Verkehrserziehung für Kinder

Interview zum Thema "Verkehrserziehung von Kindern" mit Prof. Kurt Bodewig, Bundesverkehrsminister a.D. und Präsident der Deutschen Verkehrswacht e.V. 


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Verkehrserziehung für Kinder


© Deutsche Verkehrswacht
Prof. Bodewig, wie sieht eine gute Verkehrserziehung von Kindern aus?

KB: Eine gute Verkehrserziehung muss ein paar Grundsätze befolgen: Sie muss altersadäquat sein, situationsangemessen, sehr praktisch ausgerichtet, und permanent durchgeführt werden und zielorientiert sein. Das oberste Ziel heißt: ein faires Miteinander im Straßenverkehr einüben, Vorsicht und Rücksicht walten lassen, nicht den „starken Max“ markieren, sondern im Zweifel auf sein Recht verzichten, damit niemand verletzt wird. Das sind natürlich große Ziele, aber dass jeder Mensch leben möchte und dass das Miteinander leben ein paar Regeln braucht, das verstehen auch Kinder.

Fangen wir bei den Kleinen an: Kindergartenkinder haben einen eingeschränkten Blickwinkel, können Entfernungen und Geschwindigkeiten schlechter einschätzen und verarbeiten Sinneseindrücke langsamer als Erwachsene. Was folgt daraus?


KB: Einer der bedeutendsten Entwicklungspsychologen des 20. Jahrhunderts, Jean Piaget, hat hierzu interessante Aussagen gemacht, die auch heute noch den Rahmen abstecken. Piaget hat sich der Erforschung der kognitiven Entwicklung von Kindern gewidmet und diese in ein Vier-Phasen-Modell gefasst. Darin beschreibt er, wie sich das kindliche Denken vom anschaulichen zum abstrakten Denken entwickelt. Im Kindergartenalter befinden sich die Kinder demnach hauptsächlich in der „voroperationalen Phase“, sie werden hauptsächlich von Reizen gelenkt und setzen verschiedene Sachverhalte noch nicht in einen logischen Bezug zueinander.

Welche Auswirkungen hat dies für Kinder, wenn sie auf der Straße unterwegs sind?

Da kann man sich leicht allerlei Gefahren ausmalen: Ein Ball rollt auf die Straße, das Kind läuft ihm nach, denn es will ihn zurück haben und weiterspielen. Das Kind sieht zwar das Auto, das kommt, und da es das Auto sieht – sieht das Auto doch auch das Kind, oder? Ein anderes Beispiel: Auf der anderen Straßenseite winkt ein Freund – das Kind läuft auf die Fahrbahn und vergisst, links-rechts-links zu schauen. Auch wenn die Eltern ihm das beigebracht haben und es also „weiß“, dass es das vor Betreten der Straße tun soll, sind in diesem Augenblick die aktuellen emotionalen Reize stärker als das rational Gelernte.

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Schulanfänger haben es nicht leicht im Straßenverkehr. Aber eine sichere Route und viel Übung helfen ihnen dabei, sicher ans Ziel zu kommen.


Wie entwickeln sich die kindlichen Kompetenzen weiter, wenn das Kind älter wird?

KB: Ab 6 Jahren beginnt laut Piaget die nächste Entwicklungsphase, in der die Kinder „konkret-operational“ denken lernen; diese Phase ist dann mit etwa 12 Jahren abgeschlossen. Nehmen wir ein typisch zehnjähriges Kind:  Es denkt nicht mehr eingleisig, sondern durchschaut Zusammenhänge, es hat weit mehr Imaginationskraft als noch drei, vier Jahre zuvor.

Können Sie das beispielhaft am Verkehrsverhalten erläutern?

Angefangen mit der Grundschule lernen Kinder, Mehrfachanforderungen zu bewältigen – und zwar immer besser, je älter sie werden. Beispiel Radfahren: Stellen Sie sich ein Kind auf dem Rad vor, das links abbiegen will. Es muss also gleichzeitig in die Pedale treten, den Verkehr vor sich beobachten, sich dann umdrehen um sich nach hinten abzusichern und dann noch die Hand zum Abbiege-Zeichen ausstrecken. Da sind viele Erstkläßler noch unsicher und wacklig, aber je erfahrener die Kinder werden, auch je vertrauter sie mit ihrem Fahrrad werden, je besser glückt ihnen das. Die meisten achtjährigen Kinder bewältigen diese Mehrfachanforderungen ohne nennenswerte Probleme. Das liegt unter anderem daran, dass sie ab acht Jahren ihr Gehör systematisch nutzen können und sich nicht mehr nur auf das verlassen, was sie sehen, und dass sie ab diesem Alter auch eine mögliche Gefahr im Vorfeld einschätzen können.

