Mein Poesiealbum

Warum das Poesiealbum bei Mädchen nach wie vor gut ankommt - und Jungs sich mit einem Poesiealbum immer noch schwertun.


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

Mädchen mit Poesiealbum


© Thinkstock
Mintgrün war es. Mintgrün mit weißer Borte. Mein Poesiealbum. Als ich mein Poesiealbum zu meinem zwölften Geburtstag bekam, war ich mächtig stolz darauf. Viele Mädchen in meiner Klasse waren bereits im Besitz eines solchen Poesiealbums und reichten es eifrig an ihre Mitschüler weiter. Der erste Spruch in meinem Poesiealbum kam damals von meiner besten Freundin Heide: „Bleibe lustig, bleibe froh wie der Mops im Paletot.“  Lange habe ich darüber gerätselt, was wohl ein „Paletot“ sein könnte. Heute, 17 Jahre später, lauten die Fragen dagegen: Was sollen uns solche herzigen Sprüche überhaupt sagen? Und warum sind sie für junge Mädchen von so großer Bedeutung?

Poesiealbum - unsterblich und fast unverändert


Im Zeitalter von Weblogs, Chatrooms und virtuellen Tagebüchern im Internet erscheint es ohnehin verwunderlich, dass dieses Relikt aus vergangenen Kindertagen auch heute noch auf Schulhöfen anzutreffen ist. „Es ist erstaunlich: Es gibt immer noch viele Mädchen, die ein Poesiealbum führen. Man hat das Gefühl, diese Art von Andenken stirbt nie aus“, sagt Hannelore Jessen, die seit 35 Jahren als Realschullehrerin tätig ist.

Dabei hat sich das Poesiealbum kaum verändert. Immer noch werden kleine Verse und Weisheiten hineingeschrieben und mit kleinen Bildern verziert. Viele Sprüche kommen dabei in einem Poesiealbum doppelt und dreifach vor. „Das ist ja mit das Spannende daran - zu gucken, was wohl die Vorgängerinnen geschrieben haben“, sagt Professor Dietrich Petersen, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. In seinen Augen hat die Bedeutung des Poesiealbums neben den E-Mails, SMS und Internetforen nur scheinbar abgenommen, „weil allein mit dem feierlichen Überreichen des Poesiealbums ein sinnlicher Effekt erzielt wird, den kein elektronisches Medium auch nur annähernd erreicht“.
Poesialbum führen hauptsächlich jüngere Kinder
Dennoch ist die Popularität des Poesiealbums mit den Jahren zurückgegangen. Während in den 80er Jahren das Poesiealbum einen wahren Beliebtheitsboom erlebte, ist die Begeisterung mittlerweile etwas abgeebbt. Damals tauschten sogar Jungen romantische Mehrzeiler aus. Dieser Trend hielt allerdings nicht lange an. Heute ist die Freude an einem nostalgisch anmutenden Poesiealbum zwar nicht mehr ganz so groß - trotzdem ist das Poesiealbum nie ganz in der Versenkung verschwunden.

„Das Einzige, was anders ist, sind die Aufkleber, die statt der Glanzbilder nun die Seiten schmücken. Aber ansonsten scheint das Ganze keinem Trend zu unterliegen“, sagt Hannelore Jessen. Heute sind es allerdings eher die jüngeren Mädchen, die ein solches Poesiealbum führen. „Vor 50 Jahren waren es die 13- bis 15-Jährigen, die in ein Poesiealbum geschrieben haben, heute sind es die Zehn- bis Zwölfjährigen“, weiß der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Peter Struck.


 Das könnte Sie interessieren: Tipps für die Aufklärung

Wie spreche ich mit meinem pubertierenden Kind über Sex, Verhütung und ansteckende Krankheiten?


