Vorpubertät: Keine Lust auf gar nix

Auf einmal ist alles doof, anstrengend oder laaangweilig: In der Vorpubertät wirken Kinder oft  antriebslos. Wie die Freude am Aktivsein zurückkommt – und Eltern in gutem Kontakt mit dem Nachwuchs bleiben.


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Wie wünschen sich Eltern ihre Kinder? Doch wohl so: fröhlich, zufrieden, hilfsbereit, aktiv, interessiert und kommunikativ. Tatsache ist, dass viele Eltern, die in der Grundschulzeit noch froh davon berichten konnten, wie aufgeschlossen ihr Kind ist, später feststellen, dass sich ihr Nachwuchs immer weiter von diesem Wunschbild entfernt: Schulischer Erfolg? Nicht mehr so wichtig. Hobbys, die früher Spaß machten? Nicht mehr angesagt. Im Haushalt mithelfen? Keine Chance. Das Zimmer aufräumen? Ist jetzt Privatsache. Erzählen, was sie bewegt? Doch nicht den Eltern…

Vorpubertät: Mädchen und Mutter


© iStock
Auf Eltern, die sich gedanklich noch im „Behüte- Modus“ befinden, kommt eine große Umstellung zu: Mit Beginn der Vorpubertät müssen sie immer mehr Energie aufwenden, um aus ihrem Nachwuchs überhaupt so etwas wie eine Reaktion herauszukitzeln. Väter und Mütter stellen fest: Die alten Kommunikationskanäle funktionieren nicht mehr.

Es gibt keinen magischen Trick, der alles löst


Allan Guggenbühl, Psychologe und Konfliktforscher aus Zürich, erklärt: „Die mangelnde Bereitschaft zu kooperieren hat tiefere Gründe. Es ist viel im Wandel in diesem Alter, und das nimmt viel Energie in Anspruch. Die Jugendlichen wissen ja selber nicht, was mit ihnen geschieht – wie sollen sie es dann erklären?“

Der in der Präpubertät beginnende Umbau des Körpers verbraucht Kraft und Energie. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Eigenständigkeit. Das Allerletzte, was Heranwachsende jetzt hören wollen, sind elterliche Ratschläge – erst recht, wenn sie mit Vorwürfen verbunden sind. Wäre es da nicht schön, es würde ein elterliches Machtwort reichen, um die Verhältnisse wieder geradezurücken? Diesen Zaubertrick gibt es leider nicht. „Man kann Kinder nicht einfach anschubsen, und dann funktionieren sie, wie wir Erwachsene das gerne hätten“, sagt die Hamburger Psychologin Annika Lohstroh.

Denn in der Tat liegt das Problem tiefer: „Manche kognitiven und regulatorischen Fähigkeiten sind zu Beginn der Pubertät noch nicht voll entwickelt“, erklärt Wouter van den Bos vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Seine eigenen Emotionen unter Kontrolle zu bekommen und auch die Sichtweise anderer einzunehmen, muss also erst gelernt werden – das angebliche „Nicht-verstehen-Wollen“, das Eltern gerne mal unterstellen, ist also tatsächlich oft ein echtes „Nicht- Verstehen“… 

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Auch die Hormone mischen kräftig mit

Gleichzeitig, so van den Bos, steigen die Level von Hormonen wie Testosteron und Oxytocin stark an. Diese sogenannten „Neuromodulatoren“ werden direkt dafür verantwortlich gemacht, dass sich das Sozialverhalten während der Präpubertät grundlegend ändert. „In diesem Alter werden Beziehungen mit Gleichaltrigen wichtiger und auf diesen Wandel sind wir als Eltern nicht vorbereitet. Wir Eltern haben immer noch den Wunsch, dass es wieder so wird wie vorher. Und daher fordern wir vom Kind: ,Sei wieder, wie du wirklich bist!‘“, fasst Konfliktforscher Allan Guggenbühl zusammen.
Das Selbstbild wandelt sich jetzt komplett
Aber genau die Identität ist es ja, die mit Beginn der Präpubertät zum großen Thema wird. „In diesem Alter entfernen sich die Kinder von ihren Eltern und gewinnen an Unabhängigkeit hinzu. Die größere Motivation liegt für sie darin, ihre Altersgenossen zu verstehen“, sagt van den Bos. Das Selbstbild Heranwachsender wird zunehmend davon bestimmt, was Gleichaltrige von ihnen halten. Ob die Eltern mit etwas zufrieden sind, ist nicht mehr so wichtig.

