Wenn nur noch die Marke zählt

Sneekers, T-Shirts & Co. – Viele Kinder und Jugendliche fahren heute auf ganz bestimmte Label und Hersteller ab. Das hat seine guten und schlechten Gründe.


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden
Sie komme mit ihrer neunjährigen Marlene eigentlich gut aus, erzählt die Mutter. „Theater gibt es nur, wenn es um die Kleider geht. Da hat sie einen unglaublichen Dickkopf.“ Es müsse immer eine bestimmte Marke sein, egal ob beim Pullover oder bei der Hose. Als Marlene das hört, schüttelt sie heftig den Kopf. Sie könne es ihrer Mama nie recht machen: „Ständig mosert sie an meiner Kleidung herum.“ Schon früher hätte sie immer anziehen müssen, was ihre Mutter wollte, nie was ihr gefallen habe. „Und jetzt ist es genauso!“ Dabei gebe sie ein bisschen vom Taschengeld dazu, wenn sie ein cooles T-Shirt haben wolle. Sie wisse ja schließlich, wie teuer die Dinger wären.

Wenn Kinder Markenmode wollen


© iStock
Dieser kurze Dialog lässt sich verallgemeinern unter dem Motto: Viel Lärm um die Kleidung, vor allem dann, wenn es um bestimmte Marken geht – seien es nun T-Shirts, Jeans, Schuhe oder Rucksäcke. An Marken entzünden sich grundsätzliche Debatten, vor allem dann, wenn Kinder älter werden.

Doch während Eltern den Markenwahn oder -spleen kritisieren und befürchten, dass ihre Kinder sich in der Welt des Konsums verlieren, haben die Heranwachsenden andere Themen im Sinn. Natürlich geht es für sie auch darum, welche Marken gerade angesagt sind. Und zweifelsohne spielt ein gewisser Gruppendruck eine nicht zu unterschätzende Rolle. Doch wäre es oberflächlich, die Faszination, die bestimmte Labels auf Kinder und Jugendliche ausüben, darauf zu reduzieren.

Kleidung ist Ausdruck von Individualität


Heranwachsende sind kritischer, als man denkt. Kleider machen Leute, soll heißen: Über Kleidung findet man sich selbst und erfindet sich neu. Dies gilt vor allem dann, wenn man dem Kindergartenalter entwachsen ist und sich auf den Weg in die Welt macht. Man grenzt sich – auch kleidungstechnisch – von den Eltern ab, findet sie uncool oder spießig. Zugleich verändert sich der eigene Körper. Viele finden sich ätzend, weil die Proportionen nicht mehr stimmig scheinen. In dieser Situation können Klamotten Minderwertigkeitsgefühle kompensieren.

Man brezelt sich auf und kauft, was einem gefällt, ob das nun eine Marke ist oder nicht. In diesem Moment wird ein weiteres Kriterium viel bedeutsamer: Die Kleidung muss schlichtweg passen. Farbe, Form oder Schnitt rangieren vor dem Label. Durch und über Klamotten will man Individualität ausdrücken, will einmalig und unverwechselbar sein. Ob man dies letztlich durch Markenklamotten inszenieren kann, steht auf einem anderen Blatt.

„Was mir passt, das passt“, so formuliert es der neunjährige Ben: „Da ist mir egal, ob es in einem halben Jahr auch noch so ist.“ Er ärgere sich manchmal zwar darüber, wenn er für eine Markenhose, die ihm nach kurzer Zeit nicht mehr gefällt, so viel Taschengeld ausgegeben habe. Doch mit einem Schmunzeln ergänzt er: „Aus Schaden wird man ja angeblich klug. Nur bei Markenklamotten nicht!“

 Das könnte Sie interessieren: Kampf am Kleiderschrank

Stimmt es, dass alle Mädchen Rosa mögen und Jungs klamottentechnisch eher anspruchslos sind? Wir geben Antworten.


Bei den Auseinandersetzungen, die sich an der Kleidung entzünden, geht es eben um mehr als die Jeans oder die Schuhe. Wenn Kinder Wünsche äußern, gilt es, diese ernst zu nehmen und die damit einhergehenden Bedürfnisse zu verstehen. Es steht Heranwachsenden frei, Wünsche zu artikulieren, aber Eltern müssen diese nicht vorbehaltlos erfüllen. Weniger ist manchmal mehr. Nur darf man nicht erwarten, dass Kinder ein „Nein“ klaglos hinnehmen. Man wird dann schnell als gemein tituliert – und manchmal eskaliert die Situation so, dass man sich gegenseitig üble Verwünschungen an den Kopf wirft und ein respektvolles Miteinander auf der Strecke bleibt.

Streit um Markenklamotten entsteht gar nicht erst, wenn man sich ein paar Überlegungen zu eigen macht:

• Wenn der Wunsch nach Kleidungsstücken stärker wird und die Haushaltskasse zu sprengen droht, ist ein Kleidungsbudget für das Kind sinnvoll. Gehen die Wünsche darüber hinaus, kann es von seinem Taschengeld etwas beisteuern. Aufgepasst: Wenn Kinder materiell ihren Beitrag leisten, haben sie natürlich Mitsprache, was gekauft wird.

• Man kann Markenklamotten auch in Secondhand-Läden kaufen oder im Internet ersteigern. Der Wege gibt es viele, wie eine Mutter jüngst berichtete. Sie habe sich gewundert, dass ihre beiden Töchter, acht und zehn, in letzter Zeit gerne mit auf Flohmärkte kommen. „Früher fanden sie das ätzend. Mit einem
Mal waren sie geradezu begeistert!“ Bis sie herausgefunden habe, warum: „Die wussten genau, wo sie Markenware billig schießen konnten. Ganz schön clever. Das haben sie von mir, ich kaufe Markensachen auch nur dort.“ 

 Das könnte Sie interessieren: Second Hand für Kinder: Kleider mit Geschichte

Die Zeiten vom Flohmarktwühltisch sind vorbei. Second Hand geht heute auch online. Und das Angebot ist groß. Wie behält man da bloß den Überblick?


Das Selbstbewusstsein der Kinder stärken

So bedeutsam die Werbung ist, es Kampagnen gibt, die auf Heranwachsende abzielen – die Sozialisation für bestimmte Marken findet in der Familie statt. Eltern sind Vorbilder, die ihren Kindern Muster vorleben. Viel wichtiger, als über die Heranwachsenden zu urteilen, die nur Markensachen im Kopf haben (was im Übrigen eine unzulässige Verallgemeinerung darstellt!), ist es, das Selbstbewusstsein von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Denn nicht selten werden Minderwertigkeitsgefühle und Versagensängste durch Marken ersetzt. Selbstbewusstsein hilft gegen Mitläufertum – und dies nicht nur in modischen Belangen.

(von Dr. Jan-Uwe Rogge* / erschienen in der familie&co Frühling 2017)

 Das könnte Sie interessieren: Die neue familie&co

familie&co - Die Familienzeitschrift. Ab sofort gibt's die neue Ausgabe am Kiosk. Und das sind die Top-Themen.


* Zum Autor: Dr. Jan-Uwe Rogge ist Familien- und Kommunikationsberater, Autor von Bestsellern wie „Kinder brauchen Grenzen“ und „Ängste machen Kinder stark“



mehr zum Thema
Erziehung Streit
Artikel kommentieren
Login