Wenn Eltern und Kinder Streit haben

Sobald es zwischen Kindern und Eltern zu Streit kommt, bedeutet das für die Eltern, auf einem schmalen Grat zu balancieren. Denn wir Erwachsenen sind den kleinen Leuten natürlich überlegen.


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Eltern dürfen ihre Überlegenheit nicht ausnutzen


Die Eltern-Kind-Beziehung ist keine Beziehung zwischen Gleichberechtigten. Und das soll sie auch gar nicht sein. Eltern sitzen am längeren Hebel, weil sie letztlich die Macht und die Verpflichtung haben, Dinge zu entscheiden. Und lange Jahre sind sie ihren Kindern auch rhetorisch weit überlegen. „Die Kunst ist es, den Streit wirklich ernst zu nehmen, ohne die eigene Überlegenheit auszunutzen - also trotz allem klar in seiner Rolle als Erzieher zu bleiben“, sagt Angelika Faas.
Was ist verboten, was ist erlaubt?
Kinder brauchen im Streit ein stand- und handfestes Gegenüber. Heißt: Eltern, die ihnen das Austragen des Konflikts ermöglichen, die ihnen dabei Widerstand bieten und gleichzeitig Halt geben.  Verboten sind dabei ganz klar „erwachsene Streitstrategien“, wie etwa ein schlechtes Gewissen zu machen oder Ironie und Sarkasmus. Erlaubt sind hingegen laute Worte und ein richtiger Krach - selbst wenn die Nachbarn sich mal wundern sollten.

Wichtig bei kleinen Kindern: Sie leben im Hier und Jetzt. Ein Streit mit Papa oder Mama kann sie deshalb fundamental erschüttern, weil sie sich noch nicht vorstellen können, dass er zu einem späteren Zeitpunkt wieder vorbei sein wird. „Es ist enorm tröstlich, wenn Eltern zu ihren Kindern beispielsweise sagen: „Jetzt bin ich sauer. Aber vor dem Abendessen vertragen wir uns wieder“, sagt Angelika Faas. So wissen sie, dass der Streit mit Mama und Papa endlich ist. Aber bei aller Behutsamkeit sollten wir Eltern dabei nicht vergessen: Wer Streit aus dem Weg geht, schadet seinem Kind. Weit mehr als mit einem lauten Wort. Und außerdem: Das Glücksgefühl einer Versöhnung erlebt nur, wer vorher gestritten hat.
Wer streiten kann, kommt im Leben besser klar
Es geht nicht darum, aus Furcht vor Auseinandersetzungen jeden Ärger unter einen „Harmonie-Teppich“ zu kehren. Im Gegenteil: Meinungsverschiedenheiten gehören zum Leben und sind wichtig für die Persönlichkeitsbildung. Kinder und Erwachsene brauchen es gleichermaßen. Entscheidend ist nur, wie man streitet. „Am besten fair, konkret, sachlich“, weiß Angelika Faas.

Der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann rät aber auch - bei allem Bemühen um einen „guten“ Streit -, lautstarke, harte, unkontrollierte Auseinandersetzung nicht zu tabuisieren: „Ein richtiger Streit, ein harter Konflikt, die Wut eines Kindes, der Zorn eines Vaters und das Heulen der Mutter ertragen wir oft nicht. Doch auch das gehört zum Leben einer Familie. So wie die Hitze zum Sommer und der Matsch zur Schneeschmelze.“

Streit ist ein weiter Begriff. Er reicht vom freundlichen Geplänkel über die sachliche Meinungsverschiedenheit bis zum enthemmten Wutausbruch. Für alle Facetten sollte in einer Familie Raum sein. Kinder, die keine Angst haben, jemanden zu verärgern und die ihre Meinung auch gegen Widerstände vertreten, kommen im Leben besser klar. „Nur durch Konflikte können sie lernen, auf ihren Wünschen oder ihrem Standpunkt zu beharren. Mutig zu sein. Zu verstehen, wann es vernünftig ist, ein bisschen feige zu sein. Konflikte sind ein hervorragender Lehrmeister. Die Seele eines Kindes kann ohne sie gar nicht reifen“, sagt Wolfgang Bergmann.


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