Für ihren schlanken Körper bezahlte sie mit ihrer Fruchtbarkeit

Sport hat mich krank und unfruchtbar gemacht – schreibt Bloggerin Sarah Romero in einem sehr ehrlichen Meinungsstück.


(0)

Melden Sie sich in unserer Community an, um Beiträge zu Ihren Favoriten hinzuzufügen.

Jetzt anmelden

Sport Frau

Wenn gesundes Essen zur Sucht wird, nennt das die Medizin "Orthorexie".


© iStock
„Die letzten zehn Jahre habe ich mich langsam aber sicher umgebracht. Meine Waffen: Grünkohl und Laufschuhe.“ So beginnt ein ergreifender Artikel von Personal Trainerin und Food-Bloggerin Sarah Romero. In ihrem persönlichen Essay beschreibt sie auf ergreifende Weise, wie sie jahrelang alles gegeben hat, um fit und „gesund“ zu sein: Jeden Tag ist sie fünf Meilen gerannt, hat Sit-Ups, Liegestütze und Co. gemacht, hat auf ihre Ernährung geachtet und viel Obst und Gemüse gegessen – und ihren Körper damit fast zerstört.

Sarah hat tonnenweise Komplimente für ihren fitten Körper und ihre eiserne Disziplin bekommen. Kuchen gab es für sie dagegen eher nicht. Trotz Ohrenentzündungen, Erkältungen oder Muskelzerrungen zog sie ihre Workouts knallhart durch. Schweinehund? Fehlanzeige! Disziplin, von der viele von uns nur träumen können, und trotzdem – für die Trainerin wurde ihr eiserner Wille zum Verhängnis.

„Ich war süchtig“


Die Bloggerin schreibt: „Ich war süchtig danach, mich körperlich und geistig an meine Grenzen zu bringen.“ Doch nach einiger Zeit der enormen Anstrengungen und des rigorosen Trainings war die Grenze erreicht. Sarahs Körper wollte und konnte sich den Herausforderungen nicht mehr stellen.

Sarah begann, am Reizdarmsyndrom zu leiden. Ihre Periode blieb aus. Eine Blutuntersuchung zeigte, dass ihr Hormonhaushalt dem einer Frau kurz vor den Wechseljahren entsprach. Sie entwickelte eine Vorstufe der Osteoporose – und das alles mit nur 22 Jahren.

Doch anstatt die Warnsignale ihres Körpers richtig zu deuten, machte Sarah noch mehr Sport. Sie stemmte Gewichte mit dem festen Glauben, sich und ihrem Körper etwas Gutes zu tun: „Ich glaubte wirklich, dass ich mir damit selber helfe, wieder gesund zu werden.“


Doch unter dem harten Regiment rebellierte ihr Körper nur noch deutlicher: „Ich hatte Schmerzen in der Brust und seltsames Herzrasen. Ich konnte nicht schlafen, meine Haare wurden immer dünner. Ich machte mir große Sorgen, war nur noch gestresst und sehr unglücklich.“

Auch ihr allergrößter Wunsch zu diesem Zeitpunkt blieb ihr verwehrt: Sie wollte ein Baby. Doch ein Mangel an Östrogen und eine Schilddrüsenunterfunktion hatten ihren Hormonhaushalt komplett aus dem Ruder gebracht. Ihr Körper war schwach, unterversorgt – und Sarah unfruchtbar. Der Grund dafür eine sekundäre Amenorrhoe.

In der Medizin wird von einer sekundären Amenorrhoe gesprochen, wenn bei einer Frau die Menstruation für mehr als drei Monate ausgeblieben ist. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Bei Sarah war es wohl so, dass der viele Sport und der Mangel an Nahrung Schuld waren. Ihr Körper hat quasi in den Überlebensmodus geschaltet, weil er unterversorgt war. Zweitrangige Prozesse fürs Überleben – wie die Menstruation – wurden so schlicht und einfach runtergefahren, damit Gehirn und Herz noch genug Energie haben, um den Körper am Leben zu erhalten. Zusätzlich werden bei Frauen mit zu geringen Körperfettanteil nicht mehr genug Hormone produziert, mit denen der Eisprung stimuliert werden kann. Eine Schwangerschaft würde in dieser Situation Mutter und Baby ernsthaft gefährden, deshalb lässt es der Körper gar nicht erst so weit kommen: Der Eisprung bleibt aus. Ein Prozess, der auch bei Magersüchtigen - und Untergewicht im Allgemeinen - häufig verkommt.

