Neu eingewöhnen ist für Kinder eine Herausforderung


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Neu eingewöhnen ist für Kinder eine Herausforderung

Neben dem Anderswo-ganz-anders-Verhalten des Alltags, das notwendig und angemessen ist, gibt es eben auch das Anders-Verhalten des Übergangs. Jede Eingewöhnung in neue Verhältnisse ist eine echte Leistung, die von Kindern Anstrengung und soziale Intelligenz erfordert und uns abverlangt, ihnen den Rücken zu stärken. Selbst wenn es anfangs schwierig ist: Andere Menschen, andere Sitten, andere Gruppen kennenzulernen, ist wertvoll. Und Antennen dafür zu entwickeln, wie andere ticken und wie man sich ihnen am besten nähert, das zahlt sich ein Leben lang aus. Wo das Ganze ohne Zwang abgeht, da zeigt sich: Die Kinder finden fremde Welten spannend. Im feinen Lokal zu speisen, das ist ja eine Schauspielleistung - heute spielen wir höfische Tafel, und die jungen Prinzessinnen und Prinzen dürfen nasal französeln und die Vorzüge von Vorlegegabeln erkunden. Das klappt… Na ja, meistens. Helga Kotthoff, Professorin für Sprachwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, betont besonders die Entdeckerfähigkeiten von Kindern - quasi mit einer Suchautomatik ausgestattet, erspüren sie nach und nach immer genauer die feinsten Nuancen im sozialen Umgang, die Abstufungen von Macht und Nähe, erspüren, wo Freundschaft lockt und wo Abstand geboten ist. Als Eltern haben wir das praktisch von der Wiege an bei ihnen erleben können. Sprache und Emotionen sind eng verknüpft Das Sprechenlernen funktioniert nur als sozialer Prozess, weiß man inzwischen - deshalb sind dabei alle Instinkte für den sozialen Kontext und wie man sich in ihm bewegt immer mit eingeschaltet. Schon die Kleinsten lesen emotionale Schwingungen aus dem sozialen Kontakt heraus. Ich war beispielsweise zu Besuch bei einer Freundin von der Uni, und wir haben uns über einen Ex-Kommilitonen geärgert und uns in diesen Ärger richtig hineingesteigert. Bis uns auffiel, dass ihr fünf Monate alter Sohn auch völlig aufgeregt war - seine Reaktion auf den erregten Ton unseres Gesprächs. Nur wenig ältere Kinder erfassen und sortieren dann allerdings auch schon Wortlaut und Bedeutung dessen, was sie hören. Und bald darauf fangen Kinder bereits
an, miteinander eine eigene Sprache zu entwickeln. Das wiederum ist dann etwas, was uns Erwachsene so manches Mal vor Rätsel stellt. Etwa so: Der Junge kann doch Grammatik! Wieso ist die plötzlich weg, wenn er mit seinen Freunden spricht? Nur noch Gestammel und Reduziersprech!? Da müsste man doch eingreifen und den Jungs sagen, dass sie bitte Nebensätze benutzen, Höflichkeitsformen einhalten und „als“ und „wie“ unterscheiden sollen! Oder? Nein, das sollten wir nicht tun, sagt Helga Kotthoff - zum einen nämlich wäre es eine unnötige  Einmischung, zum anderen genauso vergeblich, wie Jägern zu erzählen, wie merkwürdig es sei, einen Hasenschwanz „Blume“ zu nennen.