kitas

Es bewegt sich was! Männliche Erzieher sind heute keine Exoten mehr. Sie machen ihren Job ebenso professionell wie die Kolleginnen – und bereichern den Betreuungsalltag mit eigenen Ideen und neuen Impulsen.


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Heute ist es selbstverständlich geworden, dass auch Väter sich von Anfang an um ihre Kinder kümmern. Da ist es nur konsequent, dass immer mehr junge Männer den Beruf Erzieher wählen. In der Hamburger Kita „Die halben Meter“ etwa herrscht mit je drei weiblichen und männlichen Fachkräften bereits Geschlechtergleichheit.

Erzieher im Kindergarten


© iStock
Sebastian Hanisch arbeitet hier, ein kräftiger, tätowierter Mann, der sicher gern Fußball mit den Jungs spielt – oder?! „Nee, nee! Ich bin Fußball-Legastheniker“, sagt Sebastian und lacht. Dieses klassische Erzieher-Klischee trifft auf ihn nicht zu. Wenn es ums Kicken geht, lässt er lieber die Kolleginnen ran, die im Verein spielen. „Wir toben zwar alle mit den Kindern, aber jeder irgendwie anders. Ich bastel auch mit ihnen, aber eben anders. Da sagen die Kinder schon mal: ‚Die Sabine kann das aber besser!‘ Dann erkläre ich, dass ich eben meine eigene Art zu basteln habe.“

Jeder hat seinen eigenen Stil – jenseits der Klischees


Stefan Schwanzer aus der Kita „Villa Kunterbunt“ in Uetze bei Hannover ist für alle Spiele zu haben, die mit Sport zu tun haben: „Klar spiele ich gern Fußball mit den Jungs. Aber als Bewegungskita wollen wir über den Sport die grundmotorische Entwicklung fördern. Also biete ich den Kindern viele verschiedene Bewegungsspiele an. Wir toben und tanzen – und tatsächlich wird eher selten Fußball gespielt.“

Der Wunsch nach einer Vielfalt an Rollenvorbildern war die Triebfeder der Bundeskampagne „Mehr Männer in Kitas“. Von 2011 bis 2013 liefen 16 Modellprojekte, die für einen Zuwachs männlicher Kräfte in der Kita sorgen sollten. In Hamburg etwa verpasste der Paritätische Wohlfahrtsverband durch die Aktion „Vielfalt, Mann!“ dem Berufsbild ein junges, hippes Flair. Zum Beispiel mit Plakaten, auf denen Erziehertypen vorgestellt wurden. Erzieher? Das schien kein echter Männerberuf zu sein. Und gerade deshalb stellte sich Sebastian Hanisch für das Plakat als Model zur Verfügung. Zusammen mit zehn Kollegen widerlegte er erfolgreich das falsche Bild vom soften Schluffie, der keinen anderen Job gefunden hat.
Vielfalt hilft beim Finden der eigenen Identität

Erzieher und Junge basteln


© iStock
Es ist eigentlich keine neue Erkenntnis: Zu Männern und Frauen gleichermaßen Beziehungen aufzubauen, ist für Kinder zwischen drei und vier Jahren sehr wichtig. Dadurch entdecken sie, dass sie nicht beliebig zwischen Mädchen- oder Junge- Sein wechseln können. Je vielfältiger die Vorbilder, desto freier können sie bei der Ausbildung der eigenen Geschlechter- Identität agieren. Die Erziehungs- und Bildungspläne fordern deshalb die „Einbeziehung von Männern“ – und die EU empfiehlt schon seit 1996, den Männeranteil in Kitas auf 20 Prozent zu erhöhen. Tatsächlich lag ihr Anteil in Deutschland noch vor zwei Jahren unter vier Prozent. Das ändert sich jetzt: Spitzenreiter der entsprechenden Bundesstatistik sind die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen mit rund zehn Prozent. Auch in München entwickeln sich die Zahlen in diese Richtung, insgesamt belegt Bayern aber mit 3,3 Prozent den letzten Platz, was auch an der langsamen Fluktuation aufgrund der guten Versorgung mit Personal liegt. Im Bundesschnitt liegt der Anteil der männlichen Erzieher bei knapp fünf Prozent.
Keine Unterschiede bei der Kompetenz
Aber was machen Männer eigentlich anders? Die Dresdner „Tandem-Studie“ ging dieser Frage 2014 auf den Grund. Ergebnis: Männliche und weibliche Kräfte waren „gleich einfühlsam“, „gleich gut ausgebildet“ und erledigten mit der „gleichen fachlichen Professionalität ihre Arbeit“. Allerdings setzten die Männer unterschiedliche Themenschwerpunkte, je nachdem, mit welchen Vorlieben die Kinder auf sie zugegangen waren.
Frischer Blick und neue Anregungen
Die Autoren der Tandem- Studie werteten diese Flexibilität als Pluspunkt: Männliche Erzieher machten den pädagogischen Alltag anregender, weil sie oft zu anderen Materialien griffen – wodurch andere Ideen und Produkte entstünden als bei Erzieherinnen.

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Mit Argumenten wie diesen erklärt Ulrika Ludwig, die Leiterin der Evangelischen Kita „Im Rosengarten“ in Frankfurt, bereits seit 14 Jahren, weshalb sie Männer im Team hat. „Wir möchten ein buntes Team. Das betrifft das Alter, die Schwerpunkte undeben auch die Geschlechter“, stellt sie schon beim Aufnahmegespräch klar. Dazu passt eine weitere Maxime der Einrichtung: „Bei uns entscheiden die Kinder, mit wem sie welche Dinge machen wollen. Und diese Entscheidung treffen sie aufgrund von Beziehungen. Sie spielen mit der Person, zu der sie das größte Vertrauen haben. Und mit dieser Person gehen sie auch zur Toilette oder lassen sich von ihr oder ihm wickeln“, erklärt Ulrika Ludwig.
Sind die Männer erst mal da, steigt die Akzeptanz
Es zeigt sich: Sind Männer erst einmal im Familienund im Betreuungsalltag angekommen, schwinden die Vorbehalte. „Im Gegenteil“, sagt Astrid Reucker, Leiterin der Villa Kunterbunt. „Wir hören immer wieder: ,Toll, dass ihr einenMann im Team habt!‘“ Mehr Männer in Kitas: Das bedeutet vor allem, dass mehr unterschiedliche Ansprechpartner für Eltern und Kinder zur Verfügung stehen. Das beste Argument für mehr männliche Erzieher aber könnte die „ansteckende“ Wirkung sein: Wenn Väter durch Beispiele wie das der Villa Kunterbunt ihre Scheu verlieren, sich einzubringen, vielleicht sogar eine kleine Männer-Community bilden, steigt die Geschlechtergerechtigkeit – und zwar nicht nur in den Kita-Konzepten, sondern auch im Kita-Alltag.

➤ Tipp: Auf dem Serviceportal der Koordinationsstelle Männer in Kitas  können sich Interessierte über Ausbildung und Quereinstieg informieren.

(von Sylvia Meise / erschienen in der in der familie&co 11/2016)

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