Das ist die Geschichte: So hatte sich das Francie (sie bloggt unter themilkinmama.com) auch nicht vorgestellt. Plötzlich ging die Geburt los. Dann ging alles ganz schnell. Als die für die Hausgeburt gerufenen Hebammen angekommen waren, war das Baby auch schon da. Francie brachte ihre Tochter ganz alleine auf die Welt. Dieses Foto konnte ihr Mann noch schießen – auch er hätte die Geburt seiner Tochter fast verpasst. Das Bild zeigt eine von Stolz und Liebe erfüllte Mutter, die ihr Baby auf der Welt willkommen heißt.


Bikld einer Geburt: Ist das zu viel?


© Leonardo Mayorga
Dieser Moment ist jetzt gut ein Jahr her. Als Tribut an ihre Tochter hat Francie das Geburtsfoto in einer geschlossenen Gruppe auf Facebook erneut geteilt. Schließlich hatte sie bis jetzt nur positive Reaktionen darauf bekommen. Sie schreibt: "Mein Herz sagt mir, dass ich das Bild teilen soll, das Gefühl von Stärke, das mir diese Geburt geschenkt hat, soll auch anderen Frauen Kraft geben." Doch ein paar Stunden später wurde das Foto von Facebook gelöscht und Francie wurde sogar zeitweise aus dem Netzwerk geschmissen. Für Facebook war Francies Foto offensichtlich zu anstößig.
Es ist nicht (nur) die Nacktheit

Seitdem wird viel über das Bild diskutiert. Facebook steht am Pranger: Warum wurde dieses harmlose Bild gelöscht? Warum genau widerspricht es den Facebook-Gemeinschaftsrichtlinien? Klar, Francie ist nackt, schließlich gebiert sie gerade ihre Tochter. Man sieht ihre Brüste und ihren Po. So what?! Brüste, Ärsche und Vaginas gibt es doch ohnehin überall zu sehen. Dafür muss man nicht mal heimlich irgendwelche Pornoheftchen durchblättern. Die Oben-Ohne-Mentalität ist auch schon am Baggerloch von nebenan angekommen. Und nach einem Gang in der Gemeinschaftssauna hat man grundsätzlich immer zu viel gesehen. Sprich: Nacktheit per se ist für uns heute nicht mehr gleichbedeutend mit Sexualität. Nackt ist einfach nur nicht angezogen. Ist es also wirklich die Nacktheit auf Francies Bild, die zu der Beschwerde geführt hat?

Zumindest werden die Diskussionen alle auf diesem Level geführt.
Die Gesellschaft würde das Geburtsbild sexualisieren und nur die nackte Frau mit Brüsten wahrnehmen, anstatt der Mutter, die gerade ein Kind geboren hat. Aber ist das wirklich so? Die Mutter kann man auf dem Bild schließlich gar nicht übersehen! Mutter und Baby sind sogar noch über die Nabelschnur miteinander verbunden. Das Bild in seiner Gänze zeigt viel, für manche vielleicht zu viel! Man kann jetzt darüber spekulieren, ob es die Brüste sind. Ich denke nicht. Es ist die schonungslose Ehrlichkeit dieses Fotos. Sie fesselt uns. Und entweder sie packt uns oder sie überfordert uns und stößt uns ab. Es ist wie mit dem Plazenta-Bild der Fotografin Emma Jean.

Welcome earthside sweet little HarperAs a Maori baby his placenta will now be returned to the land.

Posted by Emma Jean Photography on Samstag, 2. Januar 2016

An sich wissen wir, dass die Plazenta ein Wunderwerk der Natur ist, beeindruckend, lebensspendend. Ist sie auf Pixel gebannt, empfinden wir das ganz anders – sie wirkt befremdlich. Sie wirkt nüchtern und…naja, eben organisch. Sie ist ein blutiges Organ, das auf einem Tisch liegt. Und Francie ist eine Frau, die ein Kind gebiert. Beides ganz natürlich. Es ist aber auch ganz natürlich wenn jemand der Meinung ist, solche Bilder nicht sehen zu wollen.
Wir zeigen alles

Twitter, Facebook, Instagram: Inzwischen zeigen Menschen einfach alles. ALLES.
Es gibt sogar einen Instagram-Account, für den Männer ihre entblößten und haarigen Hoden vor landschaftlich ansprechende Kulissen halten. Nennt sich dann #nutscaping. Aber muss ich das sehen wollen? Nein! Die Grenze zwischen dem was privat und was öffentlich ist, hat sich die letzten Jahren weit in Richtung Öffentlichkeit verschoben. Was früher noch als privater Raum galt, wird (v.a. über soziale Netzwerke) bereitwillig der breiten Masse zugänglich gemacht. Darunter fällt inzwischen auch die Geburt eines Kindes. Es mag ein naiver, verklärter Gedanke sein: Aber ich bin immer davon ausgegangen, dass die Geburt ein magischer und äußerst intimer Moment zwischen Mutter, Vater und Baby sei. Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, Verwandte und Freunde als Beisitzer zur Entbindung einzuladen. Man stelle sich nur mal die bizarre Situation vor, wenn eine Frau in den Wehen jedem auf dem Krankenhausflur zuruft: „Hey ich entbinde gleich, schau doch mal vorbei wenn du Lust hast!“ Nein, das ist zu viel.
Woher kommt der Bilderzwang?

Aber mit jedem Geburtsbild machen Mütter eigentlich genau das. Sie laden vollkommen Fremde ein, diesen intimen Moment mit ihnen zu teilen. Das Problem dabei ist, dass manche auch ungefragt an der Geburt teilhaben müssen. Vielleicht junge Mädchen, oder Frauen, die ihr erstes Kind erwarten. Für die können solche Bilder sehr verstörend wirken, manchmal auch Angst machen. Wie soll man Bilder einordnen, wenn man die Erfahrung, die sie abbilden selbst noch nicht gemacht hat? Für Francie mag ihr Foto einfach nur eine Erinnerung an einen wunderbaren Moment sein. Für andere ist es zu viel. Und daher ist es auch legitim zu sagen: "Ja, ich möchte dieses Bild nicht sehen! Ich möchte es nicht sehen müssen!" Ich bin ohnehin der Meinug, manchmal sollten auch Worte wieder ausreichen, um Schönheit abzubilden.


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Kommentare
  • Woodpecker

    Ich finde, jeder sollte für sich entscheiden, ob er ein solches Foto möchte. Es ist nichts anstoßendes daran, ganz im Gegenteil, es sind magische Momente die so festgehalten werden. Oftmals entstehen dabei wunderschöne ausdruckstarke Bilder.
    Lediglich einen Punkt finde ich richtig, sie müssen nicht so öffentlich gemacht werden, das einem keine Wahlmöglichkeit bleibt, ob man sie sehen möchte oder nicht!
    Ich kann jeden verstehen, der sagt: "So ein ehrliches ungeschöntes Bild möchte ich nicht sehen" oder " Mein Kind soll so ein Bild nicht sehen"