Ungewollt kinderlos #1von7

Eines von sieben Paaren ist in Deutschland ungewollt kinderlos. Unter dem Hashtag #1von7 posten Frauen Fotos von ihren leeren Mami-Bäuchen, damit endlich mehr über das Thema gesprochen wird.


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Im Sommer steht der Bauch immer irgendwie im Fokus. Doch satt der lästigen und unnötigen Diskussion um die Frage „Are you beach body ready?“ rückt die frauliche Körpermitte jetzt endlich aus den richtigen Gründen in den Fokus. Unter dem Hashtag #1von7 posten Frauen Bilder von ihren Bäuchen. Es sind Bilder von flachen Bäuchen, Wohlstandsbäuchen, Bäuchen mit Narben und Bäuchen voller blauer Flecken. Und jedes Bild erzählt die Geschichte einer Frau: Einer von sieben.
Hergeschaut #1von7

Eine von sieben Frauen in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Für jede siebte Frau bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, wird das Babymachen zum medizinischen Kraftakt. Für rund sechs Millionen Menschen sind Fruchtbarkeits- und Kinderwunschbehandlungen Alltag. Trotzdem reden wir nicht darüber, zumindest nicht öffentlich. Betroffene bleiben unter sich. Sie bangen heimlich, leiden heimlich, trauern heimlich, wenn ein weiterer Versuch fehlgeschlagen ist. Und dann tauchte vor drei Wochen dieser Bauch auf Instagram auf:


Es ist der Bauch von Claudia. Sie selbst hat zehn Jahre Kinderwunschbehandlung hinter sich und ist so unfreiwillig zum Experten zu diesem Thema geworden. Auf ihrem Blog wegweiser-kinderwunsch.de teilt sie ihre Erfahrungen mit anderen betroffenen Frauen, gibt Tipps und spendet Trost. Mit der Aktion #1von7 soll das Thema jetzt wieder ein Thema für alle werden. Unter ihrem Post schreibt Claudia: Zeigt her euren Kinderwunsch-Bauch! Hashtag: #1von7 (…) Wie viele Bäuche schaffen wir? Markiert gern andere Mädels, die auch bei der Aktion mitmachen, um auf unser Tabu-Thema aufmerksam zu machen!

Ihrem Aufruf sind seitdem schon etliche Frauen gefolgt. Mutig präsentieren die Frauen der Netzöffentlichkeit ihre Bäuche und machen damit ihre persönliche Leidensgeschichte publik. Manche Bilder erzählen von einem Happy End, manche erzählen nur ein weiteres trauriges Kapitel. Alle Bilder zeigen starke Frauen über die es wirklich wert ist, mehr zu sprechen. Die meisten von ihnen haben bereits mehrere Jahre Kinderwunschbehandlung hinter sich, zum Teil mit operativen Eingriffen. Auch wenn sie nicht immer sichtbar sind, Narben trägt jede dieser Frauen. Denn bleibt der Kinderwunsch so lange unerfüllt, leidet auch die Seele.


„Leider ist es in der Gesellschaft eher ungewöhnlich, ehrlich über den unerfüllten Kinderwunsch zu sprechen. Man stößt deshalb oft auf Unverständnis oder wird häufig durch gut gemeinte Ratschläge verletzt“, sagt Claudia aus eigener Erfahrung. Das Thema kann also durchaus ein bisschen mehr Offenheit vertragen. Aber vor allem braucht es einen besseren öffentlichen Diskurs. „Paare, die sich öffentlich zum unerfüllten Kinderwunsch bekennen, müssen immer noch Nachteile befürchten. Frauen bangen teilweise sogar um ihren Arbeitsplatz, wenn die Kinderwunsch-Behandlung publik wird“, kritisiert Claudia. Sie selbst musste erfahren, dass es nicht von Vorteil ist, mit dem Arbeitgeber offen über ihre Kinderwunschbehandlung zu sprechen. Kein Einzelfall. Zwar sollten in solchen Fällen das Kündigungsschutzgesetz sowie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gelten, doch letztendlich sei eine solche Diskriminierung oft schwer zu beweisen, gibt Claudia zu bedenken. Der ohnehin schwere Gang zur Kinderwunsch-Klinik ist daher noch mit zusätzlichen Ängsten belastet.
Es gibt großen Nachholbedarf
Unsere Gesellschaft hat also enormen Nachholbedarf, mit diesem Thema richtig umzugehen. Ein schönes Signal und ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung: Seit Anfang des Jahres 2016 unterstützt der Bund auch unverheiratete Paare finanziell bei den kostspieligen Kinderwunschbehandlungen. Das war bisher nur verheirateten Paaren vorbehalten. Doch das kann nur der erste Schritt im Sinne der Gleichbehandlung gewesen sein: „Auch Themen wie legale Eizellenspenden und die Option auf Leihmutterschaft, wie es in anderen Ländern möglich ist, sollte der Gesetzgeber im Auge behalten“, sagt Claudia.

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Ab sofort erhalten auch unverheiratete Paare finanzielle Hilfe für künstliche Befruchtungen. Alle Infos zur neuen Regelung.


Die Möglichkeiten, ungewollt Kinderlosen ein leibliches Wunschkind zu ermöglichen, sind also noch nicht ausgeschöpft. Natürlich wirft das die Frage auf, wie weit man die medizinischen Methoden ausreizen sollte. „Jedes Paar sollte sich über die eigenen Grenzen im Hinblick auf den Kinderwunsch bewusst sein und diese regelmäßig überprüfen. Die Möglichkeiten der Medizin scheinen zwar unerschöpflich, leider bleiben jedoch viele Paare am Ende trotzdem kinderlos. Wenn der Lebenstraum nicht in Erfüllung geht, muss man sich neue Lebensziele suchen. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern es ist ein langfristiger Prozess auf den man sich einlassen sollte“, sagt Claudia. Auch sie hat ihr Familienglück am Ende ganz anders gefunden – durch Adoption.

Wie Paare letztendlich ihr Happy End finden ist ganz individuell. Allerdings sollte jedes Paar das Recht auf ein solches Happy End haben. Daher sollten wir, der #Rest6, diese mutigen Frauen auf jeden Fall auf ihrem Weg unterstützen. Und sei es dadurch, dass wir mehr über ihre Geschichten sprechen. Claudia: „Gerade bei Tabu- und Randthemen kann Solidarität in sozialen Medien die öffentliche Wahrnehmung verändern. Bestes Beispiel ist eine der erfolgreichsten Social-Media-Kampagnen – die Ice Bucket Challange“. Deshalb teilen wir die Aktion gerne. Danke an alle #1von7 Kiwumädels für so viel Mut und Zuversicht!

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(Teaserbild: wegweiser-kinderwunsch.de)



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