Ein Denkfehler vieler Eltern ist es, den elektronischen Medien die Hauptverantwortung für diese träge Verweigerungshaltung zuzuschreiben. Die exzessive Nutzung von Smartphone und Tablet hängt aber vielmehr damit zusammen, dass sie ein wichtiger Kanal für die Kommunikation mit Gleichaltrigen sind. Dass die Eltern dabei immer weniger von den sozialen Kontakten ihrer Kinder mitbekommen, ist sicher oft nicht einmal Absicht. 
Geheimnistuerei – oder notwendige Abgrenzung?
Der Grundkonflikt ist klar, sagt Annika Lohstroh: „Eltern bekommen aufgrund von Zeitmangel und Alltagsstress oftmals kaum noch mit, was ihre Kinder umtreibt.“ Die Kinder ihrerseits versuchten, die Dinge mit sich selbst auszumachen, weil sie sich schämen oder die Ursache der Probleme bei sich selbst suchten. Das gelte erst recht, wenn sie sich nicht ernst genommen fühlen, so die Psychologin. Häufig sei der Eindruck der Kinder, von niemandem verstanden zu werden, ja durchaus zutreffend, meint Annika Lohstroh: „Wir Erwachsenen neigen dazu, die eigenen Probleme wichtiger zu nehmen als die der Kinder, die ja im Verhältnis so schwerwiegend gar nicht sein können.“
Gemeinsame Erlebnisse schaffen Verbundenheit
Eltern, die gemeinsame Unternehmungen mit ihren Kindern vermissen, sollten sich fragen: Wie häufig gab es sie denn vorher? Wann waren wir zuletzt im Zirkus, auf dem Bolzplatz oder haben eine Radtour gemacht? „Es gehört eben auch dazu, vom Babyalter an gemeinschaftliche Erfahrungen in der Familie zu sammeln“, sagt Annika Lohstroh. Dies sei auch die beste Grundlage, um positiv ins Gespräch zu kommen, meint Allan Guggenbühl: „Es braucht verschiedene Formen der Verständigung. Oft gelingt sie, wenn man sich gemeinsam einem Thema widmet oder etwas zusammen unternimmt.“

Und: Kinder brauchen Bestätigung. „Deshalb sollten Eltern Aufgaben nicht als Angriff oder Vorwurf formulieren, sondern als Herausforderung, deren Bewältigung ich meinem Kind zutraue“, sagt Annika Lohstroh. Nur so könnten Kinder an den Anforderungen, die ihre Umwelt an sie stellt, wachsen.
Planen: ja – aber auch Freiräume sind wichtig
Was also hilft gegen die präpubertäre Antriebslosigkeit? Gemeinsame Erlebnisse, positive Herausforderungen – und Freiräme. Nur ein Kind, das nicht völlig verplant ist, kann selbst aktiv werden, wie Wouter van den Bos erklärt: „Man kann nur lernen, vorauszuplanen, indem man es tut. Kinder brauchen diese Freiheit, dürfen damit aber auch nicht allein gelassen werden.“ Eltern sollten das Kind also bei der Organisation seiner Zeit unterstützen, aber nicht alles bestimmen wollen.

Ein „atmender“ Terminkalender, der dem Kind ab und zu einfach mal seine Ruhe lässt, erfüllt diesen Zweck: Er sorgt dafür, dass Kinder lernen, aus Freizeit und Freiräumen aktiv etwas zu machen und ihr Leben immer stärker selbst zu gestalten. Wenn das gelingt, ist ab und zu auch Rumhängen völlig okay!

(von Rolf von der Reith / erschienen in der familie&co 11/2016)

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