Wenn Geschwister Streit haben

Streiten sich Geschwister, geht es häufig um die Aufmerksamkeit und Gunst der Eltern. Daher gilt: Handeln Sie als Eltern nicht voreilig! Und lassen Sie die Kinder streiten, denn Streit fördert das Sozialverhalten.


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

Geschwister streiten oft um Aufmerksamkeit der Eltern


Streit unter Freunden unterscheidet sich vom Geschwister-Streit in einem wesentlichen Punkt: Ein Spielkamerad kann sich immer aus der Affäre ziehen, indem er einfach weggeht. Der Druck, eine Lösung finden zu müssen, ist schwächer - denn man muss ja nicht mit dem Gegner unter demselben Dach leben. Doch unter Geschwistern muss eine Lösung her, damit man wieder gut zusammenhalten kann.

Brüder und Schwestern entwickeln in ihrer Familieein untrügliches Gespür dafür, mit welcher Strategie sie die größte Aufmerksamkeit der Eltern auf sich ziehen können. Kaum etwas belastet das Familienleben mehr als das ewige Streiten der Kinder. Das nervt ungeheuer - und das soll es ja auch. Kinder erwarten, dass der herbeieilende Elternteil Schiedsrichter spielt. Sie streiten um die Aufmerksamkeit und Gunst der Eltern, um Privilegien und Besitz, weil sie glauben, dass all das weniger wird, wenn man es teilen muss.
Streit ist nicht gleich Streit
In der Hitze des Gefechts unterlaufen dem Schiedsrichter aber leicht Fehler: Es ist nämlich nicht immer derselbe Streit, sondern jedes Mal ein neuer. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Opferlämmchen häufig als der wahre Streithammel. Und nicht nur das. Wenn wir vergangene Situationen blind auf die aktuelle übertragen, legen wir die Kinder auf ihr Streitverhalten fest und nehmen ihnen damit die Möglichkeit, sich verschieden zu erfahren und eben auch verschieden zu verhalten. Der Mangel an Alternativen erzeugt Aggressionen, und schnell sieht ein Kind keine andere Möglichkeit mehr als zuzuschlagen.
Kinder müssen streiten
Es gibt auch bei jedem Streit etwas anderes zu lernen.
Daher müssen Kinder streiten: In der Auseinandersetzung mit einem anderen lernt man sich selbst und den anderen besser kennen, da erlebt sich ein schüchternes Kind plötzlich als mutig, da kann der Stärkere auf einmal nachgeben. Mehr noch: Wie man eigene Grenzen zieht und die der anderen respektiert, wie man sich in einen anderen Menschen hineinversetzt, seine eigenen Gefühle ausdrücken und seine Meinung vertreten kann, ohne den anderen zu verletzen, und wie man ertragen lernt, dass man verschieden ist - das erfährt man am besten im Streit.

Und auch, wie man sich nicht unterbuttern lässt und trotzdem eine Lösung für den Streit findet, die allen Beteiligten gerecht wird, ist keinem von uns in die Wiege gelegt. Das muss man üben dürfen wie Einmaleins und ABC - am besten beim Streiten. 

 Das könnte Sie interessieren: Streiten trainiert Freundschaften

Streiten kann die Bindungsfähigkeit von Kindern und ihre Freundschaften stärken. Tipps für Streit unter Kindern und in der Familie.


Bei Streit nicht vorschnell eingreifen

Streit ist gesund und grundsätzlich erlaubt, „als Ausdruck nicht unterdrückbarer, gesunder Kräfte im Kind“, sagt der US-amerikanische Psychologe Richard A. Gardener. „Jedes Kind, das nicht wenigstens bis zu einem gewissen Grad eine Geschwisterrivalität zeigt, ist ein behindertes Kind, das beim Kampf um den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit von den Menschen in seiner Umgebung besiegt worden ist.“

Und das geschieht häufig in bester Absicht: „Du als die Große kannst doch wirklich mal nachgeben“oder „Sei doch mal lieb zu ihm, schließlich ist er doch dein kleiner Bruder", so appellieren verzweifelte Eltern und schüren das familieninterne Konkurrenzgerangel noch zusätzlich. Mit Appellen erreicht man gar nichts, mit der donnernden Untersagung jeder feindseligen Handlung noch weniger. 

Kinder streiten


© Thinkstock

Konflikte und Streit richtig austragen

Das eigentliche Problem besteht weniger darin, dass es Konflikte gibt, sondern in der Unklarheit darüber, wie man sie austrägt, sodass jeder gewinnt. Im Spektrum zwischen fair und gewalttätig geht da viel. Wo sonst könnte man seine Möglichkeiten besser erkunden als zuerst in der Familie und dann auch mit Freunden? Greift man zu schnell ein, nimmt man den Kindern den Konflikt aus der Hand. Und verpasst außerdem die Chance, die Kinder besser kennenzulernen.

Fasziniert beobachten Eltern, wie schnell kleine Kinder nach einem Streit fröhlich zur Tagesordnung übergehen. Sie vergessen einfach. Ihre beachtlichen Fähigkeiten, die Kommunikation nicht abreißen zu lassen und gleich nach einem heftigen Gerangel wieder intensiv zu spielen, erlauben ihnen, ihre gegensätzlichen Impulse auszuleben und dabei in Sicherheit zu sein: Sie sind sich ihrer Aggressionen bewusst, aber werten das Geschehen eher positiv, wenn sie ihre Gefühle ausleben dürfen und dabei gewisse Regeln einhalten.

Die Kinder einer Familie bauen füreinander ein soziales Fitnesstraining, in dem sie ihre Ausdauer, Geschicklichkeit und Kondition steigern. Sie lernen, wie man mit Konflikten und Streit umgeht - so oder so. „Geschwister kennen ihr jeweiliges Waffenarsenal sehr genau, sie können meist bewusst kalkulieren, planen und ihre aggressiven Handlungen und Aussagen kontrollieren“, betonen die beiden Geschwisterforscher Stephen Bank und Michael Kahn. Freunde müssen das erst herausfinden.

Auf lange Sicht lernen beide, Freunde und Geschwister, Konflikte auch durchzustehen, wenn man sie lässt: „Streit fördert Kompetenz, Moral, Mut, Kreativität und Loyalität“, sagen die beiden Forscher.


mehr zum Thema
Geschwister Erziehung Streit