Was können und müssen Kinder körperlich lernen? Wie wichtig ist Sport für den Gleichgewichtssinn und mehr Balance?

KB: Ich darf das mal salopp ausdrücken: Stubenhocker sind im Straßenverkehr deutlich gefährdeter als Kinder, die sich bewusst viel bewegen und ihren Körper beherrschen. Viele Kinder wachsen heute in einer bewegungsarmen Umwelt auf: Sie sitzen in der Schule, dann bei den Hausaufgaben, dann vorm PC oder vor dem Fernseher. Und das Elterntaxi fährt sie in die Schule und holt sie wieder ab. Wie sollen Kinder da reagieren lernen?

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Ein guter Gleichgewichtssinn nützt Kindern nicht nur im Sportunterricht, sondern wirkt sich auch positiv auf die schulischen Leistungen aus.


Könnten Eltern denn unterstützend wirken?

KB: Wir von der Deutschen Verkehrswacht sehen Bewegungs- und später Mobilitätserziehung als Teil der Verkehrserziehung. Bereits im Kindergarten können Kinder mit Spielen ihre Motorik verbessern, können Reaktionsfähigkeit lernen, können fließende Bewegungsabläufe üben. Das ist von unschätzbarem Wert, auch für ihre Verkehrssicherheit. Und was im Kindergarten angefangen und in der Grundschule mit Mobilitätserziehung fortgesetzt wird, sollte im Elternhaus unbedingt fortgeführt werden.

Aber heute ist die Freizeit von Kindern ja oft sehr „lernorientiert“ und wenig „spielorientiert“.

KB: Das ist richtig, doch Freizeit und Spiel sollten der Ausgleich sein zum Unterricht, der den Kindern ja sehr viel abverlangt. Deshalb begrüße ich es, wenn Eltern Wert darauf legen, dass ihre Kinder Sport machen. Meine eigenen Jungs, die beide auch noch schulpflichtig sind, sind sportlich sehr aktiv. Ihnen fällt es leicht, vom Rad abzuspringen, auszuweichen oder aus vollem Lauf zu stoppen. Im Straßenverkehr kann durch blitzschnelles Reagieren und durch optimale Bewegungskoordination ein Unfall vermieden werden – bei Fußgängern genauso wie bei Radfahrern oder Skatern. Was können Eltern denn konkret leisten? Wie kann Verkehrserziehung von Eltern aussehen?

KB: Zum Beispiel können Sie den Schulweg mit ihrem Kind trainieren, das ist ganz wichtig! Und da jeder Schulweg anders ist, sollten alle Eltern „ihren“ sicheren Schulweg herausfinden und dann mit ihrem Kind üben. Aber bitte das Üben Ernst nehmen und nicht als „Spaziergang“ missverstehen. Fünf bis zehn Übungsgänge, am besten morgens im Berufsverkehr, also unter den realen Bedingungen, die das Kind vorfindet, sind wichtig. Die Eltern sollten mit ihren Kindern besprechen, wie sie sich an bestimmten Gefahrenpunkten verhalten, und dann dieses Verhalten einüben. Erst wenn das Kind die Verbindlichkeit des Schulwegtrainings verstanden hat und sich an Abmachungen hält, können Eltern es alleine auf den Schulweg schicken.

Wie sieht es mit Kindern als Radfahrern aus? Wann und wie sollte man mit dem Radfahren beginnen?

KB: Schon Vierjährige fahren begeistert Rad und zeigen Mama und Papa, was sie schon können. Aber Eltern sollten sich davon nicht täuschen lassen, denn das Können ist begrenzt. Ein Ausflug in Begleitung Erwachsener oder das Fahren auf ruhigen Nebenstraßen ist etwas ganz anderes, als alleine im Straßenverkehr unterwegs zu sein.

Die Eltern sollten nie vergessen, dass Kinder nicht über Nacht Rad fahren lernen. Kindern gefällt die Fortbewegung auf Rädern – das sieht man schon bei Einjährigen, die begeistert Bobby Car fahren. Ein paar Jahre später ist dann ein Laufrad oder ein Roller das ideale Spielzeug, mit dem sich ein Kind auf das Radfahren vorbereiten kann. Es trainiert damit seinen Gleichgewichtssinn und seine Bewegungssicherheit. Stützräder an Fahrrädern machen keinen Sinn, denn Stützräder verhindern, dass sie lernen, ihr Gleichgewicht zu koordinieren. Gerade das ist aber eine Voraussetzung, um Rad fahren zu können.

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