Unerfüllter Kinderwunsch: Ein Kind lässt sich nicht „machen“

Wenn der Kinderwunsch groß ist und es nicht klappen will, leidet die Seele. Psychosoziale Begleitung kann in dieser schwierigen Lebensphase helfen. Wie? Wir haben mit Kinderwunsch-Coach Manuela Riege-Schmickler gesprochen.


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Manuela Riege-Schmickler


Lässt das Wunschkind auf sich warten, so zerrt das bei ungewollt kinderlosen Paaren an den Nerven. Selbst bei psychisch gefestigten Paaren keimen Ängste und Sorgen auf. Denn anders als ein Haus oder einen schönen Urlaub lässt sich ein Kind nicht "erarbeiten" – und entzieht sich so dem in unserer Gesellschaft verbreiteten Leistungsprinzip. Trotz Kinderwunschmedizin wissen die Wunscheltern zu keinem Zeitpunkt wie nah oder wie weit weg sie von ihrem Kind noch sind. Wird der seelische Druck groß und größer, kann es helfen, sich psychosozial begleiten zu lassen. Manuela Riege-Schmickler (kinderwunschkinder.de) kennt die seelischen Belastungen aus eigenem Erleben. Heute begleitet sie als Kinderwunsch-Coach Betroffene durch diese herausfordernde Lebensphase. Im Interview berichtet sie über ihre Arbeit.

➤ Wo liegen die größen Probleme bei unerfülltem Kinderwunsch?



„Ich helfe dabei, Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern, denn ein anderes Verhalten führt eher zu neuen, besseren Erfahrungen. Ich leite an, gezielt im Hier und Jetzt zu leben, denn wer bewusst in der Gegenwart lebt, macht sich weniger Sorgen um Zukünftiges....”

von Manuela Riege-Schmickler

Kinderwunsch-Paare leben häufig zu sehr in der Zukunft. Nach dem Motto, wenn das Wunschkind da ist, dann fängt das Leben richtig an. Dann bin ich als Mama endlich eine richtige Frau oder als Papa ein richtiger Mann, oder dann kann Frau oder Mann z. B. endlich den ungeliebten Job hinter sich lassen, oder endlich gehören sie im Freundeskreis, bei denen die Kinder haben, mit dazu und fühlen sich nicht länger als Sonderlinge. Damit hat das noch nicht vorhandene Kind eine Menge Aufgaben. Dies ist in etwa so, wie wenn wir morgens ins Büro kommen und der Schreibtisch so voll mit Arbeit beladen ist, dass wir nur wenig bis keinen Antrieb verspüren, überhaupt anzufangen. Eher machen wir die Tür wieder zu, denn morgen ist ja auch noch ein Tag. Vielleicht geht es dem Wunschkind ähnlich?

Wie kann „nur reden“ hier helfen?

Das offene Sprechen über den Kinderwunsch kann sehr erleichternd sein. Meiner Erfahrung nach greift es jedoch zu kurz, wenn nur über das Problem, den Mangel geredet wird. Dann bleiben die Betroffenen im Problem stecken. Vielmehr schaue ich als Coach: Wie entsteht ein Problem?; Wie sieht die Struktur aus?. Zum Beispiel sind Ängste oft düstere Vorstellungen, die wie ein Film schnell ablaufen. Manchmal gekoppelt mit einem inneren Quatscher, der negative Sätze ins Ohr zu quasseln scheint. Diese Sequenzen auf Dauer-Repeat gestellt, machen alles andere als gute Laune. In solchen Fällen kann es bereits Erleichterung verschaffen, wenn ich helfe, den Film mal in Zeitlupe laufen zulassen und der innere Quatscher eine lustige Synchronstimme erhält. Ich helfe dabei, Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern, denn ein anderes Verhalten führt eher zu neuen, besseren Erfahrungen. Ich leite an, gezielt im Hier und Jetzt zu leben, denn wer bewusst in der Gegenwart lebt, macht sich weniger Sorgen um Zukünftiges. Das Leben bereits jetzt zu genießen, ist das Ziel.

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Mit alltagstauglichen Entspannungsmethoden gebe ich den zu mir kommenden Frauen und Männer ganz konkrete Techniken an die Hand, die helfen können, entspannt und gelassen zu bleiben. Mit individuell geführten Meditationen verankere ich häufig das neu Gelernte, so dass meine Coachees dies leicht in ihren Alltag integrieren können.

