Schöne und schlimme Geheimnisse, um sich leichter von Eltern abzugrenzen


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Schöne und schlimme Geheimnisse, um sich leichter von Eltern abzugrenzen

Für Vorschulkinder gibt es zunächst nur schöne Geheimnisse. Zum Beispiel ein Schokoladenversteck, ein geheimer Weg gleich beim Spielplatz, ein Spiel, das das Kind für sich alleine spielt. Renate Valtin erklärt es damit, dass Kinder sich dadurch leichter von ihren Eltern abgrenzen können, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. „Im Gegensatz zu einer verbotenen Sache erweckt das schöne Geheimnis keine Angst vor Gefahr, kein Schutzbedürfnis, keine Schuldgefühle oder Straferwartungen“, sagt die Wissenschaftlerin. Kinder im Vorschulalter schätzen ohnehin Gefahren oft größer ein, als sie tatsächlich sind. „Da kann es schon sein, dass der kleine Bruder den großen verpetzt, wenn der aufs Garagendach geklettert ist. Nicht, um ihn anzuschwärzen und sich selbst damit zu erhöhen, sondern weil er wirklich Angst hatte“, verdeutlicht Michael Schnabel.

Das stellten auch die Psychologinnen Valtin und Flitner in ihrer Untersuchung zur Funktion des Geheimnisses bei Kindern fest. Für die Studie sahen die Kinder zunächst einen kurzen Film: Zwei zehnjährige Mädchen, Rosa und Katja, sitzen zusammen in Katjas Zimmer. Rosa gesteht Katja, dass sie geraucht hat. Kurz darauf kommt Katjas Mutter ins Zimmer und sagt: „Na, Kinder, ihr seht ja so merkwürdig aus. Habt ihr was ausgefressen?“ Katja antwortet: „Rosa hat geraucht!“, worauf die Mutter sagt: „Aber Katja!“ "Petzen" bei Fünf- und Sechsjährigen Katja hat also „gepetzt“ und wurde deshalb von der Mutter ermahnt. Doch die Fünf- und Sechsjährigen antworteten auf die Frage, was sie an der Szene nicht richtig fanden: „Dass Rosa geraucht hat!“ Renate Valtin erklärt das so: „Die Konzentration der Kinder auf das Rauchen als verbotene Handlung ist für diese Altersstufe typisch.“ Den Belastungen durch ein solch schlimmes Geheimnis sind die Kinder noch nicht gewachsen - deshalb würden die befragten Kinder dasselbe tun wie Katja. Selbst die Kinder, die begriffen hatten, dass sich die Mutter über das Petzen ihrer Tochter empört. Viele Kinder verstanden das „Aber Katja!“ der Mutter allerdings erst gar nicht. Aus ihrer Sicht hatte Rosa ihr Geheimnis schließlich selbst verraten. „Dass ein Geheimnis unter mehreren gewahrt werden könnte, ziehen die Kleinen noch nicht in Betracht“, sagt Renate Valtin.