Interview mit Prof. Dr. Frank Louwen, Leiter der Geburtshilfeabteilung der Uni-Frauenklinik Frankfurt/Main, über den Mythos, dass bei einer Beckenendlage immer ein Kaiserschnitt nötig ist – und wie sich Probleme bei Steißgeburten vermeiden lassen
Baby&Co: In vielen Ratgebern ist zu lesen, dass ein Kaiserschnitt die sicherste Form der Entbindung bei Beckenendlage ist. Sie bestreiten das. Warum?
Prof. Dr. Frank Louwen: Das ist ein moderner Mythos, der auf eine fehlerhafte Studie zurückgeht. Ein Forscherteam hatte darin vor einigen Jahren gezeigt, dass ein Kaiserschnitt besser sei für Frau und Kind. Viele Kliniken haben daraufhin bei Steißlagen nur noch Kaiserschnitte gemacht. Fünf Jahre später hat sich aber herausgestellt, dass die Studie falsch war. Sie wurde zurückgezogen. Trotzdem hält sich dieser Irrtum in den Köpfen vieler Leute.
Wie verfahren Sie an Ihrer Klinik?
Wir machen nie einen Kaiserschnitt in der 38. Woche nur aufgrund einer Steißlage, denn wir wollen der Frau die Chance geben, dass sich das Baby doch noch dreht.
Oder es kommt zur Steißgeburt. Dabei kann es Probleme geben – etwa bei sehr schmalen Frauen. Das ist in der Tat ein wichtiger Punkt. Bei manchen Frauen – vor allem bei Erstgebärenden, die ein großes Kind haben – kann der Beckenkanal zu eng sein. Bei einer Steißgeburt könnte es dadurch dazu kommen, dass der Kopf im Becken stecken bleibt, während der Rest des Körpers schon komplett draußen ist. Das darf auf keinen Fall passieren.
Wie kann man das verhindern?
Ab der 38. Woche machen wir bei allen Erstgebärenden eine Kernspintomografie vom Becken. Dadurch können wir erkennen, ob es normal geformt und weit genug ist. In der 34. oder 35. Woche ist das noch nicht nötig. Bis dahin ist das Baby ohnehin noch so klein, dass es gut durchs Becken passt.
Ist die Untersuchung für das Baby nicht schädlich?
Nein. Das Gute an diesem Verfahren ist, dass es ohne Strahlenbelastung auskommt und trotzdem genaue Informationen liefert. Stellt man fest, dass der Beckenkanal zu eng ist, muss ein Kaiserschnitt gemacht werden. Das kann genauso bei einer Schädel- wie bei einer Steiß- oder Querlage der Fall sein.