➤ Wenn der Kinderwunsch endgültig unerfüllbar ist: Wie schaffen es Frauen, Abschied zu nehmen. Geht das überhaupt?

Das Abschiednehmen vom Kinderwunsch wird häufig als Prozess gesehen, dem einige medizinische Kinderwunschbehandlungen vorausgegangenen sind. Wie und wann das Abschiednehmen geschieht ist, von Fall zu Fall verschieden. Der Abschied wird leichter, wenn die Betroffenen etwas haben oder finden, was sie als sinnvoll ansehen. Das kann der Beruf sein, das kann ein besonderes Hobby sein, eine einzigartige Begabung, die nur sie haben und von denen andere profitieren können. Was immer es ist, es lohnt sich, das Abenteuer Leben auch ohne Kind zu genießen.

Leiden Frauen und Männer unterschiedlich?

Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Das kann von Paar zu Paar verschieden sein. Ich beobachte, dass Frauen häufig offener über ihren Kinderwunsch-Frust sprechen als Männer. Männer leiden eher mehr im Verborgenen und fühlen sich hilflos, besonders wenn der Grund für die mögliche Kinderlosigkeit bei ihnen liegt.

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Wie verhalte ich mich als „Umfeld“ (Familie, Freunde etc.) einem Paar gegenüber, bei dem es nicht klappt? Hier gibt es ja viele Unsicherheiten…

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass gut gemeinte Tipps wie „Fahrt mal in den Urlaub“, „Gönnt euch etwas Schönes“, „Entspannt einfach mal“ und Ähnliches nicht helfen. Auch mitleidige Sätze wie: „Bei Euch hat es ja leider mit dem Kinder kriegen nicht geklappt. Seid froh, dann sind euch eine Menge Stress und Sorgen erspart geblieben“, sind wenig hilfreich. Aus meiner Sicht ist es wichtig, sich gegenüber kinderlosen Paaren so normal wie möglich zu verhalten und sie durchaus auch in die Themen mit dem eigenen Nachwuchs zu integrieren. Das schafft Nähe und vermittelt das Gefühl, ein wichtiger Gesprächspartner zu sein. Vielleicht besteht auch die Offenheit, das Paar gelegentlich mit in die Kinderbetreuung einzubeziehen. Das kann Eltern entlasten und ungewollt Kinderlosen eröffnet es die Chance, ein Stück Fürsorge für Kinder aktiv zu leben. Ob und wieweit das möglich ist, hängt von den jeweiligen Paaren ab. Auch kann es der Familie oder den Freuden helfen, die eigene Unsicherheit anzusprechen. Das Kinderwunsch-Paar kann dann konkret sagen, wie sie mit dem Thema umgehen möchten. Offenheit ist meistens hilfreicher und schafft Verständnis und Klarheit für alle Beteiligten.

Hier finden Kinderwunsch-Paare Unterstützung


Ungewollte Kinderlosigkeit ist ein zunehmendes Phänomen, das sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht. Um die Informationssuche für Betroffene leicht zu machen, gibt es vom Bundesfamilienministerium ein Informationsportal. Es bietet eine Übersicht über Behandlungsmöglichkeiten und Anlaufstellen. Auch Experten, die psychosoziale Begleitung anbieten, sind hier bundesweit aufgeführt: ➤ informationsportal-kinderwunsch.de. Häufig sind diese Experten psychologisch ausgebildet und verfügen über Zusatzqualifikationen z. B. im Bereich der Familien- oder Paartherapie, systemischem Coaching und Ähnlichem. Wichtig ist, dass die „Chemie“ zwischen Hilfesuchenden und Berater stimmt.

Die Kosten für eine solche Beratung sind unterschiedlich. So gibt es Beratungsstellen wie proFamilia, die psychosoziale Beratungen kostenfrei anbieten, sowie Therapeuten und Coaches, die ihre Leistung nach zeitlichem Aufwand privat abrechnen.

Wie lange man diese Hilfe in Anspruch nehmen möchte, hängt vom Einzelfall ab. Manchmal verschafft bereits eine Sitzung die gewünschte Erleichterung oder Entspanntheit, weil sie oder er einfach mal wertfrei über das Thema sprechen können. In anderen Fällen sind mehrere Termine notwendig.