 Das könnte Sie interessieren: Zu dick oder zu dünn zum Schwangerwerden?

Das Körpergewicht kann die Fruchtbarkeit beeinflussen - und zwar bei Frauen und bei Männern. Warum, das lesen Sie hier.


„Ich muss meinem Körper beibringen, mir wieder zu vertrauen“

Um ihren Körper aus dem Notzustand zu befreien, muss Sarah ihm das geben, was sie ihm jahrelang verweigert hatte: Genug Essen und Erholung. Also gönnt sich Sarah Eis und Süßigkeiten, sie streicht jeglichen Sport, außer Spazierengehen und Yoga, von ihrem Terminkalender. Sie nimmt 10 Kilo zu – und fühlt sich wunderbar.

„Es war hart meinem Körper bei all den Veränderungen zuzusehen“, sagt sie. „Auf Wiedersehen Bauchmuskeln, hallo Cellulite! Meine Klamotten haben mir nicht mehr gepasst und ich habe mich riesig gefühlt.“ Aber: „Es hat angefangen, sich richtig anzufühlen. Ich hatte plötzlich wieder Energie. Mein Herzrasen ist verschwunden. Ich hab mich frei gefühlt, weil ich nicht mehr ein Sklave meines Workout-Regimes war.“

Jeden Tag isst sie mindestens 2.500 Kalorien und versucht, ganz auf ihren Körper zu hören. Fast ein Jahr später hat sie ihre Periode noch nicht zurück, aber Sarah gibt nicht auf.

„Rückblickend, bin ich manchmal wütend auf mich selbst, weil ich es so weit habe kommen lassen. Aber ich wusste es nicht besser. Ich wollte meinem Körper nicht schaden. Ich hatte mich nur mit meinen 'dünnen' Freundinnen verglichen und Fotos von fitten Menschen auf Instagram gesehen. Das wollte ich auch. Ich glaubte wirklich, dass ich einen gesunden Lebensstil führte. Oh, wie falsch ich damit lag.“

Uns hat Sarah mit ihrer Geschichte auf jeden Fall die Augen geöffnet: Denn nur, weil uns Instagram und Co. vorspielen, dass restriktive Diäten ok sind, heißt das noch lange noch nicht, dass das auch der Wahrheit entspricht. Ja, Sport und Gemüse sind gut für uns, Erholung und Kohlenhydrate aber auch. Wir müssen aufhören, unsere Körper mit der zu zwingen, sich dem Schönheitsideal von anderen anzupassen. Stattdessen sollten wir ihm das geben, was er braucht – und das kann auch mal ein paar Tage (Wochen) Auszeit vom Fitnessstudio sein.

Für Sarah ist es noch ein langer Weg und wir wünschen ihr, dass sie bald ihr Wunschbaby im Arm halten kann. Sie schaut der Zukunft auf jeden Fall positiv entgegen: „Ich bin glücklicher als ich es jemals in meinem Leben gewesen bin, denn ich bin jetzt frei. Ich messe meinen Wert nicht mehr daran, wie viele Kalorien ich gegessen oder nicht gegessen habe oder wie viele Kilometer ich gerannt bin oder nicht."

 Das könnte Sie interessieren: Sport in der Schwangerschaft

Sport in der Schwangerschaft gibt Kraft, hilft bei Beschwerden und bereitet Sie auf die Geburt vor. So gehen Sie es an.



von Nicole Metz




mehr zum Thema
digital kontrovers
Artikel kommentieren
Login