Bezahltes Social Freezing setzt Frauen weiter unter Druck. Ein Kommentar

Amerikanische Arbeitgeber wie Apple und Facebook haben Social Freezing in die Sozialleistungen ihrer Angestellten mit aufgenommen. Das Einfrieren von weiblichen Eizellen auf Firmenkosten soll es den Mitarbeiterinnen ermöglichen, auch nach den fruchtbaren Jahren noch eine Familie zu gründen. Ein Thema, das auch bei uns redaktionsintern kontrovers diskutiert wird.


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Benita Wintermantel (Redakteurin familie.de, zwei Kinder im Alter von fünf und acht Jahren), meint:
 
"Nein, ich bin nicht grundsätzlich gegen Social Freezing. Selbst wissend, was Kinder für ein wertvolles Geschenk des Lebens sind, finde ich die Möglichkeit, den Zeitpunkt einer Schwangerschaft ein bisschen zu verschieben, eine durchaus befreiende Option. Aber: Mein Arbeitgeber soll sich – bitte! - aus meiner Familienplanung raushalten. Die Jahre, in denen ich jung, leistungsfähig und nervenstark bin, soll ich lieber meinem Chef als meinen Kindern schenken? Und wenn ich die 45 erreicht habe – endlich auch im Job selbstbewusst und ja, auch fordernd bin - dann darf ich gerne bei den Kindern zu Hause bleiben? Diese Idee ist absurd. Nein danke!

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Geschenkte Freiheit oder noch mehr Druck für Frauen?


Für mich klingt das Angebot der Tech-Unternehmen nicht nach geschenkter Freiheit, nicht nach weniger Zeitdruck, nicht nach mehr Optionen, meinen Kinderwunsch zu realisieren. Sondern nur nach einer netten Formulierung der knallharten Aussage: „Kinder finden wir total okay. Aber nicht JETZT.“ Sich auf diese Art die High-Potential-Jahre der weiblichen Mitarbeiter zu sichern, ist verlogen und egoistisch. Aus wirtschaftlicher Sicht aber nachvollziehbar: Das Kühlfach beim Reproduktionsmediziner um die Ecke ist günstiger und einfacher zu organisieren als der Ersatz für die Auszeit junger Mütter. Fakt ist: Der Karriereknick in der Babyzeit bleibt durch firmenfinanziertes Social Freezing nicht aus, sondern wird nur um ein paar Jährchen vertagt. Ist dadurch etwas gewonnen?
Zumal die Methode des Social Freezings viel zu unausgereift ist, um als wirkliche Alternative durchzugehen: Es gibt noch keine Befruchtung von Eizellen, die länger als sechs Jahre schockgefrostet waren. Es ist also völlig unklar, ob die heute 25-jährige Apple-Mitarbeiterin in 20 Jahren auf funktionierende Eizellen mit gesundem Erbmaterial zurückgreifen kann, ob ihr Baby gesund zur Welt kommt und ob ihr Körper überhaupt in der Lage ist, die archivierten Eizellen mit Leben zu erfüllen.

Rund um die K-Frage wird momentan von den Betriebskantinen bis zu den Vorstandsetagen viel diskutiert. Die kleinen Früchte, die diese Diskussionen mittlerweile gebracht haben, werden aber im Nullkommanichts zerstört, wenn ein Arbeitgeber Geld - viel Geld - in die Hand nimmt, um den Kinderwunsch seiner Angestellten einzufrieren. (Die Hoffnung, dass er nie mehr aufgetaut wird, ist nichts als eine böse Unterstellung...) Jedenfalls: Der Kinder-Karriere-Konflikt wird dadurch größer. Frauen brauchen keine Fruchtbarkeits-Konserven, sondern die Chance auf die Vereinbarkeit von Karriere UND Familienphase.
Was, wenn der kleine Eisbär erwacht?

Wenn ich mir die ach-so-wohlgemeinten Angebote von Apple, Facebook & Co. anschaue, habe ich dazu gleich noch ein paar Fragen: Wer zahlt den Psychotherapeuten, wenn die Mitarbeiterin nach der dritten erfolglosen künstlichen Befruchtung immer noch nicht schwanger ist? Und zahlt Facebook die 20.000 Dollar alternativ auch für einen Kita-Platz? Und was passiert eigentlich, wenn aus dem Eisbaby eines Tages tatsächlich ein echtes Baby aus Fleisch und Blut wird? Wenn die Investition in das Tiefkühlfach sozusagen umsonst war. Hier zeigt sich: Sowohl Social Media – aus deren Branche die Tiefkühl-Angebote allesamt kommen - wie auch Social Freezing haben mit „sozial“ nicht wirklich etwas zu tun. Sozial wären eine Firmen-Kita und flexible Teilzeitregelungen."
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"Flexibel sein, das kann manchmal auch bedeuten, unkonventionell zu handeln. Zum Beispiel einer Mitarbeiterin anzubieten, die Kosten zu übernehmen, wenn diese ihre Eizellen einfrieren lassen will." Auch familie.de-Volontärin Michaela Brehm hat sich Gedanken zu dem schwierigen Thema gemacht. Mit Klick auf das Bild lesen Sie den gesamten Kommentar.

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