Kampf am Kleiderschrank: Mädchen ticken anders als Jungs

Die Frage nach der richtigen Klamotten kann schon ab zwei Jahren zu wilden Diskussionen führen. Wir erklären, warum Mädchen auf Rosa und Rüschen fliegen und Jungs eher anspruchslos sind.


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Es gibt sogar ein Wort dafür: "Prinzessinnenphase". Spätestens im Kindergarten geht es los. Oft sogar schon früher. Kinder, die einst alles anzogen, was man ihnen hinlegte, fangen plötzlich an, vor dem Kleiderschrank zu diskutieren. Alle Kinder? Nein. Die meisten Eltern, die sich frühmorgens einer Debatte über Sommerkleidung bei 8 Grad Außentemperatur oder dem Modestatement "Blumenpulli, Streifenhose und Gummistiefel" stellen müssen, haben Töchter.

Mädchen ziehen sich anders an als Jungs


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Dabei verteidigt nicht nur die Rüschen-Fraktion ihr Recht auf freie Kleiderwahl. Aber auch sogenannte Hosenmädchen, die sich weigern, einen Rock auch nur anzusehen, sind oft eigen, was ihre Garderobe betrifft. Und die Jungseltern? Lehnen sich entspannt zurück. Von Dramen vor dem Kleiderschrank berichtet kaum jemand.

Mode bedeutet für Mädchen Bestätigung


Schon sehr kleine Kinder merken genau, wenn sie ihren Eltern gefallen. "Die Rückmeldung ,Was siehst du wieder niedlich aus' ist eine wunderbare Bestätigung, die Mädchen viel öfter zu hören bekommen als Jungs", sagt Diplom-Psychologin Angelika Faas. Daher dürften sich die Eltern nicht wundern, wenn Jungs in Modefragen eher gelassen bleiben, während Mädchen sich gerne schön machen wollen und es dabei oft übertreiben.

Dazu kommt, dass Kinder zwischen zwei und vier Jahren eh gerne ausprobieren, wie weit sie mit ihrem Willen kommen. Alles in allem eine recht explosive Mischung. Die meisten Mädchenmütter geben es bald auf ihren Töchtern bei der Kleiderwahl reinzureden. "Solange es zum Wetter passt, darf sie anziehen, was sie will", sagen die meisten. Und haben damit die richtige Einstellung, sagt Angelika Faas, die zur Gelassenheit rät. Denn bei dem morgendlichen Mode-Gerangel geht es um viel mehr als nur die Frage "Kleid oder Hose".
Die Genderfrage

Viele Mädchen erkennen schon sehr früh, dass die Aufteilung in die Kategorien "Mann" und "Frau" eines der mächtigsten Ordnungsprinzipien der Welt ist. "In dieser Ordnung wollen sie ihren Platz finden", sagt Diplom-Psychologin Renate Niesel. Doch das ist gar nicht mehr so leicht, seit die Geschlechterrollen nicht mehr so deutlich aufgeteilt sind wie früher. In den meisten Familien wird - zum Glück - kaum noch ein Unterschied gemacht zwischen dem, was kleine Jungs dürfen, und dem, was kleine Mädchen dürfen. Wenn sie es wollen, können Jungs ebenso selbstverständlich mit Puppenküchen spielen wie Mädchen mit Matchbox-Autos.

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Kinder brauchen aber deutlich sichtbare Strukturen, um sich in der Welt zurechtzufinden. Wie ein Korsett stützen dabei die Geschlechterklischees die kleinen Persönlichkeiten, bis sie sich in ihren Rollen sicher fühlen. Wie zeigt man also, dass man weiß, was ein "richtiges" Mädchen ist? Klar, mit der Kleidung. "Je eindeutiger die Signale, desto mehr Sicherheit geben sie", so Niesel. Also: Kleid statt Jeans, Pink statt Blau. Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass Mama nur in Jeans und Pulli herumläuft. Denn ihr Bild, wie ein richtiges Mädchen und wie ein richtiger Junge zu sein hat, holen sich Zwei- und Dreijährige nicht nur im Elternhaus. Fast noch wichtiger sind andere Kinder, die sie in Spielgruppen und im Kindergarten treffen, vor allem die älteren. Dazu kommen Werbung, Fernsehen, die Äußerungen Erwachsener. "Kinder wollen dazugehören", sagt Angelika Faas. "Sie bekommen schnell mit, was die anderen gut finden, und passen sich an."
Jungsfarben, Mädchenfarben


Jungen achten auf Farben


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Findet ein Mädchen die rosa Puppenspielfraktion im Kindergarten besonders toll, wird sie sich bald auch rosa Sachen wünschen. Und wenn ein Mädchen in seiner Spielgruppe das einzige Mädchen ist, braucht man sich nicht über seine Vorliebe für Fußballshirts wundern. Für die meisten Kinder zwischen zwei und fünf ist die Modewelt klar nach Geschlechtern aufgeteilt. Schon Zweijährige identifizieren Rosa, Rot und Lila als „Mädchenfarben“ und  Grün, Blau oder Braun als „Jungsfarben“, schreibt Susan Gilbert.

Über die Farbentrennung wird in vielen Kindergärten streng gewacht. Da kommt es schon vor, dass ein Junge, der in roten Cordhosen erscheint, von den anderen geneckt wird. Überhaupt sind die Farben der einzige Punkt, an dem Jungseltern mit Protest rechnen können. Rosa Socken oder lilafarbene Pullover mit Blümchen gehen gar nicht, finden die meisten.
Was fasziniert so viele Mädchen an Kleidern?
Dass sie ein Mädchen-Privileg sind. Etwas, das sie tragen dürfen, Jungs aber nicht. Das ergab eine Blitzumfrage in vier Berliner Kitas. "Jungs im Kleid? Da müssen wir aber lachen", tönten die etwa 50 befragten 3 bis 4 Jahre alten Kinder einstimmig. Repräsentativ ist so eine informelle Umfrage natürlich nicht, aber mit dieser Reaktion liegen die Kinder in unserer Gesellschaft gar nicht so verkehrt. "Wenn ein Mädchen gerne Hosen trägt und auf Bäume klettert, denkt sich niemand mehr etwas dabei“, sagt der Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge. „Aber wenn ein Junge beharrlich Rüschenkleider verlangt, sitzt seine Mutter bald in meiner Sprechstunde und fragt mich, was sie falsch gemacht hat.“ Die alten Rollenmuster sitzen eben doch noch tief in uns drin. Auch wenn wir das gar nicht wollen. Fair ist das nicht. Das war sogar den befragten Kindergarten-Mädchen klar. Die sind sich nämlich sicher, dass Jungs ganz schön arm dran sind. „Fazit war: 'Immer blau und dunkel, nie bunt und Blümchen - wie langweilig'“, berichten die Erzieherinnen. „Die meisten sind sehr froh, dass sie Mädchen sind.“ Die Zeiten, in denen ein Jungsleben als viel spannender galt, dürften endgültig vorbei sein.

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