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Kommentare
  • Anni K

    Vielen Dank für den schönen Artikel. Es gibt aber eine Aussage bzw. einen Gedanken darin, der einen doch nur unglücklich machen kann, dazu zitiere ich folgenden Absatz:

    "Damit hat das noch nicht vorhandene Kind eine Menge Aufgaben. Dies ist in etwa so, wie wenn wir morgens ins Büro kommen und der Schreibtisch so voll mit Arbeit beladen ist, dass wir nur wenig bis keinen Antrieb verspüren, überhaupt anzufangen. Eher machen wir die Tür wieder zu, denn morgen ist ja auch noch ein Tag. Vielleicht geht es dem Wunschkind ähnlich?"

    Ich beziehe mich jetzt auf den letzten Satz. Den interpretiere ich so, dass Sie glauben, ein Kind käme möglicherweise deshalb nicht zu Kinderwunsch-Eltern, weil diese die falsche innere Einstellung zum Kind hätten.

    Das gab mir beim Lesen mal wieder das Gefühl, irgendwas falsch gemacht zu haben und defizitär zu sein. Insofern ist das nicht hilfreich.

    Abgesehen davon impliziert diese Theorie, dass Kinderseelen sich ihre Eltern aussuchen. Dann stehen wir Frauen bzw. Kinderwunsch-Eltern also in Konkurrenz zueinander - wen mag sich das Kind wohl aussuchen? Haben meine schwangeren Freundinnen mir also möglicherweise Kinder "weggenommen"? Muss ich also jetzt neidisch und böse auf sie sein? Und wieso um alles in der Welt suchen Kinder sich Eltern aus, die sie vernachlässigen, missbrauchen oder umbringen?

    Das Leben könnte meiner Ansicht nach so viel besser und leichter sein, wenn wir es nicht ständig mit (religiösen oder spiritue

  • Anni K

    Vielen Dank für den schönen Artikel. Es gibt aber eine Aussage bzw. einen Gedanken darin, der einen doch nur unglücklich machen kann, dazu zitiere ich folgenden Absatz:

    "Damit hat das noch nicht vorhandene Kind eine Menge Aufgaben. Dies ist in etwa so, wie wenn wir morgens ins Büro kommen und der Schreibtisch so voll mit Arbeit beladen ist, dass wir nur wenig bis keinen Antrieb verspüren, überhaupt anzufangen. Eher machen wir die Tür wieder zu, denn morgen ist ja auch noch ein Tag. Vielleicht geht es dem Wunschkind ähnlich?"

    Ich beziehe mich jetzt auf den letzten Satz. Den interpretiere ich so, dass Sie glauben, ein Kind käme möglicherweise deshalb nicht zu Kinderwunsch-Eltern, weil diese die falsche innere Einstellung zum Kind hätten.

    Das gab mir beim Lesen mal wieder das Gefühl, irgendwas falsch gemacht zu haben und defizitär zu sein. Insofern ist das nicht hilfreich.

    Abgesehen davon impliziert diese Theorie, dass Kinderseelen sich ihre Eltern aussuchen. Dann stehen wir Frauen bzw. Kinderwunsch-Eltern also in Konkurrenz zueinander - wen mag sich das Kind wohl aussuchen? Haben meine schwangeren Freundinnen mir also möglicherweise Kinder "weggenommen"? Muss ich also jetzt neidisch und böse auf sie sein? Und wieso um alles in der Welt suchen Kinder sich Eltern aus, die sie vernachlässigen, missbrauchen oder umbringen?

    Das Leben könnte meiner Ansicht nach so viel besser und leichter sein, wenn wir es nicht ständig mit (religiösen oder spiritue

  • Luna09

    Ich habe ein paar Jahre in einer Frauenarztpraxis gearbeitet. Dort waren auch sehr viel frustrierte Paare, die nicht Schwanger wurden. Meine Chefin (die Fachärztin) empfahl den Patienten oftmals Clavella, da viele nicht wussten, dass Sie einen unregelmäßigen Zyklus bzw. keinen Eisprung hatten. Auch bei PCO-Syndrom ist es sehr hilfreich. Die meisten wurden dann auch erfolgreich Schwanger nur bei ein paar wenigen lag das Problem tiefer.