„Die Bücher sind dabei ein schöner Spiegel für das Gefühlsleben von Mädchen in der Vorpubertät.“ Das zeigt sich auch in den virtuellen Poesiealben im Internet, die allerdings eher von Älteren genutzt werden. Jungen formulieren ihre Gedanken hingegen eher in Kurzmitteilungen oder Chatrooms. „Sie wollen schließlich cool sein“, sagt der familie&co-Experte. Mit dem Beschreiben von Gefühlvollem täten sie sich eher schwer. "Jungs tendieren von Natur aus nicht zu vielen Worten und romantischen Umschreibungen. Sie lieben eher direkte, unverblümte Formen des Ausdrucks, nicht die Zwischentöne“, meint auch Petersen. Gefühle zu zeigen, sei ihnen suspekt und mache sie angreifbar. Mädchen seien in diesem Alter sorgfältiger und gefühlsbetonter. „Sie sind weniger emotional unsicher als ihre männlichen Altersgenossen“, erläutert der Psychotherapeut. Trotzdem hält er das Weiterreichen des Buches auch an Jungen für sehr wichtig: „Mädchen bietet es die wunderbare Gelegenheit, einen ersten, vorsichtigen Annäherungsversuch von Angesicht zu Angesicht zu starten und mit dem anderen Geschlecht Kontakt aufzunehmen. Das geht im Internet so nicht.“
Poesie als erster Flirt
Im Windschatten der Poesie könnten Jugendliche vorsichtig miteinander flirten, Zwischentöne erproben und Andeutungen machen. „Poesie ist eine Kunstform, hinter der man abtauchen kann, wenn es zu ernst wird, mit der man andererseits aber auch dem anderen verdeckt seine Sympathie bekunden kann“, sagt der Experte. Dies sei vor allem in der Pubertät ein wichtiges Versuchsfeld, auf dem sich Jugendliche ausprobieren könnten.
Im Poesiealbum Freundschaften dokumentieren

 Das könnte Sie interessieren: Streiten trainiert Freundschaften

Streiten kann die Bindungsfähigkeit von Kindern und ihre Freundschaften stärken. Tipps für Streit unter Kindern und in der Familie.


Jüngere Kinder in der Grundschule sammeln die Sprüche dagegen oft vor allem des Sammelns wegen. „Es ist eine Statusfrage, ob sich andere Kinder darum reißen oder sich geehrt fühlen, im Album zu erscheinen. Das Poesiealbum ist dadurch eine Art Soziogramm, eine Darstellung der sozialen Beziehungen und der eigenen Attraktivität“, erklärt Petersen. Das Sammeln entspreche dem Sammeln von Freundschaften und dokumentiere diese. „Auch vor sich selber! Man ist stolz, dass man so viele Freunde hat“, fügt Struck hinzu.

Deshalb sei es auch wichtig, eine gewisse Sorgfalt an den Tag zu legen und sich Mühe zu geben bei seinem Eintrag. „Viele Mädchen wollen durch besonders kreative Seiten zeigen, wie wichtig ihnen die Freundschaft ist“, erklärt der Wissenschaftler. Viele Besitzer legten auch selbst Regeln fest, wie: „Reiß mir keine Seiten raus, sonst ist unsere Freundschaft aus.“ Das Poesiealbum stelle aber noch weitere Anforderungen an Kinder, sagt Petersen: „Sie müssen z.B. wieder ganze Sätze schreiben statt kryptischer SMS-Kürzel - und Geduld aufbringen, bis der andere geantwortet hat.“
Sprüche, die wertschätzen
Noch mal eine Besonderheit sind Eintragungen von Lehrern oder Eltern im Poesiealbum. Denn hier wird nicht nur Sauberkeit erwartet, sondern auch Geistreiches: „Kinder wollen, dass die Erwachsenen etwas Lehrreiches hineinschreiben. Sie reagieren empfindlich, wenn die Beiträge zu banal oder abgedroschen ausfallen“, sagt der Experte.

Gut sei daher, dem Kind ein Gefühl seines Wertes zu vermitteln, möglichst in einem persönlichen Beitrag, der auf seine Stärken Bezug nimmt. „Da ist Kunst weniger gefragt als Authentizität und Herzlichkeit.“ Noch viele Jahre später würden viele Kinder ihr Poesiealbum zur Hand nehmen, um sich ihrer Wertschätzung zu versichern. Zudem sollen viele Sprüche auch Mut machen - so wohl auch der meiner damaligen Lehrerin: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Ein Spruch, um den mich Heide damals sehr beneidet hat…




Artikel kommentieren
Login