Nesthäkchen sein hat Vor- und Nachteile

Nesthäkchen haben es nicht immer einfach. Schließlich scheinen die Leistungen der Geschwister oft unereichbar. Hier die Vor- und Nachteile des Nesthäkchen sein.


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Nesthäkchen: Vor- und Nachteile


Ach, wie süß! Vor allem die ältere Verwandtschaft ist den Nesthäkchen schlichtweg begeistert. Und das Nesthäkchen wickelt sie meistens spielend um den Finger - oft zum Ärger der großen Geschwister. „Die Kleinen haben es viel leichter als wir!“, beschweren sie sich gerne. Schließlich setzt sich das Nesthäkchen ins gemachte Nest und wird von allen verwöhnt. Wie unfair! Wer hat denn den Eltern das Recht abgerungen, den Schulweg endlich allein meistern zu dürfen? Wer hat ihnen beigebracht, dass die Welt nicht untergeht, wenn man mit zehn in einen Kinofilm ab zwölf geht, und wer hat durch beharrliche Kämpfe die Schlafenszeiten unter der Woche auf 21 Uhr ausgedehnt? Na, wir, die Großen! Ganz unrecht haben sie nicht: Viele kleine Geschwister erleben ihre Eltern entspannter und großzügiger, als es die Erstgeborenen taten. Deren Aufgabe war es, gute Vorarbeit zu leisten - die Errungenschaften fallen dem Nesthäkchen in den Schoß. Und: Jüngere Geschwister wissen über vieles früher Bescheid, weil sie automatisch mitbekommen, was bei den Großen gerade angesagt ist. Ein Coolness-Faktor, der unter Gleichaltrigen in der Schule viel wert sein kann. Weiterer Vorteil: Bei Auseinandersetzungen haben sie immer die Möglichkeit, die Älteren als Bündnisgenossen aufzubieten. Fragt man hingegen die Jüngeren, verstehen viele nicht, weshalb sie angeblich das große Los gezogen haben sollen. Warum auch? Fast die gesamte Kindheit über haben sie ständig jemanden vor der Nase, der alles besser und schneller kann als sie - und ihnen das oftmals laut und deutlich sagt. Den Satz: „Das kannst/darfst du
noch nicht, dafür bist du noch zu klein!“, finden Nesthäkchen ganz schrecklich.
Dazu kommt, dass es Nesthäkchen nur selten schaffen, die Eltern zu beeindrucken. Schließlich ist alles schon mal dagewesen.

Nesthäkchen fühlen sich oft ungerecht behandelt

Sie glauben mir nicht? Als jüngste von drei Schwestern weiß ich, wovon ich rede: Von meiner ältesten Schwester gibt es locker doppelt so viele Baby- und Kinderfotos wie von mir! Babyschwimmen? Kinderturnen? Fehlanzeige. Schließlich musste die Große zum Ballett und die Mittlere zum Geigenunterricht gebracht werden. Das klingt doch nach einer richtig tragischen Kindheit, oder? Der amerikanische Psychologe Kevin Leman attestiert mir eine typische Jüngsten-Haltung: „Nesthäkchen fühlen sich ständig ungerecht behandelt.“ Da er ebenfalls der mit Abstand jüngste seiner Familie sei, könne er mich da gut verstehen, sagt er. Benachteiligte Trittbrettfahrer oder entspannte Nutznießer - was ist denn nun wahr? Beides, sagt Kevin Leman. „Es ist die Kombination von Vor- und Nachteilen, die Geschwisterbeziehungen für die Persönlichkeit eines Menschen so prägen.“ Die Geschwister, als geborene Konkurrenten im Kampf um die Aufmerksamkeit der Eltern, sehen dabei oft nur die negativen Seiten. In Wahrheit aber profitieren alle Geschwister voneinander, ganz gleich, ob älter oder jünger, sagt der Geschwister-Experte am Staatsinstitut für Frühpädagogik, Hartmut Kasten. „Sie trainieren Kompromisse verhandeln, Bündnisse schmieden, konstruktives Streiten - das ist soziales Training für das ganze Leben.“ Dabei sind gerade die Jüngsten in einer besonderen Rolle. „Da sie ihr Verhalten stets auf die unterschiedlichsten Erwartungen ausrichten müssen, lernen die meisten schnell, dass sie mit Charme und Flexibilität weit kommen“, sagt der Psychologe Leman. „Sie sind die geborenen Showtalente.“ Für die Eltern spielen sie gerne die niedlichen Hilfsbedürftigen, andererseits wollen sie den Großen beweisen, dass sie mit ihnen mithalten können - um zu zeigen, dass sie dazugehören.




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