Darum tragen Hamburger Schüler jetzt Sandwesten im Unterricht

Mit einer Sandweste in die Schule? Allein von der Optik her fühlen wir uns an Zwangsjacken oder Rettungswesten aus dem Flugzeug erinnert, doch damit haben die bis zu fünf Kilo schweren Sandwesten wenig zu tun. Stattdessen sollen sie die Konzentration unruhiger Schüler fördern.


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Stillsitzen ist nicht einfach. Davon können viele Schüler und Schülerinnen ein Lied singen. Die Versuchung, mit dem Stuhl zu kippeln, mit dem Nachbarn zu quatschen oder Faxen zu machen ist einfach viel zu groß. Ein neues pädagogisches Konzept von 13 Hamburger Grund- und Stadtteilschulen will dieses Problem jetzt angehen – mit der Hilfe von Stoffwesten gefüllt mit Sand.

Zaubermittel Sandweste?


Die Beschwerungswesten „verteilen Gewicht und Druck flächendeckend auf die Muskel- und Belastungssensoren und führen so zu einer deutlichen Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit“, erklärt der Hersteller der Westen, Beluga Healthcare, auf seiner Website. Für die Kinder sei es wie ein behutsames Handauflegen, so eine Hamburger Lehrerin. Vor allem verhaltensauffällige Schüler, ADHS-Patienten oder Kinder im Autismus-Spektrum sollen von dem zusätzlichen Gewicht profitieren. Die Schwere der Westen soll die Kinder beruhigen und ihre Konzentration fördern. Auch für Kinder, die unter Wahrnehmungsstörungen leiden, können die Westen eine erdende Wirkung haben. Anstatt mit vielen Reizen überflutet zu werden, können sich die Schüler nur auf den einen Reiz – das Gewicht – konzentrieren.
 
Die Theorie hinter der Sandweste beruht auf der Tiefendruck-Therapie. Fester, aber angenehmer Druck auf den Körper – durch Kuscheln, Massage, Berührungen oder eben Westen oder Decken – soll sich positiv auf das Nervensystem auswirken: Der Körper soll vom sympathischen zum parasympathischen Nervensystem schalten – von „Kampf und Flucht“ zu „Ruhe und Entspannung“. Der Puls verlangsamt sich, die Muskeln entspannen sich und der Körper beginnt, Endorphine zu produzieren.
 
Die Kinder selbst scheinen die Beschwerungswesten gut anzunehmen – wird die Weste rausgeholt, entstehen häufig sogar kleine Konkurrenzkämpfe darüber, wer die Weste als erstes anziehen darf. Manche finden die Beschwerungsweste einfach „cool“, andere sind überzeugt, dass das Gewicht ihnen tatsächlich dabei hilft, ruhiger zu werden und mehr Kontrolle über ihren Körper zu haben, da sie nicht ständig damit beschäftigt sind, ihre Arme und Beine unter Kontrolle zu halten.

Beschwerungsweste

Die Beschwerungswesten wiegen zwischen einem und fünf Kilo.


© facebook.com/beluga1985
Psychologen sind skeptisch

Das Konzept der Sandwesten hat Gerhild de Wall, Sonderpädagogin und Leiterin der Abteilung Inklusion an einer Harburger Schule, aus den USA mitgebracht – wo solche Westen mit Gewicht schon länger an Schulen eingesetzt werden. In der Tat hat sich in Amerika ein großer Trend um die Tiefendruck-Therapie (engl. deep pressure stimulation) entwickelt. Neben den Westen sind vor allem Decken mit Gewicht beliebt.
 
Diese Decken sollen ungefähr zehn Prozent des eigenen Körpergewichts haben und sind meist mit Reis, Glasperlen oder Kunststoffpellets gefüllt. Vor allem Kinder und Erwachsene mit Autismus sollen davon profitieren.
 
Studien zu der Wirksamkeit solcher Westen und Decken gibt es wenige – und die Ergebnisse fallen noch dazu recht unterschiedlich aus. Ein Versuchsreihe aus dem Jahr 2014 mit 73 Kindern kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass eine Decke mit Gewicht die Kinder weder schneller einschlafen ließ, noch die Sachlaufdauer oder –qualität sich sonderlich verbesserten. Subjektiv berichteten Eltern und Kinder allerdings, dass sie das Schlafen mit den Decken als angenehmer und beruhigender empfanden. Das beweist auch eine andere Studie: 2012 untersuchten australische Wissenschaftler Angstgefühle bei Patienten einer Psychiatrischen Einrichtung und kamen zu dem Ergebnis, dass Patienten mit Hilfe einer solchen Decke signifikant weniger Angst und Stressgefühle empfanden. Eine andere Studie aus dem Jahr 2008 berichtet auch über einen gesteigerten Serotonin-Spiegel bei Probanden, die eine Decke mit Gewicht nutzen.
 
Einige Psychologen und Mediziner warnen jedoch auch davor, die Decken und Westen als Allheilmittel zu betrachten. Der Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie Michael Schulte-Markwort warnt in einem Gespräch mit dem Abendblatt beispielsweise davor, die Westen als schnelles Wundermittel zu verstehen: „Bei komplexen Ursachen sind Westen als Zaubermittel viel zu einfach.“ Denn solche Westen wirken laut dem Psychologen nur wie ein Pflaster anstatt die Ursachen anzugehen. Die Kinder bräuchten differenzierte Diagnosen statt schneller Lösungen. Schulte-Markwort plädiert stattdessen für besser durchdachte Schulkonzepte und einen differenzierteren Umgang mit Schülern mit Wahrnehmungsstörungen.
 
Das Fazit also: Westen oder Decken mit Gewicht können durchaus als eine Art Rettungsdecke bei Angstgefühlen und Unruhe wirken, doch die tieferen Ursachen für solche Gefühle sollte man dennoch im Blick behalten.

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von Nicole Metz




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