
Seit rund sechs Monaten sind Sonja, ihr Mann René und der kleine Sven eine Familie. Zu der gehören selbstverständlich auch die Omas und Opas. „Das ist mir sehr wichtig“, sagt die junge Mutter. „Ich habe als Kind meine Großeltern nur einmal im Jahr gesehen. Darunter habe ich sehr gelitten.“ Bei ihrem Sohn ist das zum Glück anders: Er sieht seine Omas und Opas fast täglich. Sonjas Eltern wohnen nur ein paar Straßen weiter, und ihre Schwiegereltern sogar nur zwei Stockwerke tiefer. „Da kann ich schnell mal klingeln, wenn ich Hilfe brauche oder einfach mit den Einkaufstüten auf halber Strecke ein Päuschen einlegen will“, sagt die Grafikerin. Sie weiß genau, auf Oma und Opa ist Verlass, wenn sie Unterstützung braucht.
Doch nicht in allen Familien ist das so einfach. Oft wohnen Oma und Opa nicht in der Nähe – oder das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern ist nicht so unbeschwert. Die richtige Balance in der Beziehung zu finden, das ist für Eltern und Großeltern dann nicht leicht.
„Oma und Opa sollten sich weder zeitlich noch mit ihren Ratschlägen aufdrängen. Die Wünsche ihrer Kinder in Erziehungsfragen sollten sie respektieren und nicht unterlaufen“, betont der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Peter Struck. „Aber auch die Jungen sollten ihre Eltern nicht überfordern und sie als ständig verfügbare Babysitter begreifen. Genaue Absprachen helfen, das zu vermeiden.“ So wie bei Sonja: „Ich bin sehr froh, dass es mit meiner Schwiegermutter so gut klappt“, sagt sie. „Von Freundinnen weiß ich, dass es auch solche gibt, die sich einmischen oder alles besser wissen. Ich habe das Glück, dass ich in Rita eine Freundin gefunden habe.“
„Kinder brauchen mehrere Arten von Bezugspersonen“, sagt Struck. „So lernen sie das Mütterliche, Väterliche, Geschwisterliche und Freundschaftliche, aber auch das Großmütterliche und Großväterliche kennen.“ Für Kinder sei es wichtig zu sehen, dass Oma und Opa vieles anders machen als die Eltern – und manches davon vielleicht auch etwas gelassener. Denn Oma und Opa bringen oft viel Zeit und Ruhe mit, die Eltern im normalen Familienalltag fehlen.
Die Kinder lernen außerdem, dass es neben ihren Eltern noch andere Menschen gibt, die sie lieben und denen sie vertrauen können. Allerdings sollte der Kontakt zum Baby dabei auch eine gewisse Kontinuität haben. Wenn Oma und Opa nur alle paar Monate zu Besuch kommen, kann sich nur schwer eine Bindung aufbauen.
Wippend geht Rita mit Sven im Zimmer auf und ab und murmelt ihm dabei die ganze Zeit etwas ins Ohr. Als sei es ein kleines Geheimnis, das seine Oma ihm da anvertraut, lächelt Sven still in sich hinein. Rita zeigt mit dem Zeigefinger auf verschiedene Dinge: die Bücherwand, die Fische im Aquarium, das bunte Fensterbild. Sven verfolgt alles mit neugierigen Blicken. „Als Oma erlebt man alles noch ein zweites Mal“, sagt Rita mit glänzenden Augen. „Aber auch irgendwie anders. Als ich damals René bekommen habe, lief vieles nebenher. Heute kann ich mein Enkelkind so richtig genießen. Ich habe viel mehr Zeit, mich zu kümmern. Und in der Nacht kann ich in Ruhe schlafen“, sagt sie und lacht. „Trotz dem wissen René und Sonja, dass mein Mann und ich jederzeit für den Kleinen da sind.“
Die Handgriffe, mit denen man wickelt, ein Kind hält oder im Arm wiegt, hat Rita nicht vergessen: „Ich glaube, das verlernt man nicht.“ Sonja nickt: „Ich hätte Sven keiner Tagesmutter anvertrauen können. Bei meinen Eltern weiß ich einfach, dass er in guten Händen ist.“
Meist gestaltet sich die Beziehung zum Enkel aber ganz anders als die zu den eigenen Kindern, weiß Experte Struck: „Enkel und Großeltern verstehen sich häufig besser als Kinder und Eltern.“ Oft sind Opa und Oma weniger streng mit den Enkeln, als sie es mit ihren Kindern waren. Sie können sich zurücklehnen und ganz über ihren Enkel freuen. „Großeltern bleiben durch die Kleinen jung. Sie haben das Gefühl, gebraucht zu werden, und können ihre Lebenserfahrung weitergeben“, sagt Peter Struck. Als wollte Sven diesen Aussagen ausdrücklich zustimmen, fängt er an zu lächeln: Ein Lächeln für die liebe Oma.


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